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Heft 3.
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Einzige, der die Feder zu führen verstand zu — Er- !
Pressungsbriefen. Aber auch mit der Literatur beschäf- !
tigte stch der Räuber. Colportageromane und verschie¬
dene Nummern eines in Neapel erscheinenden Klatsch¬
blattes wurden später in seiner Höhle vorgesunden.
War einmal irgend ein guter Fang geglückt, dann
pflegte Manzi seine Gesellen um sich zu versammeln.
Aus Salerno oder Acerno wurde ein Faß Landwein
oder Wermuth geholt, und dann kamen die Karten an
die Reihe. Und zwischen diesen friedlicheren Unter¬
haltungen und den Bestialitäten, die Manzsis Raub-
ansälle immer zur Folge hatten, schob sich eine Reihe
von Andachtsübungen, von Gebeten und Liturgien. Der
Brigant war auf seine Art fromm — freilich eine
entsetzliche Frömmigkeit! Als ob dieser Mensch mit
dem verhärteten Herzen für etwas Anderes Regungen
empfinden konnte, als für das rothe Gold mit seinem
Verblendenden Schimmer?! —
Zu Anfang des Jahres 1866 war es, als die Jour¬
nale von einem neuen, empörend frechen Raubanfall
Manzi's zu erzählen wußten. In Fratte, unweit Sa¬
lerno, hatte sich ein reicher Schweizer Fabrikant, Wer¬
ner mit Namen, angesiedelt; auf ihm war der hab¬
gierige Blick Manzsis haften geblieben. Ein Sohn
Werner's, dessen Hauslehrer und ein Buchhalter des
Fabrikanten wurden eines Abends bei der Rückkehr von
einem Spaziergange in unmittelbarer Nähe der Wer-
ner'schen Villa überfallen und fortgeschleppt. Der Gang
der Ereignisse war derselbe, wie bei allen „Sequestra¬
tionen" Manzsis. Der alte Werner erhielt Drohbrief
auf Drohbrief und mußte immer wieder von Neuem
seinen Geldschrank öfsnen, um den wachsenden For¬
derungen Manzi's gerecht zu werden. Er hatte gegen
200,000 Francs bereits gezahlt, als die Gefangenen
freigegeben wurden. Der Grund dieser plötzlichen Ent¬
lassung war ein höchst merkwürdiger, Psychologisch in¬
teressanter: Manzi gab vor, von Gewissensbissen gepackt
zu werden, und — stellte sich selbst mit seiner ganzen
Bande, fünfzehn Köpfe stark, dem Gerichtstribunal von
Acerno.
Dieser Schritt des gefürchteten Briganten mag in
der That räthfelhaft erscheinen. Vielleicht war es
wirklich das Gewissen, das sich in diesem wüsten und
dabei doch abergläubischen Menschen zu regen begann,
vielleicht auch fürchtete er die mit der Zeit energischer
operirende Polizei und hoffte durch eine freiwillige
Stellung eine Milderung seiner Strafe, genug, That-
sache bleibt, daß Manzi mit feinen Genossen am
4. März 1866 in Salerno inhaftirt wurde. Ohne
Zögerung wurde der Prozeß gegen ihn begonnen —
aber zwei Jahre dauerte es, ehe das gewaltige Ma¬
terial gesichtet, ehe die Zahllosen Zeugen verhört, ehe
von dieser und jener Seite die nothwendigen vollgil-
tigen Beweise herbeigeschafst werden konnten. Endlich,
am 24. März 1868, konnte mit den eigentlichen Ver¬
handlungen begonnen werden. Manzi leugnete nichts —
er lächelte sogar, als der Gerichtshof ihm, nachdem
er achtzehn schwerer Verbrechen überwiesen worden, das
Urtheil verkündete: lebenslängliche Zwangsarbeit! Der
Brigant wurde mit fammt feinen Genossen dem Zucht¬
hause zu Pescara, später dem von Chieti übergeben.
Von hier aus entfloh er in der Nacht vom 18. zum
19. November 1871, und mit ihm gleichzeitig seine
fünfzehn Verbündeten.. Alle wurden zurückgebracht —
Manzi allein entkam. !
Und wieder verfloß nur eine kurze Spanne Zeit,
da ging die Kunde von einem neuen Attentat auf die
öffentliche Sicherheit von Mund zu Munde, einem
Attentat, das an Frechheit und an Dreistigkeit alle
Brigantenstückchen der früheren Zeit übertraf und das —
Manzi zum Urheber hatte. In Giffoni, einem Städtchen
im falernitanischen Gebiet, faß eines Abends eine Anzahl
Herren plaudernd im Caft Cappetto am Marktplatz —
unter ihnen ein reicher Grundbesitzer, der Signor Giu¬
seppe Mancusi. Da — es hatte soeben vom Kirch-
thurme herab neun Uhr geschlagen — öffnete sich plötz¬
lich die Thüre, eine Rotte Bewaffneter drang in das
Gemach, Schüsse krachten nach rechts und links, und
in dem entstehenden allgemeinen Wirrwarr faßten
kräftige Hände den angstvoll sich wehrenden Mancusi
und trugen ihn in's Freie. Kaum eine Minute hatte
das Ganze gewährt, und als draußen auf dem Markt¬
platze die Leute zusammenzulaufen begannen und man
mit der Zeit auch einen Polizeibeamten nach dem
anderen auftauchen sah, da waren Manzi und seine
inzwischen angeworbenen Genossen mit ihrem neuen
Gefangenen schon über alle Berge. Vier Monate und
einige Tage lang mußte Mancusi die Gesellschaft der
Räuber theilen, dann wurde er entlassen. 50,000 Du¬
katen in baar und circa 10,000 Dukaten in allerlei
goldenem Geschmeide, das Manzi besonders liebte, waren
für seine Freilassung gezahlt worden.
