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lichen Stimmung angeregt, die Hand liebkosend auf
das lockige Haupt der Tochter.
„Vielleicht gestaltet sich Alles besser, als wir denken,"
sagte sie plötzlich, als wolle sie gewaltsam ihre Sorgen
abschütteln. „Wieneck und seine Frau sind Beide un¬
geheuer eitel, und ihnen gegenüber scheint der Vater
auf alle Vorurtheile, die ihn sonst leiten, zu verzichten.
Dir gefällt die Tochter Wieneck's, vielleicht ähnelt der
Sohn Wieneck's seiner Schwester."
Die leise Stimme, mit der Adele diese Worte sprach,
und der Umstand, daß sie das Auge dabei niederge¬
schlagen hielt, verriethen Cilly, daß es ihr Ueber-
windung kostete, das Projekt anzudeuten, welches Cilly
geahnt, um so beklemmender aber legte sich der Druck
auf Cilly's Herz. Die Mutter hätte unmöglich einen
solchen Gedanken andeuten können, noch ehe sie den
Sohn Wieneck's gesehen, wenn das Projekt nicht schon
als solches besprochen worden, wenn sie nicht schon da¬
vor zitterte, daß dasselbe schwere und bittere Stunden
in der Familie Hervorrufen werde.
Es war Cilly, als bedrohe sie schon das Gespenst
eines tiefen Zerwürfnisses mit ihrem Vater, der ja
gewöhnt war, mit eiserner Energie und rücksichtsloser
Strenge seinen Willen durchzusetzen, und die ganze
Sache erschien ihr um so unheimlicher, als hiebei ein
Geheimniß zu walten schien, das man ihr vorenthielt,
und das auf ihren Vater einen mächtigen Einfluß
geübt.
„Mar sagte mir," rief sie, „der Lieutenant v. Wieneck
sei ein unausstehlicher Geck, aber wie dem auch sein
mag, der Vater wird hoffentlich nie von mir fordern,
daß ich bei der Entscheidung über meine ganze Zukunft
Rücksichten auf Verhältnisse nehme, die mit derselben
nichts zu thun haben. Ich denke noch gar nicht an's
Heirathen und will auch noch nicht daran denken."
Adele antwortete nicht sogleich, aber sie zog die
Tochter fester an sich.
„Gott wird mir helfen, Dich zu hüten," murmelte
sie plötzlich, wie einem leisen Beben ihres Herzens Worte
gebend, „Dich davor zu bewahren, daß die Schatten,
mit denen Deine Eltern ringen, Dein Glück, Deine
Zukunft trüben!"
12 .
Auf dem Sophatische der Offizierswohnung Nu¬
mero 16 in der Garde-Jnfanterie-Kaserne lag eine schön
gestochene Einladungskarte und ein Billet, dem dieselbe
beigefügt gewesen.
Herr Geheimrath Wiener v. Wieneck gab sich nach
dem Wortlaut der Karte nebst Frau die Ehre, den
Herrn Lieutenant Grafen Gottel-Forbeck zum Abend¬
essen und Tanz am 10. des Monats in ihrem Land¬
hause zu Friedenthal einzuladen.
„Im Aufträge meiner Eltern," so lautete die aus
sehr schönem, mit Wappen verziertem Briefbogen sehr-
flüchtig und mit dicker Tinte geschriebenen Begleitzeilen,
„stelle ich Ihnen, geehrter Herr Kamerad, die beifol¬
gende Karte zu und werde mir erlauben, mich Ihnen
persönlich vorzustellen, wenn Sie mir eine Zeit angeben
wollen, zu der ich Sie zu Hause treffe.
Hochachtungsvoll
Erik Wiener v. Wieneck."
Max war, um diese Höflichkeit zu erwiedern, auf
dem Wege, dem Dragoneroffizier mit seinen: Besuche
zuvorzukommen, er wollte alsdann auch nach Frieden¬
thal fahren, um Wienecks seine Visite zu machen.
Die Einladung des Geheiniraths erleichterte es Max,
dem Wunsche seines Vaters, daß er mit dem Lieute¬
nant v. Wieneck Bekannschaft anknüpfe, nachzukommen,
am wenigsten aber hatte er erwarten können, daß der
Dragoner ihm so zuvorkommend den Weg bahnen
werde.
