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So wenig als die einen Kantone durch die andern zn einer
Vereinigung gcnöthigt werden dürfen, eben so wenig wird jenen
eine gegründete Einwendung zu Gebote stehen, wenn diese er¬
klären, daß sie i», bisherigen Zustande der Getrenntheit nicht
mehr fortbestehen weder wollen noch können, und daß sie die
Staatshoheit sammt allen ihren Rechten, welche sie sonst einzeln
genoffen, nunmehr als ein Staat ausüben werden. Einen sol¬
chen Schritt haben die nicht beitretenden Kantone lediglich als
eine Verfassungsänderung anfzunehmen, und sie sind verpflichtet,
die Verfassung des neuen Staates nicht nur anzuerkennen, son-
auch zu gewährleisten.*)
Da fast keine Staatshoheitsrechte der ausschließlichen Aus¬
übung des Bundes Vorbehalten sind, so ist der Bnndcsvertrag
kein Hindernis', daß die Kantone in ihrer Vereinigung nicht ein
in allen Hinsichten sehr auSgebildetes Staatswesen sich bereiten
können. So wird der größere, gebildetere und freisinnigere Theil
der Schweiz einen Staat bilden, der von allen denjenigen Män¬
geln befreit ist, welchen die Kantone in ihrer Getrenntheit noth-
wendig unterworfen sein müssen, welcher im Gegentheil seine
Bürger mit einer Gesetzgebung und Verwaltung beglücke» wird,
wie dies nur ein mit einer naturgemäßen Größe begabter Staat
zn thnn vermag.
Zn den übrigen Kantonen wird der neue Staat im bisheri¬
gen völkerrechtlichen Verhältnisse bleiben , und auf der Tagsatzung
alle diejenigen Rechte ausüben, welche sonst den in ihm vereinig¬
te» Kantonen auf derselben zustanden.
In Hinsicht der dem Bunde ausschließlich vorbchaltenen Rechte
werden ihm die Stimmen aller der Kantone, aus denen er ge¬
bildet ist, zukommen, und er mithin einen bedeutenden Einfluß
ans diese Angelegenheiten ausüben können. Ist auch das Recht,
») Auf die durch den Bundesvertrag versprochene Gewährleifiung der
Verfassung kann freilich kein großes Gewicht gelegt werden, aber es
fei hier doch deßwegen davon gesprochen, um den rechtlichen Gesichts¬
punkt ganz durchzuführen.
über Krieg und Frieden zu entscheiden, dem Bunde übertragen,
so bleibt doch die Kriegsoerfassung fast gänzlich dem neuen Staate
anheimgestellt, und es wird ihm im Falle der Noth eine bedeu¬
tende Truppenmacht zur Selbstvcrtheidigung zu Gebote stehen.
Die übrigen Angelegenheiten der Schweiz, deren Behandlung
dem Wege des Vertrags überlassen ist, wird der neue Staat
auf eine entgegenkommende Weife mit den andern Kantonen ins
Reine bringen; über ihre Selbstsucht und bösen Willen aber wird
er so oft nicht mehr in Sorge sein dürfen, als er selbst kräftige
Maßregeln zu ergreifen im Stande ist.
Diejenigen Landestheile der Schweiz, welche, durch die Ver¬
fassungen ihrer Kantone stiefmütterlich behandelt, sich von den¬
selben lostrennten, und zu deren Wiedervereinigung eben so wenig
Hoffnung vorhanden ist, als daß sie das kümmerliche Dasein
ihrer Selbstständigkeit noch lange durchzuschleppen vermögen, wer-
den mit Begeisterung in der Anschlieffung an den neuen Staat
ihre Rettung suchen, und in demselben ein Glück finden, wie
ihre eigenen Kantone es ihnen nie hätten gewähren können.
Sobald endlich der Werth des neuen Staatswesens seine An-
> erkennnng gefunden, nnd die Vereinigung ihre ersten guten Früchte
getragen haben wird, werden auch die andern Kantone nicht an¬
stehen, ihre Selbstständigkeit auf den Altar des Vaterlandes nie-
derznlegen, und ihre traurige Unabhängigkeit mit der Theilnahme
an einem würdiger» öffentlichen Leben zu vertauschen.
Oer Freund des Vaterlandes wird nicht nur weise Zwecke
haben, sondern er wird diese auch auf weisem Wege und durch
gerechte Mittel zur Ausführung bringen wollen. Betrachte ich
die gemachten Voxschläge nur nach ihrem nächsten Erfolge, so
scheinen sie mir sehr nach Halbheit und Juste-Milieu zu schmecken;
fasse ich sie aber ans dem Standpunkte des Rechts und der Aus¬
führbarkeit auf, so kann ich nicht anders, als sie billigen und
für die einzig wahren halten.
Druck und Verlag von Heinrich Remigius Sauerländer ln Aarau.