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«est 21.
Hast Du schon jemals einen Spaten in der Hand ge¬
habt?"
„Ich erinnere mich nicht."
„Ich auch nicht. Wir können vierzehn Tage graben,
ehe wir Licht und Luft in Deine Gespensterlaube ge¬
bracht, die Büsche ausgerodet und das ganze Terrain
nmgegraben haben. Mit Schersts Hilfe vollenden wir
die ganze Arbeit in wenigen Stunden."
„Aber wenn wir etwas fänden!" fagte Paul mit
bebender Stimme.
„Wir werden nichts finden, als Sand und Wurzeln;
aber ich will selbst den Fall annehmen, Deine Ahnung
wäre begründet, auch dann ist uns Schersts Beistand
nothwendig und auf feine unbedingte Verschwiegen-
heit kannst Du Dich sicher und fest verlafsen. Wenn
die dunkle Laube Geheimnifse birgt, hat Scherf gewiß
schon seht eine Ahnung von denselben! lleberlaß mir
heute das Kommando, mein lieber Paul! Du bist
aufgeregt, Dein Blut wallt, Deine Hand zittert.
Eine Arbeit, wie wir sie Vorhaben, muß man mit
kaltem Kopf und ruhigem Blut beginnen und voll¬
enden. Willst Du Dich unter mein Kommando
stellen?"
„Ja; ich fehe ein, daß Du Recht hast."
„Dann rufe Scherf."
Paul ließ die Tischglocke zweimal scharf anfchlagen,
ihr Ton schallte durch das Haus und war auch im
Garten hörbar. Nach wenigen Minuten erschien Scherf,
dem verabredeten Zeichen folgend. Er kam aus dem
Garten, in welchem er fchon seit Tagesanbruch be¬
schäftigt gewesen war. Mit respektvoller Freundlichkeit
begrüßte er Paul und Heyden, dann erkundigte er sich
nach den Befehlen seines Herrn.
„Ja, Scherf," erwiederte Heyden für Paul das
Wort nehmend, „mein Freund hat Sie gerufen; wir
bedürfen Ihres Beistandes für eine Arbeit, die wir
uns vorgenommen haben oder besser gesagt, wir wollen
Ihnen bei dieser Arbeit helfen, denn Sie werden als
tüchtiger Gärtner die Hauptsache thun müssen. Als
Sie uns neulich bei der Besichtigung des Hauses durch
den Garten führten, zeigten Sie uns an dessen Ende
die dunkle Laube, den Lieblingsplatz des verstorbenen
Herrn Sanitätsrathes. Auch meinem Freunde gefüllt
der Platz, er würde ihn gern ebenfalls zu seinem Lieb¬
lingsplatz wühlen, aber die Luft ist 'dort schon jetzt so
dumpfig, daß cs im Sommer gar nicht zum Aushalten
sein muß. Da muß Luft und Licht geschaffen werden.
Das dichte Gebüsch zu beiden Seiten der Laube muß
ganz ausgerodet, das Land tief umgegraben werden
und das wollen wir heute mit Ihrer Hilfe thun. Be¬
sorgen Sie uns zwei tüchtige Spaten, ein Beil, eine
Säge und ein paar Spitzhacken, wir wollen gleich mit
der Arbeit beginnen."
Schersts Gesicht zeigte anfangs, während Heyden
sprach, den Ausdruck der Verwunderung, dann aber
verdüsterte es sich mehr und mehr. Mit forschenden,
mißtrauischen Blicken schaute er Heyden und Paul an,
dann blickte er sinnend zu Boden. Er antwortete nicht
gleich und war durch den ihm ertheilten Auftrag so
sehr überrascht, daß er der Ueberlegung bedurfte, ehe
er im Stande war, etwas zu erwiedern; dann aber
Wendete er sich nicht an Heyden, der ihm den Befehl
ertheilt hatte, sondern an Paul.
„Thun Sie es nicht, Herr Doktor," sagte er, Paul
mit einem eigenthümlichen Ausdruck von Besorgniß,
ja von Angst anschauend. „Es gibt ja so viele Stellen
im Garten, an denen sich eine behagliche, luftige Laube
leicht Herstellen läßt. Ich bitte Sie, Herr Doktor,
lassen Sie die alten Büsche stehen, sie haben sich so
prächtig entwickelt, es wäre ein Jammer, sie auszu¬
roden und außerdem —"
Er stockte, Heyden's Gegenwart störte ihn; als aber
Heyden mit scharfer Betonung fragte: „Nun? Und
außerdem? Welchen Grund haben Sie noch, die dum¬
pfige, ungesunde Laube erhalten zu wollen?" — fuhr
der alte Mann zu Paul gewendet fort:
„Und außerdem erscheint es mir wie eine Versün¬
digung an dem seligen Herrn, wenn so kurze Zeit nach
seinem Tode sein Lieblingsplatz zerstört wird. Er hat
dort so gern gesessen!"