Erik v. Wieneck hatte eine elegante Privatwohnung in
der Stadt, ein Livröediener öffnete Max die Thür und
führte ihn in ein reichdekorirtes Vorzimmer, wenige
Sekunden später erschien Erik selbst, um den Besuch in
sein Wohngemach zu bitten. Max war im elterlichen
Hause an Comfort gewöhnt, er war als junger Offizier-
vielfach Gast in reichen und vornehmen Häusern, sogar
in fürstlichen Palästen gewesen, der Luxus konnte
ihm also an und für sich nicht imponiren, aber wenn
er seine Einrichtung in der Kasernenwohnung mit der
Ausstattung dieser Räume verglich, so fühlte er doch,
daß der Reichthum Wieneck in ganz andere Verhält¬
nisse stelle, als die, in denen er lebte, und daß es ganz
erklärlich war, wenn ein junger Mann, der sich Livröe-
diener und Equipage hielt, der in hocheleganten Räumen
wohnte, auch im geselligen Leben mit ^etoiffen Präten¬
sionen auftrat. Erik empfing Max in liebenswürdigster
Weise, und Max fand jetzt weder das Geckenhafte an
ihm, das ihn sonst zurückqestoßen, noch das Arrogante,
das er ihm vorgeworfen.
„Ich wollte Ihnen einen Besuch machen," sagte
Erik, „damit wir uns im Hause meiner Eltern als Be¬
kannte begegnen oder, was noch besser wäre, zusammen
nach Friedenthal fahren. Mein Vater will ein Zauber¬
fest arrangiren, so eine Art italienische Nacht. Sie
kommen doch? Ich verbürge mich dafiir, daß wir uns
amüsiren, ich braue bei solchen Gelegenheiten immer
Das Buch für Alle.
eine kleine Bowle, die ich für gute Freunde in einen
Pavillon setze, wird's in den Salons zu langweilig,
so etabliren wir dort ein Gelage unter Kameraden."
Auf einen Wink Erik's servirte der Diener Port¬
wein und Madeira in Krystallflaschen nebst einem kleinen
delikaten Imbiß, Max mußte dem Gebotenen zusprechen
und dann zur Cigarre greifen — er hätte nie geglaubt,
daß er nach wenig Minuten sich so behaglich und un-
genirt bei dem Dragoner fühlen werde.
„Bei mir werden Sie den gewohnten Comfort ver¬
missen," sagte er im Laufe des Gespräches, „ich wage
kaum, Sie zu einem Gegenbesuche einzuladen, solche
Cigarren kann ich Ihnen nicht vorsetzen, wenn Sie
mich überraschen."
„Diese sind auch noch nicht bezahlt," antwortete
Erik, „erzählen Sie es nur nicht meinem Vater, daß
Sie sich solider einrichten, sonst werden Sie mir als
Muster hingestellt, und es heißt, ich dürfe weniger
Ansprüche machen als Sie, da Sie doch ein Graf sind.
Mein Vater begreift eben nicht, daß ich in einem
Regimente mit den reichsten Erben der Aristokratie diene
und da nicht zurückstehen darf. Aber ich beneide Jeden,
der die Genüsse, welche der Reichthum bietet, noch
nicht kennt. Sie werden mehr davon haben als ich,
wenn Sie einmal eine reiche Frau heimführen oder
eine Erbschaft machen."
Erik sagte das in einem so leichten natürlichen
Tone, daß der Argwohn nicht erwachen konnte, er ver¬
folge dabei einen bestimmten Zweck, und doch war der
Eindruck für Max peinlich, da derselbe in der Ein¬
ladung des Geheimraths ebenso wie in dem Entgegen¬
kommen Erik's eine Illustration zu dem Wunsche seines
Vaters, daß er Bekanntschaft mit dieser Familie suchen
solle, erblicken mußte.
Max war nichts weniger als ein prinzipieller Feind
der Idee, durch eine reiche Parthie seine Verhältnisse
zu verbessern, aber er war zu jung und zu unverdorben,
um an eine derartige Spekulation zu denken, und schon
der Verdacht, man könne ihn verheirathen wollen, flößte
ihm ein Vorurtheil gegen die Dame ein, um die
es sich dabei handelte. Max war noch in den
Jahren, wo man sich schwärmerisch verlieben und in
seinem Hoffen und Begehren aller Vernunft Hohn
sprechen kann, aber gerade deshalb auch leicht Wider¬
willen gegen ein Weib empfindet, das uns aufgedrungen
werden soll.
„Das hat gute Wege," antwortete er, „das Mäd¬
chen, das ich einmal heirathe, geht noch in irgend eine
Kinderschule, ich habe keine Erbschaft zu erwarten und
werde nicht eher heirathen, als bis ich eine Charge er¬
reicht, deren Gage mich auch einer reichen Frau gegen¬
über wenigstens selbstständig macht."