Nun endlich sahen die Behörden ein, daß man diesem
waghalsigen Banditen gegenüber mit anderen Mitteln
Vorgehen müßte, als bisher. Manzi hatte seine Haupt-
ersolge durch ein gutes Spionirsystem und durch zahl¬
reiche Bestechungen aller Art erzielt — so wollte man
es auch machen! Und wirklich, was die brave neapo-
Das Buch für Alle.
titanische Polizei aus gewöhnlichem Wege nicht hatte
erreichen können, das glückte ihr durch List. Von einem
ihrer Kundschafter erfuhr sie eines Tages, daß Manzi
sich demnächst in der Strada Foria zu Neapel blicken
lassen werde, da er Munition einzukaufen beabsichtige.
Um die bestimmte Stunde war die Straße infolge dessen
wie besäet mit verkleideten Polizisten, die vereinzelt
und in Gruppen Aufstellung genommen hatten. Von
allen diesen Leuten kannte nur ein Einziger Manzi von
Angesicht zu Angesicht, und auf diesen Einzigen blick¬
ten in fieberhafter Erwartung die Uebrigen. Da fährt
ein Grünkramwagen die Straße herauf, zwei Eselchen
davor, hochbepackt und gezügelt von einem Bauern in
sicilianischer Mütze und mit großer blauer Sonnen¬
brille. Ein geller Pfiff ertönt — und schon ist der
Bauer von feinem Sitze gesprungen, ein Revolverschuß
streckt den Ersten, der ihn anfaffen will, todt zu Bo¬
den, ein zweiter Schuß verwundet einen Anderen schwer
in die Brust — nun ist Spielraum gegeben. Nach
allen Seiten Faustschläge austheilend, sucht Manzi in
eines der Nebengäßchen zu entkommen, aber dieUeber-
macht ist zu gewaltig. Fünf Kugeln trägt er in Schul¬
tern, Armen und Brust — da trifft eine sechste fein
Herz, und Manzi sinkt auf der Stelle todt auf das
Steinpflaster nieder.
Manzi war der letzte Brigant in Campanien —
aber von feinen Unthaten, seinen waghalsigen Streichen,
seinen Tollheiten erzählen sich noch heute am Herdfeuer
die Hirten und schwärmen noch heute die Lazzaroni
auf der Hafenmauer der Golsstadt.
(Nachdruck verboten.)
Jnstinktäusterungen einer blinden Katze. —
Der englische Naturforscher Hovey besaß einen Kater,
welcher erblindete und in diesem Zustande Veranlassung
zu höchst interessanten Studien bot. Das arme Thier
wußte nach seiner Erblindung offenbar zuerst nicht,
was es mit sich machen solle; der Kater saß da und
miaute jämmerlich, als ob er sein Mißgeschick be¬
klagte, und wenn er einen Weg zu unternehmen ver¬
suchte, traf er auf Hindernisse: er lief gegen die Wände,
fiel die Treppen hinunter, stolperte über Alles, was
ihm zufällig im Wege lag u. f. w. Wenn man ihn
ries, war er bestürzt, wußte nicht, von wo der Ruf
kam und wohin er ihm Folge leisten solle, und man
dachte schon daran, seinem Dasein ein Ende zu machen,
als er klar bewies, daß er es doch verstände, feine an¬
deren Sinne für die verlorene Sehkraft Dienst thun
zu lassen. Es war höchst unterhaltend, seine Experi¬
mente zu beobachten. Zuerst übte er sich in der schwie¬
rigen Kunst, die Treppe hinabzugehen; auf der obersten
Stufe stehend, stieg er nicht wie früher in die Luft
hinaus, sondern suchte seitwärts, bis feine Barthaare
ihm die Nähe der Treppenwange anzeigten, und ging
dann diese entlang im GaloP hinunter in den Haus¬
flur. Er studirte nach und nach alle früher ge¬
machten Wege, prägte sich genau die Lage einer jeden
Thür ein, durchforschte von Neuem seine alten Ver¬
stecke und schien fest entschlossen, mannhaft ein neues
Leben zu beginnen. Seine Erfolge waren so über¬
raschend, daß die Hausbewohner oftmals glaubten,
er könne wieder sehen. Aber wenn man etwas in
seinen Weg legte und ihn daun dringend an seinen
gewohnten Fütterungsplatz rief, so rannte er gegen
das Hinderniß und machte dann etwas später den¬
selben Versuch mit großer Vorsicht und sorglicher
Prüfung. Sein Werth als Rattenfänger war nicht
vermindert. Ein Versuch, den Hovey in dieser Be¬
ziehung unternahm, kostete ihm Blut. In einem alten
Kabinet, das zur Aufbewahrung alter Zeitungen diente,
bemerkte er das Nagen einer Ratte; er setzte den Kater
hinein und kramte unter den Papieren, als plötzlich
seine Hand gepackt ward, das Thier hatte in seiner
Blutgier die pflegende Hand seines Herrn für das er¬
wartete Opfer gehalten. Aber am nächsten Morgen
faß der Kater im Triumph neben einer erlegten Ratte.
