V
rein auffafsen, jedes Verdienst anerkennen, jedes Guten sich freuen, und immer weiter im Guten kommen. — Wo aber einmal Leidenschaften — Haß und Neid, Stolz und Eigendünkel, Ehrsucht und Rechthaberei) u. s. w. — gebletherisch herrschen ; da hat man keinen Sinn mehr für die Vorzüge der Andern, wenn gleich diese Vorzüge jedem Unbefangenen beym ersten Anblicke in die Augen fallen; was sie reden, wird als Thorheit, oder gefährliche Neuerung ausgerufen, und ihre offenbar guten Handlungen werden entweder aus schändlichen Absichten oder aus den unreinsten Quellen hergeleitet. —
Wer über sein Herz nicht wachet, sondern aus unverzeihlicher Sorglosigkeit, aus Abneigung gegen Kampf und Selbstverleugnung dieser oder jener Leidenschaft ungehinderten Eingang in dasselbe gestattet, der verliert unmerklich seine Frey- heit, so daß er am Ende nicht mehr anders, als nach dem Willen und im Geiste der Leidenschaft handeln kann, die ihn wirklich beherrschet: getrübt und geblendet wird sein Auge, daß er die Wahrheit nicht mehr sehen; immer kraftloser wird sein Wille, daß er den Besitz der Tugend beynahe nicht mehr erringen kann: immer fester seht sich die Leidenschaft in seinem Herzen an, daß ihm selbst seine Verblendung
»