Erik hatte sich wohl bei seiner Bemerkung nichts.
Besonderes gedacht, denn er änderte das Thema in
unbefangener Weise.
„Ich höre," sagte er, „Ihr Herr Vater hat ein
unangenehnies Rencontre mit dem Doktor v. Borken
gehabt. Hoffentlich hat mein Vater den Menschen
nicht eingeladen, er ist mir unausstehlich. Eine Zeit
lang schien es, als lasse der hochmüthige Herr sich
herab, meiner Schwester seine schätzenswerthe Aufmerk¬
samkeit zu schenken, aber gottlob hat er sich eines Bes¬
seren besonnen."
„Mein Vater schreibt," erwiederte Max, „daß er¬
es Ihrem Herrn Vater danke, wenn die Sache ohne
unangenehme Weitläufigkeiten beigelegt wurde. Ich
bin seit länger als acht Tagen nicht nach Friedenthal
gekommen und habe meine Schwester nur flüchtig über
die Sache sprechen hören. Aber wenn ich auch meinen
ungezogenen Bruder nicht in Schutz nehmen will, habe
ich doch den Eindruck, als ob der Doktor v. Borken
ein roher Patron und daneben noch ein prahlsüchtiger
Klätscher ist."
„Er ist ein Demokrat, ein eingebildeter, hochmüthiger
Narr, und ich begreife nicht, was meinen Vater ver¬
anlaßt, sich ihm und seiner Familie förmlich aufzu¬
drängen. Die Mutter ist eine Wittwe in ziemlich be¬
schränkter Lage, die Schwester des Doktors eine nase¬
weise, eingebildete alte Jungfer; der Doktor mag ein
tüchtiger Arzt sein — nun, dafür wird er von Denen,
die ihn brauchen, bezahlt."
Max fühlte sich immer mehr von Erik angezogen,
als er sah, daß der Dragoner auch in dieser Beziehung
mit ihm harmonirte. Erik rieth ihm ab, eine Höflich¬
keitsvisite bei seinen Eltern zu machen, da er damit
nur Zeit vergeude, denn die Vorbereitungen zum Feste
würden seine Mutter doch abhalten, Besuche zu em¬
pfangen. Er übernahm es, Max deshalb zu entschul¬
digen und erbot sich, ihn mit seinem Wagen zum
Feste abzuholen.
Max nahm dieses Anerbieten an, und so war es
Erik selbst, der ihn im Hause der Seinigen einführte.
Der Geheimrath Wieneck hatte nicht nur alle Personen
seiner Bekanntschaft in Friedenthal, sondern auch Fa¬
milien aus D. und Kameraden seines Sohnes ein ge¬
laden. Alle Räume der Villa waren zum Empfange
der Gäste festlich geschmückt, der ganze Garten mit
Lampions und den Zurüstungen zu bengalischer Be¬
Hest 3.
leuchtung versehen, an mehreren Punkten waren Buffets
niit den verschiedenartigsten Erfrischungen improvisirt,
nran hatte sowohl im Salon wie im Garten die Vor¬
bereitungen zun: Tanzvergnügen getroffen, in kleineren
Zimmern waren Spieltische aufgestellt, genug, es war
Alles gethan, jedem Geladenen die Gelegenheit zu bieten,
sich nach seinem Geschmack zu amüsiren.
Die Bewohner von Friedenthal kamen in neu¬
gieriger Erwartung, ob Graf Forbeck mit seiner Fa¬
milie, ebenso wie die Familie Borken sich einfinden
und wie sie dann einander begegnen würden, es wor¬
ein offenes Geheimniß, daß Frau v. Wieneck über beide
Familien bald günstig, bald ungünstig gesprochen, na¬
türlich immer im tiefsten Vertrauen allerlei Andeu¬
tungen gemacht, und man war begierig, zu sehen, wie
die Betroffenen denn eigentlich zu den: Gastgeber
ständen.
Es waren alle möglichen Gerüchte im Umlauf, die
Phantasie der Bewohner von Friedenthal hatte den
für Klatschereien so sehr geeigneten Stoff nach allen
Seiten hin ausgemalt, es war ja durch Thatsachen
aus der Vergangenheit ein dramatischer Hintergrund
geboten, den man für sinnreiche Verwicklungen aus-
beuten konnte.
