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Heft 5.
Grafen Forbeck, eilte Wieneck bis an die Schwelle des
Hauses entgegen.
Diese steife Art der Begrüßung hatte das Gute,
daß die bereits Erschienenen jeden Ankommenden mustern
konnten, denn da jeder Eintreffende den Salon durch¬
schreiten mußte, um dann durch den Gartensaal in's
Freie zu gelangen, passirten alle Eingeladenen die Revue.
Es wurde sofort bemerkt, daß der Doktor v. Borken allein
erschien und die Seinigen entschuldigte, daß die Comteffe
Cilly bei ihrer Begrüßung Adelinens dieselbe umarmt,
daß Graf Forbeck der Frau Geheimrath die Hand ge¬
küßt hatte.
Es war früher allgemein Sitte und ist auch Ge¬
wohnheit der Cavaliere aus alter Schule geblieben,
Damen von Rang die Hand zu küssen, wenn ihnen
dieselbe geboten wird, der einfache Handdruck zwischen
Damen und Herren ist moderner Gebrauch, und der
Handkuß nur da üblich geblieben, wo man der Dame
eine besondere Ehrerbietung, oder der Geliebten eine
Zärtlichkeit erweisen will. Der Oberst Graf Forbeck
hatte überall die Maske des stolzen vornehmen Aristo¬
kraten zur Schau getragen, man wußte, daß er ge¬
schwankt, ob er der Familie Wieneck überhaupt die
-Ehre seines Besuches schenken solle, es mußte daher
auffallen, daß er eine chevalereske Artigkeit gerade
einer Dame erwies, die in der ersten Gesellschaft kaum
für voll galt. Man hatte also den Beweis, daß er
Ursache hatte, den Wienecks den Hof zu machen, oder
man mußte annehmen, daß der Reiz der immer noch
schonen Frau, die heute Alles gethan, ihr Aeußeres
in das vortheilhasteste Licht zu setzen, ihn zu einer ga¬
lanten Huldigung veranlasse.
So ganz unmöglich erschien das Letztere nicht, und
ein großer Theil der Damen, und zwar gerade solche,
die von der Natur in Bezug aus äußere Reize ver¬
nachlässigt waren, glaubten aus der strahlenden, selbst¬
gefälligen Miene der Geheimräthin, sowie aus dem
Umstande, daß der Gras Forbeck auch im Lause des
Abends sichtlich bestrebt war. der Frau v. Wieneck
Artigkeiten zu sagen, bedenkliche Schlüsse ziehen zu
dürfen.
13 .
Karl v. Borken hatte lange geschwankt, ob er der
Einladung Wieners Nachkommen solle oder nicht.
Wir haben schon erwähnt, daß Wieneck sich früher be-
niüht, ihn in sein Haus zu ziehen, und daß Borken
den Berkehr daselbst hauptsächlich deshalb beinahe ab¬
gebrochen, weil die Klatschsucht der Friedenthaler seine
Besuche bei Wienecks sehr bald dadurch erklärte, daß
er aus Freiersfüßen gehe.
Borken schätzte Adeliue Wieneck, aber er war nicht
dazu gekommen, ihr näher zu treten und sie genau
kennen zu lernen, da ihm der ganze Ton im Hause
nicht gefiel und er instinktmäßig fühlte, daß hier Vor¬
sicht geboten sei. War es ihm schon zuwider, Gespräche
anhörcn zu müssen, in denen die böse Zunge der Ge-
heimräthiu Jedem etwas anhing, das Privatleben, die
Verhältnisse, die Ehre aller Leute bemäkelte, so konnte
er sich sagen, welche Nachrede ihn selbst bedrohte, wenn
er sich die geringste Blöße gab und dann vielleicht gar
Pläne durchkreuzen mußte, welche Adelinens Eltern
geschaffen.
Es lag aus der Hand, daß Borken durch Annahme
der heutigen Einladung die fast gelösten Beziehungen
wieder fester knüpfte, und dieses Bedenken ebenso, wie
seine Abneigung gegen derartige Gesellschaften über¬
haupt, in denen alle möglichen Elemente zusammen¬
gebracht werden, hätten ihn jedenfalls veranlaßt, sich
der Absage seiner Angehörigen anzuschließen, wenn
nicht andererseits zwei Momente eine mächtigere Wir¬
kung aus ihn geübt hätten. Er fühlte, daß es ange¬
sichts der über sein Rencontre mit Forbeck umlaufenden
Gerüchte zweckmäßig sei, einer persönlichen Begegnung
nicht auszuweichen und nicht zu dem Argwohn Anlaß
zu geben, daß er abgesagt, weil der Oberst sich unter
Wieneck's Gästen befinde. Er hielt es für richtig, allen
Klatschereien, bei denen man möglicherweise ihin einen
Theil der Schuld zuschob, dadurch zu begegnen, daß
er bei dem Feste erschien. Er hatte aber auch erfah¬
ren, daß die Comteffe infolge der Verletzung, die sie
ihm gegenüber abgeleugnet, die Hilfe des Doktors
Thuler in Anspruch genommen, und es hatte einen un¬
widerstehlichen Reiz für ihn, zu beobachten, wie sie sich
ihm gegenüber benehmen werde.