„Wir wollen ihn nicht zerstören, sondern im Gegen-
theil wohnlicher und angenehmer machen.
„Er hat es nie geduldet, daß auch nur ein Zweig
an dem Gebüsch abgeschnitten wurde. Gerade so, wie
es ist, sollte es bleiben, sogar noch dichter und höher
werden. Lassen Sie die Laube unberührt, ich bitte Sie
recht innig darum."
Paul schaute finster vor sich nieder. Die Angst,
welche sich so augenscheinlich in dem Gesicht Scherf's
aussprach, erschien ihm als ein untrüglicher Beweis
dafür, daß der alte Diener das Geheimniß feines frühe¬
ren Herrn kenruy und jetzt von der Besorgniß durch¬
drungen sei, dasselbe könne verrathen werden. Hatte
Paul früher nur geahnt, daß die Laube ein düsteres
Geheimniß verberge, jetzt meinte er davon überzeugt
sein zu dürfen, jetzt schwand auch jedes Bedenken, wel¬
ches er bisher gehabt, Scherf an der Nachgrabung
theilnehmen zu lassen. Sein Entschluß wurde durch
Das Buch für Alle.
Schersts Bitte nicht erschüttert und doch überkam ihn
ein unbequemes Gefühl, als ob sein Gewissen sich rege,
als ob es ein Mißbrauch des Vertrauens, eine Undank¬
barkeit gegen den Verstorbenen sei, dem Geheimniß
nachzuforschen, einzudringen in das Gebüsch,. welches
er so sorgsam gehütet und gepflegt hatte. Heyden
mochte wohl etwas Aehnliches denken, und die Besorg¬
niß hegen, Paul werde sich durch Schersts Bitten er¬
weichen lassen, denn er nahm, che Paul noch antwor¬
ten konnte, schnell das Wort.
„Thnt uns leid, Scherf, aber wir können Ihre
Bitte nicht gewähren. All' die Gründe, welche Sie
anführen, haben wir schon besprochen. Das Recht der
Lebenden ist größer als das der Todten. Alle Achtung
vor den Wünschen Ihres verstorbenen Herrn! Wir wür¬
den auch gewiß Rücksicht auf dieselben nehmen, aber
sie gelten eben nur für fein Leben, nicht über seinen
Tod hinaus, sonst würde er jedenfalls in seinem Testa¬
ment die Bedingung oder wenigstens den Wunsch aus¬
gesprochen haben, es solle im Garten nach seinem Tode
keine Veränderung vorgenomnren werden; oder hat er
etwa Ihnen gegenüber eine derartige mündliche Bestim-
nmng getroffen?"
„Nein, das allerdings nicht," sagte Scherf kleinlaut,
„aber ich weiß es gewiß, er würde sie getroffen haben,
wenn er geahnt hätte —"
„Er mußte wohl ahnen, daß sein Erbe einen Gar¬
ten, der ihm zur freien Verfügung hinterlassen worden
ist, sich nach seinem Gefallen einrichten würde. Ich
ehre die Pietät, welche Sie für Ihren verstorbenen
Herrn haben, aber Ihren Wunsch kann ich nicht er¬
füllen. Mein Freund wünscht, daß wir sogleich mit
der Ausrodung des Gebüsches und der Umgrabung des
Bodens rings um die Laube beginnen, und dabei muß
es bleiben. Ich bitte Sie daher nochmals, besorgen
Sie uns schnell zwei Spaten und das übrige Werkzeug
und machen Sie sich bereit, uns bei der Arbeit zu
helfen."
Immer düsterer wurde Scherf's Gesicht, er warf
Heyden einen finsteren Blick zu, aber er antwortete
ihm nicht, sondern wendete sich wieder an Paul. „Be¬
stehen Sie wirklich darauf, Herr Doktor?" fragte er
mit angstvoll bittendem Tone. „Thun Sie es wenig¬
stens jetzt noch nicht, nicht so bald nach dem Tode des
seligen Herrn. Und weshalb wollen Sie sich selbst
anstrengen? Das Graben ist eine schwere Arbeit,
die die Knochen mürbe macht, wenn man nicht daran
gewöhnt ist. Ich will Ihnen die Laube so luftig und
schön machen, daß Sie Ihre Freude daran haben
sollen, wenn Sie mir nur Zeit lassen!"
