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gen, bei jeder Maßregel sich stoßen nnd auf die Füße treten
müssen; wohl mögen sie wegen des gewähnten engern Verbandes
große Anforderungengegen einander hegen, aber in ihrer Eng¬
herzigkeit, und nur ihren Vortheil berechnend, sind sie nicht ge¬
neigt, sich solche zu befriedigen.
Die schweizerischen Kantone sind eben so viele Familien»,aber
die Hausväter sind sich nicht freundliche vertrauliche Nachbarn,
sondern, nachdem sie sich in ein einziges Haus kümmerlich ge-
theilt, bewachen sie mit Mißtrauen den Winkel, den sie bewoh¬
nen, und die Rechte, die ihnen in dem Hause zustehen; mit
Neid dagegen blicken sie auf die Ecke, die der andere inne hat,
und bei dem großen Gewühle von Hausherren gibt es viel Hader
und Stöße.
Einen ferner» Beweis, daß auf die Grundlage des bisheri¬
gen Bundesvertrags keine größere Vereinigung der Schweiz ge¬
baut werden könne, liefert die Geschichte der vielen mißlungenen
Versuche und fruchtlos verschwendeten Bemühungen der edelsten
Vaterlandsfreunde, und die Thatsache, daß wir dessenungeachtet
bis jetzt kaum einen Schritt vorwärts gethan haben. Zeigt uns
nicht der gegenwärtige Zustand der Trennung, daß die Auflösung
des Bundes jeden Augenblick durch engherzige Launen der Kan¬
tone, oder durch einen aus irgend einem zufälligen Umstande ent¬
stehenden Zwiespalt hcrbeigeführt werden kann?
Sind endlich die wirklichen Vortheile und Erleichterungen,
welche die Kantone zufolge des Bundesvertrags und der Kon¬
kordate in ihrer Staatsverwaltung sich gegenseitig einräumen,
so erstaunlich viel größer, als die, welche ihnen nach geschlosse¬
nen Staatsverträgen auch von andern Mächten zu Theil werden?
Genießt der Bürger eines schweizerischen Kantons in andern
Staaten nicht fast die nämlichen Begünstigungen hinsichtlich seiner
rechtlichen Verhältnisse und des Verkehrs, als in andern Kan¬
tonen der schweizerischen Eidsgenossenschaft? Stehen daher die
Bürger verschiedener Kantone in einem viel engern Verbände
unter einander, als mit Franzosen und Oesterreichern, oder gibt
es vielleicht ein schweizerisches Bürgerrecht?
Die Frage, ob die Staatsbürger verschiedener Kantone ein
gemeinsames Vaterland haben, kann daher nur in sofern bejaht
werden, als sie Glieder einer Nation, und durch ein natür¬
liches Band, durch nahe Verhältnisse, durch gemeinsame Geschichte,
durch Sinnesart und Sitten einander gewissermaßen verwandt
sind; vom Standpunkte des Rechts und der öffentlichen Verfas¬
sung aber haben sie kein gemeinsames Vaterland, sie sind sich
nicht Brüder^ sondern Fremdlinge; gleichwohl aber legt ihnen der
Bundesvertrag die Pflicht auf, jeden Augenblick Gut und Leben
für einander aufzuopfern.
Die Folgen nun, die mit dieser Getrenntheit und Unabhän¬
gigkeit der Kantone nothwendig verbunden sein müssen, liegen
einem jeden in der Wirklichkeit klar vor Augen. Denn nie wer¬
den so winzige Stäätchen, wie unsere Schweizerkantone, sollte
auch der edelste Wetteifer das Volk wie die Behörden zu Be¬
förderung des öffentlichen Wohls beseelen, im Stande sein, alle
Staatszwecke so zu erfüllen, wie es von einem seiner Vollkom¬
menheit cntgegenstrebenden Staate erwartet werden kann.
Welch kleinlicher Maßstab liegt nicht all uuserm öffentlichen
Leben und Staatswesen zu Grunde, und müssen nicht alle die¬
jenigen öffentlichen Anstalten, welche nur ein großer Staat, mit
großen Mitteln ausgerüstet, heroorbringeu kann, aus unfern
Kantonen verbannt sein, und die übrigen, welche ihnen unent¬
behrlich sind, nur in einer krüppelhaften und nachgeäfften Gestalt
ms Leben treten?
