Abendgebet. — Die Vöglein suchten zwitschernd ihre Nester . und in der Ferne tönte das Glockengeläute der hinziehen- j den Heerden und das trillernde Lied des Hirten.
„Ach!" seufzte Marie, „Ruhe und Frieden träufelt? der Abend in alle Herzen! Alles zieht heim, um in den Armen des Schlummergottes die neuen Freuden des jungen Tages zu erwarten; nur ich allein trauere; mir bringt der Abend keinen süßen Schlummer! — Mit tiefem - Weh im Busen suche ich das öde, verlassene Lager; selbst- in den Träumen umgaukeln mich Bilder der Furcht uMij des Schreckens, und wenn ich erwache, so erwacht mein Schmerz, mein Kummer mit. £> Walter! wo weilst i du jetzt?! wirst du mich wirklich für immer, für ewigi verlassen? O, könntest du hineinblicken in dieß zerrissene, ! wunde Herz, O Walter du würdest Mittleid mit mir ha-'I ben! ich habe gefehlt, ja ich habe mich schwer versündigtÄ gegen dich.! aber — ach! — wir sind ja schwach ge-z borne Menschen! Ich erkenn-e mein Unrecht und bei
reue es so wahr und aus der tiefster Tiefe meines schuld-I bewußten Herzens, daß ich gern mein halbes Leben! opfern würde, vermöchte ich diesen einzigen Fleck aus deml Buche meines Daseins zu tilgen. O Walter! waruml mußtest du dich von mir trennen?! warum mußtest dul mir dadurch jedes Mittel, jeden Weg benehmen, dir zv'I beweisen, daß meine Reue, eine wahre, eine aufrichtig«! ist; ach! ich wollte ja fortan nur fix Dich und Dein« Freude leben; ich fühle es, ich würde Dir durch beispiel-I lose Liebe endlich doch die Erinnerung an diesen mißlie-I bigen Augenblick verwischen. Aber, ach! so gingst d« fort — und ließest mir nichts zurück als ein ewiges 'Le« bewohl zur Verzeihung! Mein Leben wird fortan hinl fließen, wie ein Bach im öden Walde über Gestein uni» Felsengerölle, wo jede Welle der Hoffnung am nächste» Kiesel, zerschallt!"

