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Autorrechte Vorbehalten.
Dir Schuld der Hüter.
Roman
von
E. H. v. Dedenroth.
(Fortsetzung.)
(machdruck verboten.)
er Peinliche Eindruck, den es auf Cilly
machen mußte, daß Adeline gewissermaßen
Partei gegen ihre eigenen Eltern nahm,
konnte nur durch die Uebcrzeugung ver¬
wischt werden, daß Adeline nur in der Ab¬
sicht , Unangenehmem vorzubeugen, ihre
Warnung laut werden ließ, und endlich, daß sie Cilly
wahre Freundschaft beweisen wollte. Das
Auge Cilly's hatte sich aus die Freundin
geheftet, und je tiefer sie sich in die Be¬
trachtung der Züge Adeliuens versenkte,
mn so größer ward ihr Vertrauen, um¬
somehr aber fühlte sie sich auch wie
durch einen unwiderstehlichen Magnetis¬
mus angezogen. Es war ihr, als trete
immer deutlicher aus dem lieblichen
Antlitz ein tief schmerzlicher Zug her¬
vor, der bei oberflächlicher Beobachtung
verborgen geblieben, als seufze ein stilles
Weh aus den klaren freundlichen Augen,
und sie glaubte nicht fehlzugehen, wenn
sie dem Argwohn nachhing, Adeline ver¬
berge eine ungestillte Sehnsucht in der
Brust
Adeline hatte mit Wärme den Doktor
v. Borken vertheidigt, aber sie hatte cs ->' n -,
ab geleugnet, daß derselbe sich um ihre
Gunst beworben. Cilly glaubte ihr Ge-
heimniß zu errathen.
Wieneck rief seine Tochter, er wollte
aufbrechen, und die jungen Mädchen
mußten sich daher trennen, ehe sie sich
völlig mit einander ausgesprochen, aber
es schien, als solle ihnen die Gelegenheit
nicht fehlen, das Versäumte sehr bald
nachzuholen. Wer den Oberst nur eini¬
germaßen kannte, der mußte überrascht
sein von der Galanterie, mit der er
Frau v. Wieneck auszeichnete, und der
Herzlichkeit, mit der er ihrem Gatten
die Hand schüttelte. Es war, als habe
der vornehme, sonst ziemlich verschlossene
Mann sich in einen geschmeidigen Höfling
verwandelt, als fühle er sich beglückt,
eine Familie gesunden zu haben, mit
der er in vollständiger Harmonie den
freundschaftlichsten Verkehr anknüpsen
könne. Cilly traute ihren Augen nicht,
als sie sah, wie ihr Vater es sich nicht
nehmen ließ, der Frau v. Wieneck die
Mantille umzuhängen und wie er, fast
mit der zärtlichen Galanterie eines Lieb¬
habers, ihre Hand küßte. Die geschmeichelte Frau be¬
nahm sich dabei mit einer Koketterie, als zweifle sie
nicht an dem Triumph, den sie feierte.
„Sie sind ein gefährlicher Mann, lieber Gras,"
sagte sie, „an Stelle Ihrer Gemahlin würde ich eifer¬
süchtig sein."
Adele schien diese geschmacklose Bemerkung über¬
hören zu wollen, obwohl Frau v. Wieneck sie dabei
ansah, sie durste Wieneck es nicht versagen, auch ihr
die Hand zu küssen, aber man sah es ihr an, wie Pein¬
lich es ihr war, daß Wieneck die Erlaubnis zu dieser
fast vertraulichen Huldigung beanspruchte.
„Es sind doch charmante Leute," sagte der Oberst,
als sich die Familie verabschiedet hatte, und es schien
Cilly, als seien diese Worte an ihre Adresse gerichtet,
als wolle ihr Vater erklären, weshalb er sich heute
'Jr
Johann Nepomuk Beck scn.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb.
(S. 103.)
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liebenswürdig und galant gezeigt. „Schwächen und
Fehler hat jeder Mensch, man muß die Vorzüge da¬
gegen in die Wagschäle legen. Ich denke, der Aufent¬
halt in Friedenthal wird sich durch den Verkehr mit
dieser Familie recht angenehm für uns gestalten, unser
Leben wird recht gesellig werden, und Du, Cilly, wirst
Gelegenheit finden, Dir einen Gatten zu erobern."
Cilly mußte unwillkürlich an das Gespräch mit
ihrem Bruder denken, bei welchem der Gedanke flüchtig
ausgetaucht war, daß ihr Vater vielleicht gar eine ver¬
wandtschaftliche Verbindung mit der Familie Wieneck
projektire. Ihr Blick siel zufällig auf ihre Mutter,
und sie erschrak vor dem Ausdruck trüber Sorge, der
in dem Antlitz derselben lag. Sie gab eine ausweichende,
von erzwungenem Scherz diktirte Antwort, aber kaum
war sie allein mit ihrer Mutter, als sie dieselbe
auch um eine Erklärung darüber bat,
was den Vater so gänzlich umgewandelt
habe.
„Forsche nicht," antwortete Adele, das
blonde Haupt ihrer Tochter streichelnd,
„Gott gebe, daß Du nie zu erfahren
brauchst, was meine Seele beunruhigt.
Denke, daß es eine Laune Deines Vaters
sei, mit Leuten, die gerade keine besondere
Sympathie erwecken, aber wenn man sie
sich zu Feinden macht, sehr unbequem
werden können, in anscheinend vertrauten
Verkehr zu treten."
„Du beängstigst mich, Mutter. Der
Vater verleugnet seinen ganzen Charakter,
wenn er Leuten, von denen er im Stillen
sehr wenig hält, so ausfällig deu Hof
macht."
„Denke, daß es klüger und vortheil-
Hafter ist, wenn er sich zu diesem Auf¬
treten entschließt, anstatt wie sonst
durch Schroffheit sich Feinde zu machen.
Wieneck hat die Sache mit den Borkens
gütlich beigelegt, der Vater ist ihm Dank
dafür schuldig, er sieht ein, daß, wenn
er den Weg verfolgt Hütte, den er schon
eingeschlagen hatte, wir nicht nur den
Prozeß verloren hätten, sondern auch die
öffentliche Stimme über uns den Stab
gebrochen hätte."
„Liebe Mutter, der Doktor v. Borken
deutete in seinem Schreiben an, daß
Wieneck's Vermittlung überflüssig ge¬
wesen wäre, ich habe im Coupö Worte
gehört, nach denen es mir zweifelhaft
erscheint, ob Wieneck's Einmischung für
das Ansehen des Vaters günstig war,
und Adeline Wieneck gab mir geradezu
zu verstehen, daß auf die freundschaft¬
lichen Gesinnungen ihrer Eltern nicht zu
bauen sei."
Die Gräfin nickte, als beklage sie es,
nicht widersprechen zu können, aber sie
wich auch einer direkten Antwort aus.
Wieder legte sie, wie von einer plötz-
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