„Wir wollen es selbst thun, nur Ihre Hilfe fordern
wir. Wollen Sie diese nicht leisten ? Versagen Sie
den Gehorsam?" fragte Heyden, das Wort Gehorsam
scharf betonend.
„Wenn mein Herr, der Herr Doktor, mir den Be¬
fehl ertheilt, werde ich gehorchen!" erwiederte Scherf,
Paul noch einmal angstvoll bittend anschauend.
„Ich wünsche cs allerdings. Gehen Sie, Scherf,
holen Sie die Spaten," sagte Paul, der nur mit Mühe
seine tiefe Bewegung unterdrücken konnte.
Scherf schüttelte bedenklich den Kopf. „Ich ge¬
horche, aber Sie werden es bereuen, Herr Doktor,"
entgegnete er traurig, dann verließ er langsam das
Zimmer, indem er über die Veranda nach dem Garten
ging. Er war kaum hinter dem Gebüsch verschwun¬
den, als Paul Heyden's Hand ergriff und sie heftig
drückend in tiefer Erregung sagte:
„Hast Du's gehört, Fritz? Glaubst Du mir noch
nicht?"
„Es ist im höchsten Grade befremdend," erwiederte
Heyden. „Ich fange jetzt wirklich an, auch zu glauben,
daß unter diesen nichtsnutzigen Büschen irgend ein
dunkles Geheimniß verborgen liegt. Jedenfalls aber
müssen wir darüber Gewißheit haben. Wir müssen
dem Gespenst auf den Leib gehen. Komm, Paul, bei
der Laube werden wir Scherf mit den Spaten erwarten
und dann geht's an die Arbeit. Er muß uns helfen,
er mag wollen oder nicht."
Schweigend wanderten die Freunde durch den
Garten. Es war ein herrlicher Frühlingsmorgen der
regnerischen Nacht gefolgt. Die Morgensonne spiegelte
sich tausendfältig in den krystallklaren Wassertröpfchen,
die an den eben hervorsprossenden saftgrünen Blättern
hingen und wie zahllose, in leuchtenden Farben blitzende
Diamanten erschienen. Vereinzelte Frühlingsblumen
entfalteten schon ihre thaufrischen Knospen, der Rasen
prangte im üppigsten Grün; über dem Gebüsch lag
ein leichter Duft, der die allzu grellen Farben mäßigte
und selbst den Hellen Sonnenschein dem Auge wohl-
thuend erscheinen ließ.
In dem von der Straße weit abseits liegenden
Garten hört§ man nichts von dem Wagengerassel und
dem übrigen störenden Lärm der Großstadt, nur das
fröhliche Zwitschern der munteren, durch die Zweige
der Büsche Hüpfenden-Vögel unterbrach die tiefe Stille
und erfüllte den einfauien Garten mit einem heiteren
Leben.
Welch' grellen Kontrast bildete das unheimliche
Tagewerk, zu welchem die Freunde sich anfchickten, mit
der wonnigen Frühlingslust, die aus jeder sich er¬
schließenden Blüthe sie anlachte, in welcher der wolken¬
lose blaue Himmel strahlte, die von den zwitschernden
Vögeln aus jedem Busch ihnen entgegengejubelt wurde.
Paul wurde sich dieses Gegensatzes erst bewußt, als
er jetzt am Ende des Gartens bei dem hohen, dicht
verwachsenen Gebüsch anlangte, durch welches der
schmale Pfad nach der mitten im Gesträuch gelegenen
Laube führte. Zwei warme Tage und eine laue Regen¬
nacht hatten eine außerordentliche Veränderung hervor¬
gerufen. Die Knospen hatten sich entfaltet, an allen
Zweigen prangten die frischgrünen jungen Blätter, sie
verhüllten schon jetzt den dunklen, mit abgefallenem, wel¬
kem, vermoderndem Laub bedeckten Boden. Beim ersten
Besuche des Platzes hatte Paul ein dem Grauen verwandtes
Gefühl des Unbehagens gehabt, heute stieg in ihm un¬
willkürlich ein Gefühl des Bedauerns auf, als er daran
dachte, daß diese schönen, so üppig keimenden Sträucher
dem Beile, der Hacke und dem Spaten zum Opfer
fallen sollten, heute erschien es ihm nicht wunderbar,
daß der Verstorbene gerade diese so lauschige, mitten
im hohen Gebüsche versteckte Laube zu seinem Lieb¬
lingsplatz gewählt hatte.
