Grahnalers Liehlinz.

Glücklich ſeid ihr, kleinen Leſer, die ihr die beſten Freunde noch beſitzet, welche eures Lebens Pfad beſchützen und euch unzählige Freuden bereiten, eure lieben Eltern! Wem klaget ihr es, wenn irgend etwas Unangenehmes euch widerfährt? Wem theilt ihr eure Freuden und kleinen Erlebniſſe ſo gern mit? Gewiß zuerſt und vor allen Dingen Denen, die euch von ganzer Seele lieb haben und Alles für euch aufopfern! Darum habt ihr ſie auch ſo lieb und gehorchet ihnen gern, wenn ſie euch auf den Weg des Guten führen wollen und vor dem Böſen warnen. Wer Vater und Mutter liebet und ehret, dem wird es wohl gehen!

Doch wie verlaſſen ſind diejenigen Kinder, welche die Eltern in ihrem zarten Alter durch einen frühen Tod verlieren! Eine Waiſe iſt meiſt gleich einem verlo renen Lämmchen, das hin und her getrieben wird. Wenigen gelingt es, ein neues Vaterhaus, ähnliche biedere Leute zu finden, wo ihnen die natürliche, warme Liebe wieder erwieſen wird. Manche bittere Thräne fließt dem Andenken an die Einzigen, die Unerſetzbaren, und ſelbſt ihrem Grabe möchten fie ihre Leiden und Bekümmer niſſe klagen.

Schon oft werdet ihr von der Cholera gehört haben. Dieſe Krankheit, die zuweilen durch Anſteckung plötzlich ganze Länder heimſucht, rafft dann Hunderte, ja Tauſende in kurzer Zeit dahin.

Dem kleinen Städtchen W. widerfuhr, wie vielen anderen, im Jahre 1830 ein ähnliches Schickſal. Die Leichenbahre brachte täglich mehrere Opfer dem Fried­hofe zu; obwohl jedes Haus ſtreng von dem andern abgeſchloſſen, jeder Verkehr nach außen gehemmt und die ausgedehnteſten Vorſichtsmaßregeln getroffen worden waren, ſchien es doch, als ob der ſchrecklichen Krankheit keine Schranken zu ſetzen wären. Wittwen und Waiſen jammerten ob des ſchmerzlichen Verluſtes; bitteres Elend und Hungersnoth waren bald in faſt allen Häuſern eingekehrt.

Unter dieſen vielen Opfern der Krankheit befand ſich auch ein armer Maurer, der Abends friſch und gefund von der Arbeit nach Haufe gekommen und früh ſchon eine Leiche war. Seine Frau, die aus einer entfernten Gegend gebürtig, war un­tröſtlich über den plötzlichen Verluſt; nicht nur fie allein, ſondern auch ihr erſt

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