Die Rechtspflege und ihre Gesetzgebung finden wir in der
Schweiz meistens noch in ihren ersten Anfängen, wie sie sich ge¬
rade in den einzelnen Landschaften und Gemeinden neben einigen
alten Satzungen durch Gewohnheit und GcrichtSgcbranch ausge-
bildct hat, so daß in vielen Kantonen eine Unzahl mangelhafter
und oft selbst kaum den Richtern bekannter Rechte nnd Gebräuche
neben einander bestehen.
In denjenigen Kantonen, welche hierin den größten Schritt
gethan haben, kam man meist doch nicht weiter, als daß man
einem geschickten Rechtsgelehrten die Verfertigung eines neuen
Gesetzbuches übertrug; wie soll aber ciu menschlicher Geist, wäre
er auch noch so ausgezeichnet, ans sich eine ausgebildete, um¬
fassende Gesetzgebung erschaffen. Es kann daher nicht befrem¬
den, wenn die mehrsten dieser, für die Kantone noch sehr kost¬
baren Gesetzbücher, an Beschränktheit und Einseitigkeit leiden,
und daß sie größtentheils nur znsammengeschricbene Bestimmun¬
gen der Gesetzbücher unserer großen Nachbarstaaten, oft sogar
wörtlich, enthalten.
Napoleon zeigte uns den Weg, auf welchem ein Staat zu
einer weisen, umsichtigen und ekgenthümlichen Gesetzgebung ge¬
langen kann; der Entwurf eines Gesetzbuches, durch die aus¬
gezeichnetsten Nechtsgelehrten bearbeitet, ward der Nation vor-
gelcgt, alle Gerichtshöfe des Reichs, alle Fähigkeiten wurden
aufgefordcrt, ihre Ansichten und Gedanken darüber mitzutheilen,
und erst dann ward durch die gesetzgebenden Behörden, und Na¬
poleon selbst an der Spitze des Staatsraths, unter reiflicher Be-
rathung nnd umsichtiger Erörterung die Hand der Vollendung
aus Werk gelegt; so ist das Gesetzbuch Napoleons die Schöpfung
der ganzen französischen Nation.
Diesen Weg in den einzelnen Kantonen einschlagcn zu wollen,
wäre wahrhaft lächerlich; wie viele tüchtige Männer würde man
finden, die einem solchen Werke gewachsen wären, und woher
nähme man die Kosten einer solchen Unternehmung; ja, cS frägt
sich, ob es sich der Mühe lohnen würde, für einen einzelnen
Kanton eine ausgebildete Gesetzgebung aufzustellen, da bei der
beschränkten Zahl von Rcchtsfällen, die in einem Kantone Vor¬
kommen, viele Gesetze kaum zur Anwendung kommen würden.
Daß aber dieser üble Zustand der Rechtspflege nothwendig
einen sehr nachtheiligen Einfluß auf das bürgerliche Leben und
allen Verkehr üben müsse, bedarf keines Beweises. Der Bürger,
der in seinem Gewerbe täglich mit Leuten in Berührung kömmt,
die andern und oft sehr mangelhaften Rechten unterworfen sind,
und welche alle zu kennen ihm nicht zugemuthet werden kann,
wird sich nur mit großem Mißtrauen und peinlicher Ungewißheit
kn Geschäfte einlassen, und bei aller Vorsicht den boshaftesten
Plackereien ausgesetzt sein.
Am meisten ist aber der Handel in dieser Hinsicht einem sehr
großen Uebelstande preisgcgeben, theils wegen der Mangelhaftig¬
keit und des Vielerlei der geltenden Rechte überhaupt, theils
weil der Handel für seine eigenthümlichen Verhältnisse und Ge¬
schäftsgang auch cigenthümliche Gesetze und einen schnellen Rechts¬
weg erfordert, nur wenige Kantone aber besondere Handels¬
und Wechselgesetze besitzen. Dadurch wird der kaufmännische Credit,
daS Element alles Handels, nicht nur im Jnnlande, sondern auch
im Auslande geschwächt, und es erklärt sich daher leicht, wie die
Handelsleute bei entstehenden Streitigkeiten oft lieber ihre An¬
sprüche ganz oder zum Theil aufgeben, als dieselben dem schlep¬
penden und unsichern Wege des Rechts anznvertrauen, um nicht
zum erlittenen Unrechte vielleicht noch Mühe und Prozeßkosten
umsonst verschwendet zu haben.
Oie Strafgesetzgebung befindet sich in einem großen Theile
der Schweiz noch in einem wahrhaft barbarischen Zustande; im
Uebrigen ist sie meist den ausgezeichneten neuen Strafgesetzbüchern
unserer großen Nachbarstaaten nachgcbildet; allein man scheint