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Hör allen Dingen müssen wir uns als Theologen darüber orientiren, daß sich eine erhebliche Differenz gebildet hat zwischen dem Sprachge­brauch der Philosophie und der allgemeinen Bildungssphäre und dem Sprachgebrauch der Theologie in Betreff des Ethischen. Während wir hier nämlich noch mit gutem Grunde die Ethik von der Dogmatik, oder die religiöse Weltstellung des Menschen von seiner ethischen unterscheiden, faßt der moderne Sprachgebrauch alle höheren, geistigen Beziehungen des­selben unter den Namen des Ethischen zusammen. Am meisten hat wohl die Ethik des Spinoza zu diesem Sprachgebrauch beigetragen. In Frank­reich verstand man oder versteht gegenwärtig sogar unter dermoralischen Ordnung" die Theologie des Vatican und ihre Geltendmachung um jeden Preis, sogar durch eine despotische Polizei. Selbst innerhalb dieses Sprachge­brauchs gibt es noch einen Unterschied; man kann mit Spinoza die ganze pantheistische Weltanschauung Ethik nennen, oder man kann in populärer Fassung die Sphäre der sittlichen Freiheit und Verantwortlichkeit des Menschen als ethische von der Sphäre der Naturnothwendigkeit oder des Physischen unterscheiden. *) Die Theologie aber hat auf den Unterschied, sogar auf den harmonischen Gegensatz zwischen Religionswissenschaft und Ethik zu halten und kann dich sogar mit Zurückbeziehung auf Plato und Aristoteles.

Gegenüber nun der höheren modernen Sprachweise, welche alles Geistige ethisch nennt, gibt es eine vulgäre, welche die Wahrheit des Ethischen durchaus läugnet. Man kann aber nicht sagen, daß sie damit den Begriff des Physischen um so mehr emporhebt. Denn für den mo­dernen Atheismus und Materialismus existirt eine wahre Physis der lebendigen Wesen eben so wenig, wie eine Ethik: alle Erscheinungen sind nur Phantasmagorien des Spiels der Atome, der Mechanik des Stoffs, deren Mysterium freilich ein absolutes Dunkel ist, neuestens als eine Art Seelenleben der Atome bezeichnet.

Innerhalb der Theologie aber steht die alte Unterscheidung zwischen Glaubenslehre und Sittcnlehre noch fest, obschon eine große Tendenz vorhanden ist, die Letztere über die Elftere, die Ethik über die Dogmatik zu erheben, eine Tendenz, welche besonders Richard Rothe gefördert hat. Indessen will Alexander Schweizer den Namen Dogmatik als veraltet

*) Das Freie (in seinem normalen Verhalten) ist das Sittliche, dieses das Gute, das Gute ist das Zweckmäßige, das Ziel des Zweckmäßigen die Humanität, die Wahrheit der Humanität die Persönlichkeit. Nach MartcnsenS trefflicher Ethik: 1, S. 1 ff. Lange, Grundriß der Ethik. 1