Scherf war mit den Werkzeugen noch nicht eingc-
trosfen. Schweigend wandelten die Freunde auf dem
breiten Kieswege vor der Laube auf und ab, sie waren
Beide ganz erfüllt von dem Ernst der Nachforschung,
die sie zu unternehmen im Begriffe waren; selbst der
leichtherzige, stets zu einem heiteren Gespräch aufge-
legte Heyden, dem es sonst niemals an einem lustigen
Worte fehlte, fühlte in diesem Augenblicke das Be-
dürfniß zum stillen Nachdenken, auch er unterlag den:
Eindrücke der trüben Stimmung, welche die letzte Unter¬
redung mit Scherf in ihm hervorgerufen hatte, er hätte
keines feiner gewöhnlichen Scherz- und Witzworte her¬
vorbringen können, auch wenn er nicht gefühlt hätte,
daß ein solches in diesenr Augenblicke Paul unangenehm
berühren, ja verletzen müsse.
Wohl eine Viertelstunde verging, ehe Scherf etwas
von sich hören ließ. Jetzt endlich kam er, schwerbela¬
den mit einer Menge Werkzeuge verschiedener Ärt,
die er auf beiden Schultern trug. Er warf die Werk¬
zeuge : drei breite Spaten, zwei starke Hacken und zwei
scharfe Beile, auf den Kiesweg, dann wendete er sich
an Paul. „Hier ist das Handwerkszeug, Herr Doktor,"
fagte er. „Ich habe es herbeigeholt, weil Sie es be¬
fohlen haben; aber es zerreißt mir das Herz, daß ich
es gebrauchen soll, um zu zerstören, was mein lieber
verstorbener Herr so sorgsam gehütet hat. Es ist nicht
eines Dieners Sache, zu beurtheilen, was der Herr
thut, aber ich bin ein alter Mann, der manche trübe
Erfahrung im Leben gemacht hat, und der Herr Sani¬
tätsrath ist oft mit mir nicht wie mit einem Diener,
sondern wie mit einem Freunde zu Rathe gegangen.
Und deshalb verzeihen auch Sie, Herr Doktor, mir gewiß,
wenn ich Sie noch einmal bitte, mir Gehör zu schen¬
ken. Ich möchte so gern noch ein paar Worte mit
Ihnen sprechen, aber allein, unter vier Augen."
„Ich habe kein Geheimniß vor meinem Freunde
Heyden, Sie können ihm wie mir vertrauen."
„Gewiß, Herr Doktor, ich habe es ja auch schon
gethan, als ich Ihnen in Gegenwart des Herrn Doktor-
Heyden meine Geschichte erzählte, aber — der Herr
Doktor Heyden möge mir verzeihen — ich bin doch
Ihr Diener, an Sie hat mich mein lieber seliger Herr
verwiesen, für Sie hat er mir — ja, was wollt' ich
denn sagen? Nun ja, was ich Ihnen sagen wollte
geht doch Sie allein an und gegen Sie allein kann ich
offen und ganz von Herzen sprechen."
„Ich würde doch Heyden mittheilen, was Sie mir
sagen."
„Thun Sie es, wenn Sie es für nothwendig und
richtig halten; aber ich vermag nicht so frei zu sprechen
in Gegenwart eines Anderen, selbst des Herrn Doktor-
Heyden, wie zu Ihnen allein, Herr Doktor."
„Vertrauen läßt sich nicht erzwingen," erwiederte
Heyden für Paul, „ich glaube zwar nicht, daß Ihre
Worte meines Freundes Absicht erschüttern werden,
aber Sie sollen durch meine Gegenwart nicht gezwun¬
gen werden, zu schweigen. "Erfülle den Wunsch des
alten Mannes, Paul, ich werde dort im breiten Mittel-
wege auf und nieder wandern, so lange, bis ich von
Dir gerufen werde."
Paul und Scherf blieben allein. Scherf's Blicke
ruhten gedankenvoll auf dem verwachsenen Gebüsch, er
schwieg so lange, bis Heyden weit genug entfernt war,
um ihn nicht mehr hören zu können, dann wendete er
sich zu Paul.
„Zürnen Sie mir nicht, Herr Doktor, wenn ich
Sie noch einmal bitte! Ich war vorhin so überrascht,
ich konnte die rechten Worte nicht finden. Während ich
das Handwerkszeug zusammensuchte, habe ich nachgedacht,
und vielleicht gelingt es mir nun doch, Sie zu über¬
zeugen, daß es besser ist, wenn Sie abstehen von Ihrer
Absicht. Wollen Sie wirklich nur, wie Herr Doktor-
Heyden sagt, sich einen luftigen, schönen Platz im Garten
schaffen, wo Sie sich ausruhen und im Schatten sitzen