Karl mochte es sich vielleicht nicht eingestehen,. daß
er überhaupt Sehnsucht danach empfand, Cilly wieder
zu sehen, er hätte überhaupt, wenn ihn Jemand befragt,
sein Interesse für Cilly ein rein psychologisches genannt,
aber die Thatsache ließ sich nicht bestreiten, daß die
Aussicht, Cilly zu begegnen, das entscheidende Moment
für sein Erscheinen im Wieneck'schen Hause war.
Der Empfang, welcher Borken wurde, war nichts
weniger als besonders ermuthigend. Wieneck machte
ihm zwar ein tiefes Kompliment und bedauerte, daß
er allein komme, aber die Geheimräthin sprach in etwas
gereizter Weise über die Vernachlässigung, mit der er
auf freundliches Entgegenkommen geantwortet. Sie
hatte in ihrem ganzen Tone etwas Hochfahrendes, als
Das Buch für Alle.
müsse der Doktor sich für die Gunst bedanken, Gast in
diesem Hause zu sein; Erik hielt cs kaum der Mühe
Werth, seinen Gruß zu beantworten.
„Sieht man Sie auch einmal, Doktor?" sagte er
in fast herausfordernd nichtachtender Weife.
Borken sah. wie Adeline, welche, im Gespräche mit
Max v. Forbeck stehend, Zeugin dieses Benehmens ihres
Bruders war, in Umnuth und Scham erröthete.
„Das ist hübsch, daß Sie wenigstens kommen,"
sagte sie, ihm einige Schritte eutgegengehend, als müsse
sie das Betragen ihres Bruders gut machen, „die Ihri¬
gen befinden sich doch wohl?"
„Lieutenant Graf Forbeck," so stellte sie Mar dem
Doktor vor, als dieser ihre Frage bejahend sich ver¬
neigte.
Die Blicke des jungen Offiziers und die des Arztes
begegneten einander. Mar war noch von dem Arg¬
wohn befangen, den er gegen Cilly in Betreff des
Arztes geäußert, er hatte sich mit kühler Gemessenheit
verneigt und mußte es in den Augen Borken's lesen,
wie diesen sein schroffes, einem älteren Manne gegen¬
über fast unhöfliches Benehmen befremde; Borken da¬
gegen fühlte aus dem Blicke des Offiziers instinktmäßig
eine beinahe feindselige Gesinnung. Er unterließ es
daher, mit Max ein Gespräch anzuknüpfen. Adeline
aber, auf welche es einen sehr Peinlichen Eindruck ge¬
macht, daß auch der Lieutenant Forbeck einen Mann
von Bedeutung, wie Borken, so seltsam behandelte, ob¬
wohl er Ursache gehabt hätte, gerade gegen Borken
doppelt höflich zu sein, sagte absichtlich mit ein wenig
erhobener Stimme: „Mein Vater wird das Opfer dop¬
pelt anerkennen, das Sie uns bringen, obwohl Sie ge¬
wiß sehr beschäftigt sind, es war ihm eine große Freude,
die unangenehme Sache beilegen zu können, welche das
Rencontre zwischen Ihnen und dem Obersten Grafen
Gottel-Forbeck hervorrief. Sind Sie der Comteffe For¬
beck schon vorgestcllt?"
„Ja und nein, gnädiges Fräulein," versetzte Bor-
ken, „ein Zufall führte mich ihr in den Weg. Aber
hat sich Friedenthal umgewandelt? Man weiß hier
doch sonst Alles, was im zehnmaligen Umkreise ge¬
schieht und nicht geschieht."
„Ich weiß es sogar aus allerbester Quelle," ent-
gegncte Adeline lächelnd, „daß meine Freundin Ihren
guten Rath nicht befolgte, aber sie soll Ihnen das
selber berichten, sie verdient diese Strafe."
Borken konnte es nicht hindern, daß Adeline, die
eben Cilly bemerkte und derselben einen Wink gab, ihn
zu der Comteffe führte; nach der Art, wie ihm der
Lieutenant begegnet war, konnte er von der Schwester
desselben keinen besonderen Empfang erwarten.