Es ist bekannt, daß eine Hauskatze ihren Weg zurück¬
findet aus entfernten Orten, nach welchen sie verhüllt
gebracht wurde; eine Thatfache, welche die Natur¬
forscher noch nicht befriedigend erklären konnten. Manche
nehmen an, daß das Thier auf dem Wege sich die
nach und nach auftretenden Gerüche so sicher einprägt,
wie es mit einer Reihe von Bildern im Gesichtssinne
der Fall ist, und dann diesen Gerüchen in umgekehrter
Reihenfolge nachgehend sich wieder nach Hause findet.
Wie mehrfache Versuche ergaben, war des blinden
Katers Geruchssinn nicht besonders scharf, und als stets
im Finstern wandelnd wählte er immer den kürzesten !
Weg nach Hause zurück, ohne Rücksicht auf denjenigen, '
welchen er bei seinem Ausmarsche folgte. Eines Tages
bei starkem Schneefall, der alle Gegenstände in einen
dichten Mantel hüllte, alle Pfade auslöschte, jeden
Geruch und Ton erstickte, wurde er auf Kreuz- und
Querwegen von Haufe weit fortgetragen, auf einen
Schneehügel gefetzt und lautlos beobachtet. Das
arme Thier wandte feine lichtlosen Augen hierhin und
i dorthin und miaute jämmerlicb nach Hilfe. Als es
fand, daß es ganz auf sich selbst angewiesen sei, stand
es etwa eine Minute überlegend da und trabte dann
durch den dichten Schnee geradesweges bis zur Haus¬
thür zurück, die ohne Zögern für den frostbebenden
Märtyrer wissenschaftlicher Forschung geöffnet wurde,
zu dessen Trost sofort eine volle Schale frischer Milch
kredenzt wurde. — Diese Beobachtung zeigt, daß Wal-
lace's geistreiche Theorie über das Heimfinden der Katze
durch Registrirung der Gerüche im Gehirn die eben
beschriebene Thatsache nicht erklärt; diese geheimnißvolle
Gabe ist wahrscheinlich derjenigen analog, mit welcher
Zugvögel aus ihren nach Hunderten von Meilen zählen¬
den Flügen ihren Weg nicht verfehlen. R.
Das schöne Mädchen von Albano. — An
einem heiteren Sommerabend des Jahres 1820 ritt
der Legationssekretär bei der hannöver'schen Gesandt¬
schaft in Rom, A. Kestner, durch eine Straße des
Städtchens Albano, als plötzlich sein Blick gefesselt
wurde durch die außerordentliche Schönheit eines jungen,
ärmlich gekleideten Mädchens, welches mit dem Strick¬
zeug in der Hand vor der Thüre eines armseligen
Häuschens stand. Kestner war von dieser seltenen
Schönheit so frappirt, daß er nach der Rückkehr feinen
Freunden in Rom, Künstlern und Kunstliebhabern, von
feiner Entdeckung eine enthusiastische Schilderung machte,
welche es veranlaßte, daß nach einigen Tagen mehrere
Maler und Bildhauer nach Albano pilgerten, um dies
Wunder der Schönheit — die Tochter eines armen
Winzers, wie sich herausstellte — in Augenschein zu
nehmen. Nun, sie fanden einstimmig, daß Kestner nicht
zu viel gesagt habe, und es entstand jetzt ein künst¬
lerischer Enthusiasmus ohne Gleichen für das schöne
Mädchen von Albano. Vittoria Ealdoni — so hieß
diese Wundermaid — fetzte Jedermann, besonders aber
die Künstler, durch ihr überaus liebliches Gesicht in
Erstaunen. Noch mehr aber steigerte sich dies Stau¬
nen, als sich zeigte, daß kein Maler, kein Bildhauer
es möglich machen könne, diese Schönheit auf der Lein¬
wand oder in Marmor in ihrer vollen Eigenthümlich-
keit wiederzugeben. Vittoria wurde mit ihrer Mutter
nach der Villa di Malta — der Wohnung des han-
növer'schen Gesandten v. Reden in Rom — eingeladen,
wo sie täglich einige Stunden von den dort zahlreich
verkehrenden Künstlern studirt wurde. Gewöhnlich war
sie in ein Prächtiges albanesifches Kostüm gekleidet,
welches man ihr geschenkt hatte. Aber ihre merkwür¬
dige Schönheit spottete aller künstlerischen Bestrebungen.
Die Bildhauer Wilhelm Schadow, Tenerari, Tren-
tanove, