Page
118
Der Schrecken Carnpaniens.
Skizze
von
F. v. Zobeltitz. Nachdruck verboten.)
Im Februar 1861 war die Felsenveste Gaöta, der
letzte Zufluchtsort der aus Neapel vertriebenen bour-
bonischen Königsfamilie, gefallen. Franz II. hatte sich
nach Rom begeben, um sich dort auszuruhen von den
Strapazen der hunderttägigen Belagerung, während in
seine verloren gegangene Hauptstadt Neapel Viktor
Emanuel siegreichen Einzug hielt. Die Armee der
Bourbonen war zerstreut worden, aber noch nicht ver¬
nichtet. In allen Theilen des Landes fanden sich ver¬
sprengte Häuflein vor, und diese zu sammeln, um sie
von Neuem gegen die Wehrkräfte des liberalen Regi¬
ments in's Feuer zu führen, war eifrige Sache der
Contre-Revolution. Leider bedienten sich die Bour¬
bonen eines durchaus verwerflichen Mittels, um ihre
geschwächte Armee zu vermehren und zu kräftigen. Sie
zogen Alles an sich heran, was Muskeln und Sehnen
hatte und gesonnen war, gegen ein Handgeld von
einigen Dukaten sein Blut im Kampfe mit den Ber-
saglieri und den piemontesischen Jägern zu vergießen,
ohne Auswahl und ohne Sichtung. Von den Abruz¬
zen her und aus den Sabinerbergen, von der Tavoliere
di Puglia im fernen Apulien, aus den Sumpfgegen¬
den der Campagna und den Blumenthälern Campa-
nieus strömten ganze Schaaren herbei, um in den
römischen Werbebureaux Handgeld zu nehmen und
unter die Banner der Reaktion zu treten. Tolles Ge¬
sindel mancherlei Art fand sich da zu Haufen zusam¬
men. Der ganze Brigantaggio, der sich bisher scheu
in den Bergen des Apennin verkrochen, trat offen an's
Tageslicht. Zerlumpte Strolche mit sonnenbraunen
Gesichtern, auf denen das Laster seine Runenschrift ein¬
gegraben, bildeten das Hauptkontingent dieser neuen
Armee, welche die Piemontesen zu Paaren treiben sollte.
Zur Zeit dieser Werbungen lebte in Acerno, einem
kleinen Städtchen im Golf von Salerno, ein junger
Mensch mit Namen Gaötano Manzi. Sein Vater
hatte sich als Holzarbeiter — ein vielgepflegter Beruf
im campauischen Tieflande — mühsam seinen Unter¬
halt verdient, er selbst aber sich wenig mehr als um
die eine Beschäftigung bemüht: dem lieben Gott die
Tage abzustehlen. Gaötano war ein Mensch, der
sich schon in jungen Jahren durch einen riesenhaften
Körperbau ausgezeichnet hatte, mit zwanzig Lenzen
war er ein Gigant. Sein regelmäßig geschnittenes,
bis auf den brutalen Zug um die Lippen fast schön
zu nennendes Antlitz mit den großen dunklen Augen
und den stark gewölbten Brauen hatte einen trotzig
verwegenen Ausdruck, dazu der mächtige Nacken, die
breite Brust und die kraftstrotzenden muskulösen Arme,
kurz, Gaötano Manzi war ein Mann, wie er in die Armee
des vertriebenen Bourbonenkönigs, der sich ja stets gern
um die Gunst der Lazzaroni beworben hatte, paßte, ein
Mann, auf den, seiner eigenen Meinung nach, diese
Armee hätte stolz sein müssen. Gaötano hatte sich
eigentlich schon lange mit der Idee getragen, das
Waffenhandwerk zu erwählen, nicht etwa als regulärer
Soldat, der sich auf dem Exercierplatze drillen lassen
muß, nein, als Freischärler, als Beutemacher, als
geduldeter Bandit! Das Leben im Felde, das war
ihm recht! Heute hier, morgen da — heute den Ber-
saglieri auf die Federbüsche klopfen, morgen ein von
Garibaldianern besetzt gehaltenes Dorf erstürmen —
heute im Bivouak, morgen auf Eiderdaunen, die irgend
einem reichen Cittadino (Bürger) aus dem Kopfkissen
gestohlen waren! — Gaötano hatte sich das Alles sc
hübsch ausgemalt; wie viel freier und ungebundener
war dies Leben doch, als das seinige in der Einsam¬
keit des kleinen Bauernstädtchens, in das bisher kaum
der Lärm der Ereignisse der großen Welt da draußen
hereingedrungen war.
Aber der Zukunftskämpfer für die Bourbonenherr¬
schaft hatte umsonst geträumt, umsonst seine Luftschlösser
erbaut. Eines schönen Tages rasselten auf den engen
Straßen die Trommeln und zwei Kompagnien Schützen
marschirten auf. Die Aushebung begann — die Aus¬
hebung für den Soldatendienst allerdings, aber nicht
für den des vertriebenen Bourbonen, sondern für die
Armee des einigen Italiens, des Königs Viktor Ema¬
nuel. Auch Gaötano mußte sich stellen, so zuwider es
ihm auch war. Der Bataillonsarzt lächelte, als er
den riesigen Kerl vor sich sah, und ließ ihn ohne
nähere Untersuchung sofort der „prima categoria“ ein-
rangiren. Unter militärischer Eskorte wurde Manzi
mit hundert Anderen in die Kaserne von Salerno ge¬
führt. Am nächsten Tage sollte der Dienst beginnen,
aber am nächsten Tage schon wurde Gaötano vermißt,
er war desertirt.
Wenige Wochen später wurden mehrere Kompag¬
nien Bersaglieri zum Absuchen der Berge um den
Monte Angelica kommandirt. Es war dort ein frecher
Raubanfall vorgekommen, freilich nicht der erste, der
in dieser Gegend zu verzeichnen gewesen wäre. Zwei
Das Buch für Alle.
neapolitanische Herren waren unfern der Stadt Sa¬
lerno in ihrem Wagen von einer vielleicht zwanzig
Mann starken Bande überfallen und „sequestrirt", d. h.
bis zu ihrer Auslösung durch Anverwandte in die
Berge geschleppt worden. Die neapolitanischen Behör¬
den hatten bereits seit einiger Zeit ihr Augenmerk auf
einen in diesem Theile Campaniens sein Unwesen trei¬
benden Räuber gerichtet. Der Bandit hieß Giardullo
und zeichnete sich durch seine Kühnheit, Grausamkeit
und Habsucht in gleichem Maße vor allen seinen das
„freie Handwerk" liebenden Collegen aus. Seiner
Bande hatte sich vor Kurzem ein neuer Brigant au-
geschlosfen, der Deserteur von Salerno: Gaötano Manzi.
Manzi war es auch gewesen, der den Ueberfall auf jene
beiden Neapolitaner geplant und geleitet hatte; er
wurde dafür seines bewiesenen Geschicks halber von
Giardullo zum „Sottoeapitano", zum Unterhauptmann
ernannt. Die Besaglieri suchten lange nach der Bande
Giardullo's, jedoch vergebens. Die Bewohner ijener
Gegend, die auf Seiten der Bourbonen standen, trugen
dem neuen Regiment einen unversöhnlichen Groll ent¬
gegen und suchten — nebenbei theilweise auch im Solde
der Räuber — ihr Vergnügen darin, die „Federhüte"
durch falsche Meldungen und unrichtige Angaben in
die Irre zu führen. So kam's, daß die Bande in
unmittelbarster Nähe Acerno's sich ungenirt einnisten und
ihre beiden Gefangenen fast ein Vierteljahr lang in Haft
behalten konnte. Nach dieser Zeit wurde der eine der
Beiden entlassen; sein in Rom lebender Vater hatte ein
dreimaliges Lösegeld prompt entrichtet — der Gefangene
hatte also „seine Schuldigkeit gethau". Ungleich schlim¬
mer erging es dem Zweiten, einem Abbate Calabritto.
Der Unglückliche wurde anfangs nicht schlecht behan¬
delt, die Räuber, wie alle ihres Gelichters voller Aber¬
glauben und voll jener äußerlichen Frömmigkeit, die
man in romanischen Ländern so häufig antrifft, zwan¬
gen ihn zwar, täglich mehrere Messen für ihr Seelen¬
heil zu lesen, kamen ihm aber sonst mit Achtung ent¬
gegen. Dies änderte sich erst, als eines Tages statt
der geforderten sechstausend nur fünfhundert Dukaten
von den Verwandten Calabritto's zur Auslösung des¬
selben eintrafen. Ein toller Ingrimm erfaßte den
Sottoeapitano, der bereits so gut wie selbstständiger
Führer der Bande war; in seiner Wuth befahl er,
dem gefangenen Geistlichen das rechte Ohr abzuschnei¬
den, und die grausame Ordre wurde in der That voll¬
zogen. Zwei Tage später fand Don Domenico Cala¬
britto, der Bruder des Abbate, vor der Thür seiner
Wohnung in Neapel eine kleine Schachtel vor. Als
er dieselbe öffnete, fiel ein noch blutiges Menschenohr
heraus und ein Brief Gaötano Mauzi's. „Ihr habt erst
fünfhundert Dukaten geschickt," hieß es in demselben,
„und das genügt nicht. Trifft im Laufe des heutigen
Tages nicht der Rest, außerdem noch zwei damascirte
Doppelflinten und ein Revolver, Kaliber 2 ‘/ 4 Onze, ein,
so verliert Ihr Alles, außerdem aber tödten wir Don
Luigi, Euren Bruder. Hauptmann Manzi."
Der geängstigten Familie des gefangenen Geistlichen,
von dem bitteren Ernste der Banditen durch die Ueber-
sendung des abgeschnittenen Ohres überzeugt, blieb
nichts weiter übrig, als den Forderungen der Bri¬
ganten nachzugeben und zu zahlen. Vierundzwanzig
Stunden danach erschien der Abbate Calabritto Wieder¬
aus der Promenade der Villa reale zu Neapel, aber
er sah sehr bleich aus und trug die Stelle des Kopfes
verbunden, an der bei gewöhnlichen Sterblichen das
rechte Ohr zu sitzen pflegt.
Mit diesem ersten Raubanfall hatte sich Gaötano
Manzi „ruhmvoll" in das Ehrenbuch des süditalieni-
fchen Brigantaggio eingetragen. Jetzt war er ein
Vogelfreier, jeder Bersaglieri konnte ihn niederschießen
wie einen tollen Hund, Gefängniß und Ketten drohten
ihm, wenn er sich wieder in der Gesellschaft der ehr¬
lichen Leute blicken ließ, an eine Umkehr war nicht
mehr zu denken, nun ging es vorwärts auf der Bahn
des Verbrechens.
An einem Wintertage des Jahres 1863 fand man
auf der Straße, die von Acerno nach Montella führt,
einen aus gräßliche Weise ermordeten Bauer. Sein
Leib war von Dolchstichen geradezu zerfleischt, war
eine einzige furchtbare Wunde. An dem blutbefleckten
Rocke des Ermordeten steckte ein Zettel folgenden In¬
halts: „Dem Herrn Delegirten von Acerno zur Nach¬
achtung! Das ist das erste Exempel, welches wir
statuiren; wir haben einen Spion aus dem Wege ge¬
schafft, und es werden Alle, die gegen uns sind, auf
gleiche Weise den Tod erleiden. Auch du, Volk von
Acerno, merke dir: wer sich nicht hütet, stirbt! Gaö¬
tano Manzi." — Nun wußte man wenigstens, um i
welcher Ursachen willen der unglückliche Bauer seinen
schrecklichen Tod gefunden hatte. Selbst diejenigen aus
der Bevölkerung, die bisher aus politischen Rücksichten
den Briganten zugethan gewesen waren, fielen nach der
letzten Blutthat Manzi's von ihm ab, und die Be¬
hörden hätten leichtes Spiel gehabt, wären sie vor¬
sichtiger gewesen. Statt die ganzen Berge zu um¬
zingeln, wie es anno 1809 der General Manhes ge¬
macht hatte, als ihm die Säuberung Calabriens von
Heft 3.
dem Brigantaggio anbefohlen worden war, zogen sie
in großen Trupps über die Straßen und verriethen
dadurch den Briganten ihre Anwesenheit. Manzi hatte
seine Bande in verschiedene Abtheilungen getheilt, die
gleichfalls verschiedene Schlupfwinkel aufgesucht hatten;
er selbst hielt sich während der Zeit der Verfolgung
in einer von ihm entdeckten Grotte ganz in der Nähe
von Acerno auf. Von hier aus durchstreifte er in
mancherlei Verkleidungen die Gegend, gerieth sogar ein¬
mal in die Hände einer Bersaglieri-Patrouille, die sich
seiner als Führer bediente, ohne zu ahnen, daß der,
den sie suchten, an ihrer Seite schritt.