Und es schien, als solle sich diese Ahnung bestäti¬
gen. Bei den Begrüßungen verschiedener Damen, mit
denen Cilly bei Gelegenheit der Visiten Bekanntschaft
angeknüpft, hatten allerlei Fragen ihr verrathen, wie
man die kleinsten Details der Vorgänge wisse und die¬
selben besprochen habe. Sie hatte sogar Bemerkungen
darüber gehört, daß der Doktor v. Borken ihre per¬
sönliche Fürbitte für Kurt höchst ungalant zurückge¬
wiesen, sie befand sich in gereizter Stimmung, denn
trotz der Versicherungen Adelinens vom Gegentheil arg¬
wöhnte sie, daß Borken in Prahlerischer Weise die Be¬
gebenheiten entstellt weitererzählt habe.
„Ich gebe es zu," sagte sie, als Adeline sie in
neckisch heiterem Tone aufforderte, Borken zu beichten,
daß sie ihm die Wahrheit verborgen, „es widerstrebt
mir, Bagatellen eine Wichtigkeit beizulegeu, aber ich
konnte freilich auch nicht ahnen, daß Herr v. Borken über
die unwesentlichsten Dinge, die in Friedenthal und in
unserem Hause Passiren, so genau unterrichtet wird,
daß er jetzt in der Lage ist, mir eine Unwahrheit Vor¬
wersen zu können."
„Die Schuld trifft mich," rief Adeline, „ich habe
über Deine Verletzung gesprochen, als davon die Rede
war, daß bei uns getanzt werden soll."
„Gnädigste Comteffe," nahm Borken das Wort, „es
wird in kleinen Orten, wo die Leute nichts Besseres zu
thun haben, als sich um die Angelegenheiten ihrer Nach¬
barn zu bekümmern, unendlich viel geklatscht, und selbst
Derjenige, der nichts hören will, kann sich die Ohren
nicht verschließen. Es hat mich nicht überrascht, daß
Sie vor mir einen leichten Schmerz verheimlichten, daß
Sie von mir keinen Rath wollten, im Gegentheil, ich
finde das sehr erklärlich."
„Und wodurch, Herr v. Borken? Sie machen mich
wirklich neugierig, Sie wissen eine Erklärung für eine
Laune von mir, über welche nachzudenkeu ich mir die
Mühe noch nicht gegeben?"
„Gnädigste Comteffe, der bedauernswerthe Vorfall
zwischen Ihrem Herrn Vater und mir hat den Frieden-
thalern die reichste Ausbeute gegeben, und ich bin
überzeugt, daß mau Ihnen meine Person so schwarz
als möglich gemalt hat."
„Dann haben Sie jedenfalls aus Nothwehr Rache
geübt."
Cilly bereute die Worte, die sie ohne Ueberlegung
ausgesprochen, in dem Moment, wo sie die Wirkung
! derselben sah. Das Blut stieg Borken in's Antlitz,
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seine Züge nahmen einen plötzlich veränderten Ausdruck
an, dessen Strenge auch nicht schwand, als sie rasch
hinzufügte: „Aber das will ich doch nicht glauben."
„Es gibt Vorwürfe," antwortete er, „gegen welche
man sich nicht rechtfertigen kann, ohne sich zu ent¬
würdigen."
Damit machte er Miene, sich zurückzuziehen, aber
sie duldete das nicht, sie fühlte sich beschämt. „Ich
wollte Sie nicht verletzen," sagte sie, „ich habe Sie aus¬
horchen wollen und das ungeschickt angefangen. Ich
wollte aus Ihrer Antwort mir eine Erklärung dafür
suchen, wie die Leute es wagen können, Unwahres zu
behaupten, als märe es zweifellose Thatsache."
„Comteffe, die Schwatzlust ahnt nicht, welches Unheil
sie anrichtet, welches Gift sie ausstreut. Gerüchte wer¬
den ausgemalt, Thatsachen entstellt, ohne daß man
dabei bedenkt, daß man die Ehre Anderer vernichtet,
Menschen gegen einander hetzt, Feindschaften erzeugt.
Ich bin, weil ich weiß, daß der einfache Widerspruch
nicht genügt, das Unwahre zu ersticken, hauptsächlich
deshalb hieher gekommen, um zu zeigen, daß die Dif¬
ferenz zwischen Ihrem Herrn Vater und mir in loyaler,
beide Theile befriedigender Weise erledigt ist, denn ge¬
rade das Einfachste wird von den Menschen am schwer¬
sten geglaubt, sie Haschen danach, geheimnißvolle 'Neben¬
umstände zu finden. Es ist Ihnen vielleicht bekannt,
denn man hat sich ja auch mit der Gier der Verleum¬
dungssucht Mer trüben Erinnerungen bemächtigt , die
unsere Familie still für sich bewahrte, daß ich eigent¬
lich am wenigsten Anlaß dazu hätte, persönliche An¬
näherung an Ihren Herrn Vater zu suchen, aber weil
ich nicht will, daß irgend Jemand mir Gesinnungen
unterschiebt, die ich nicht hege, wollte ich darthun, daß
ich einer persönlichen Begegnung auszuweichen keinen
Anlaß habe."
Das ernste Wort, welches Cilly fühlen ließ, wie
tief sie Borken verletzt, erschütterte sie mehr, als jede
Vorstellung es vermocht hätte, Alles in ihr rief, daß
sie ihm Unrecht gethan, daß sie ihm Genugthuung
schulde, und ihrem Gefühlsdrange folgend, bot sie ihm
die Hand. „Geben Sie mir Ihre Hand zum Beweise,
daß Sie meine Worte vergessen wollen," sagte sie,
„und als Pfand dafür, daß Sie Ihre Absicht nicht
ändern wollen. Ich glaube, es wird meinem Vater
nichts größere Freude machen, als Ihnen ebenfalls die
Hand drücken zu können — was Ihnen und den Ihri¬
gen eine schmerzlich-trübe Erinnerung ist, kann für ihn
nur eine schwere und bittere sein."
Es war in der Gesellschaft nicht unbemerkt ge¬
blieben, daß Adeline den Doktor v. Borken der Com-
tesse zugeführt, man hatte Beide neugierig beobachtet,
und als man jetzt sah, wie das hocherröthete Mädchen
dem Doktor die Hand drückte, fand man es doch etwas
stark, höchst unweiblich und emanzipirt, daß eine junge
Dame so ungenirt ihre Gefühle verrathe. Es schien
kaum noch ein Zweifel daran möglich, daß die Com-
tesse sich den Mann erobert habe, der bis jetzt für alle
Pfeile Amors unverwundbar geschienen.
„Die Sache geht natürlicher zu, als wir gedacht,"
bemerkte ein älteres Fräulein, „die Borkens und die For-
becks decken unangenehme Geschichten aus der Vergangen¬
heit damit zu, daß man Hochzeitskuchen backt."
Borken hatte eine sich ihm darbietende Gelegenheit
benutzt, das Gespräch mit Cilly abzubrechen, er hatte
einem Offizier Platz gemacht, der sich genähert, um
Cilly zu einem Tanze zu engagiren. Bei der Berüh¬
rung der Hand der Comteffe hatte es ihn elektrisch
durchzuckt, in den: Moment, wo sie ihm die Hand ge¬
boten, war er jeden anderen Gedankens unfähig ge¬
wesen, wie ein Rausch war es über ihn gekommen, und
erst als er die neugierigen Blicke gesehen, die ihn be¬
obachteten, hatte er sich dessen erinnert, daß er mit
Cilly nicht allein sei.
Er hatte kein Wort zu sprechen vermocht und auch
jetzt, wo er nicht mehr im unmittelbaren Banne dieser
Augen war, deren Blicke ihm in's innerste Herz ge¬
drungen, fühlte er sich noch wie betäubt, als wisse er
nicht, ob er wache oder träume. War es wirklich die
Tochter des Mannes, den seine Mutter den Mörder
ihres Erstgeborenen nannte, war es wirklich die Dame,
welche neulich Schmerzen verleugnet, nur unr nicht
weiter von ihm belästigt zu werden, die mit solcher hin¬
reißenden berückenden Wärme des Gefühls ihm die
Hand geboten?
Da bemerkte sein Blick zufällig Adeline. Sie hatte
sich hinter einer Gruppe von Damen fortgeschlichen -und
schien die Einsamkeit suchen zu wollen. Aber auch sie
schaute sich gerade in diesem Momente um, ihr Antlitz
war bleich, ihr Auge feucht und aus ihrem Blicke
sprach ein tief schmerzliches Weh, bis ihr Auge das
seine traf. Da erschrak sie wie ertappt auf einem Ver¬
brechen , Gluthröthe stieg ihr iws Antlitz und flammte
über Wange und Nacken — im nächsten Moment war
sie hinter einem Bosket verschwunden.
Was war das! Wie durch einen Flor, der einen
Moment sein Auge verhüllt, zuckte es blitzhell. Sie
j war eifersüchtig! Nur so war es zu erklären, daß ihre
! Heiterkeit sich plötzlich in das Gegentheil umgewandelt;