Frau v. Wieneck hatte sich nichts weniger als grau¬
sam gegen die Neugierde gezeigt, die sie durch geheim-
nißvolle Andeutungen erweckt, und wenn Wieneck selbst
auch in seinen Auslassungen eine gewisse Vorsicht und
Zurückhaltung beobachtet hatte, so verstand er es auch,
in vielsagender Weise zu schweigen, sein Mienenspiel
und seine Gesten ermunterten zu Kombinationen, und
dann schien sein Lächeln zu sagen, daß man das Wich¬
tigste doch noch nicht ahne. Die mit eigener Betonung
hingeworfene Bemerkung der Geheimräthin: „Wir kennen
seine Vergangenheit," wenn vom Obersten, oder wenn
vom Einfluß ihres Gatten auf denselben die Rede
war, genügte, um die Phantasie der Neugierigen in
Thätigkeit zu setzen. Sie fügte dann auch wohl hinzu,
daß ihr Gatte der Vertraute des seligen Ministers
v. Gottel gewesen, daß in damaligen Zeiten ein hoher
Beamter Vieles Hütte durchsetzen können, was heute
unerbittlich dem Spruch der Gerichte unterbreitet werden
müsse.
Man erzählte sich, daß Frau v. Borken vor den:
Grafen Forbeck einen Fußfall gethan, um ihren Sohn
zu retten, und einen wilden Fluch gegen ihn ausge¬
stoßen, als er den hoffnungsvollen jungen Menschen
dennoch zum Richtplatze hätte schleppen lassen; man
wollte sogar wissen, daß die Unschuld des jungen Man¬
nes später bewiesen worden wäre, und daß der Oberst
deshalb so finster aussühe, weil ein Fluch auf ihm
laste. Man brachte die Vermuthungen über die Ver¬
gangenheit Forbeck's, welche Frau v. Wieneck angeregt,
und diese düstere Erinnerung aus der Revolutionszeit
zusammen mit dem Umstande in Verbindung, daß der
Oberst sich meist Graf Forbeck nenne und seinen eigent¬
lichen Namen Gottel auffällig vernachlässige.
Es ward erzählt, Forbeck habe seinen jüngsten Sohn
in einer Weise mißhandelt, daß um ein Haar der
Staatsanwalt gegen ihn eingeschritten wäre; dann hieß
es wieder, der Doktor v. Borken habe sich mit seiner
Mutter entzweit, weil er die Klage gegen den Obersten
zurückgenommen; man hatte erfahren, daß die Comtesse
den Doktor um Nachsicht für ihren Bruder gebeten
und flüsterte nun, Borken habe ihr tiefer in's Auge
gesehen, als sich das für Jemand zieme, der sie als die
Tochter des Mörders seines Bruders meiden müsse.
War es doch auch kein Geheimniß geblieben, daß Cilly
und der Doktor sich in D. auf der Promenade getrof¬
fen. und sprachen doch etliche ältere, unverheirathet
gebliebene Damen über diesen Punkt mit so sittlicher
Entrüstung, als sei die Begegnung zweifellos eine ver¬
abredete gewesen.
Es gab endlich Leute in Friedenthal, welche dem
Geheimrath v. Wieneck zutrauten, er würde einen Grafen
Forbeck ebenso gerne als Schwiegersohn, wie eine Com-
teffe Forbeck als Schwiegertochter begrüßen, und das
heutige Fest solle den betreffenden jungen Leuten die
Gelegenheit geben, einander näher zu treten.
Noch ehe das Fest begann, lief die Neuigkeit durch
den Ort, Lieutenant v. Wieneck habe den älteren Sohn
des Obersten in seiner Equipage nach Friedenthal ge¬
bracht. Man wußte, daß Max v. Forbeck in Frieden¬
thal noch keine Visite gemacht, daß er früher nie bei
Wienecks gesehen worden, daß ja auch der Name For¬
beck dem Geheimrath bis vor Kurzem fremd gewesen,
es war also immerhin bemerkenswerth, daß der Sohn
des Grafen Forbeck plötzlich mit dem jungen Wieneck
intime Beziehungen angeknüpft hatte, und manche Eltern
erwachsener Töchter, die bisher darauf gewartet, daß
auch der Sohn des Obersten ihnen einen Besuch machen
werde,^ zuckten die Achseln über den jungen Mann, der
dem Hause des neu geadelten aber reichen Subalternen
den Vorzug gab.
Die Räume füllten sich sehr bald, Wieneck und
seine Gemahlin beobachteten eine strenge Etikette, sie
empfingen einen Theil ihrer Gäste im Salon, den an¬
dern schon im Vorzimmer, einzelnen, darunter auch dem