Nach Vierteljahrsfrist begannen die Bemühungen
der Behörden, Manzi's habhaft zu werden, wieder zu
erlahmen, und der freche Bandit konnte mit neuen
Schreckensthaten an die Oeffentlichkeit treten. Im
Februar 1864 wurden aus einer Villa bei Monte-
cardino vier Hausbewohner gebunden und geknebelt in
die Berge geführt. Man hörte etwa acht Wochen lang
nichts von ihnen, bis sie endlich nach Montecardino
zurückkehrten — alle Vier mit abgeschnittenen Ohren
und jeder um tausend Dukaten erleichtert. Unmittel¬
bar darauf wurde ein römischer Senator und ein Ad¬
vokat auf der Straße von Capua nach Caserta gefangen
genommen, und etwas später ein Handelsmann zwi¬
schen Contursi und Eboli; auch der Letztere verlor seine
Ohren, während die beiden Erstgenannten nach Zah¬
lung eines hohen Lösegeldes mit dem bloßen Schrecken
davonkamen. In Eboli ebenfalls war's, wo ein Gast-
wirth Namens Postiglioni „sequestrirt" wurde. Da
der Unglückliche kein Baarvermögen besaß, mußte er
auf Verlangen Manzi's vom Orte seiner Gefangen¬
schaft aus an einen Notar schreiben, der seine gesammte
bewegliche Habe verkaufen sollte. Der Erlös dafür,
dreitausend Dukaten, befreite ihn aus den Händen der
Räuber. Als ein Bettler kehrte Postiglioni nach Eboli
zurück, und nicht nur als ein Bettler an Geld und
Gut, nein, auch an Lebensglück — die Briganten hat¬
ten bei dem Ueberfalle ihm auch den einzigen Sohn
und die Tochter erschossen. In seiner Verzweiflung
soll sich der Unglückliche, wie später die neapolitani¬
schen Zeitungen berichteten, selbst das Leben genommen
haben.
Die Sicherheit, in die Manzi sich nach und nach
eingewiegt hatte, und seine mit den Erfolgen wachsende
Habgier trieb ihn zu immer verwegeneren Raubthaten.
Am 15. Mai 1865 wurden zwischen Pästum und Sor¬
rent zwei Engländer, die Herren Marrey und Mooes,
überfallen. Am nächsten Tage erhielt der englische
Konsul in Neapel ein Schreiben Manzi's, in welchem
dieser ihm die „Sequestration" der Genannten meldete
und ihm gleichzeitig mittheilte, die Beiden würden nur
freigegeben werden, wenn jeder von ihnen 15,000 Du¬
katen „Auslösegebühr" zahlte. Was that der also
interpellirte englische Konsul"? Statt ohne Weiteres
alle Behörden dem frechen Briganten auf die Fersen
zu Hetzen, ließ er sich mit Manzi in eine lange und
weitschweifige Korrespondenz ein — der Vertreter eines
mächtigen Reiches unterhandelte mit einem campani-
schen Banditen! Das Ende vom Liede war, daß Manzi
seine 30,000 Dukaten erhielt, und daß die schier zu
Tode geängstigten Söhne Albions, die zufälligerweise
nicht nach irdischem Tande zu fragen hatten, froh
waren, so billig davongekommen zu sein.
Mit Recht muß man erstaunen, daß es möglich
gewesen ist, eine ganze Reihe so dreister Verbrechen
geradeswegs unter den Augen der Polizei straflos ver¬
üben zu können. Das Land und speziell die Umgebung
Neapels litt eben noch schwer an der Mißwirthschaft,
die unter der Herrschaft der Bourbonen eingerissen war,
und die neue starke Hand, welche die Zügel des wieder¬
geeinten Italiens führte, hatte vorläufig zu wenig ge¬
eignete Kräfte, um mit einem Schlage die Sachlage
umzugestalten. Wenn auch die erste Blutthat von
Acerno die anständigeren Gegner der neuen Regierung
vollkommen von dem bisher der Polizei zum Possen
unterstützten Brigantaggio gelöst hatte, fanden sich
doch immer noch schlechte Subjekte und Fanatiker der
Politik genug, die sich ein Gewerbe daraus machten,
die Verfolgung auf Irrwege zu leiten. Andererseits be¬
fand sich die ganze Polizeimaschinerie noch nicht in
gehörigem Gang; zahlreiche Unterbeamte operirten aus
ihre eigene Faust, und dies war mit der Hauptgrund,
daß Manzi stets genau über die Bewegungen der Ein¬
zelnen orientirt war.
Manzi hatte durch feine Räubereien sich bereits ein
erkleckliches Stück Geld zusammengefcharrt — zusam¬
mengescharrt in des Wortes ganzer Bedeutung, denn
der Brigant war sehr geizig und Pflegte alle seine
Schätze in einer Höhle bei Salerno, der Grotta San-
tiHo, aufzustapeln. Seine Bande war durchweg miserabel
gekleidet und im Ganzen auch nur mäßig mit Waffen
ausgerüstet; er allein trug gewöhnlich ein phantasti¬
sches Fra Diavolo-Kostüm und war stets bis an die
Zähne bewaffnet. Alle seine Leute hatten gewaltigen
Respekt vor ihm, da er den meisten an Kraft, rohem
Muth und — Bildung überlegen war. Ja, auch an
Bildung, denn Manzi war unter seiner Bande der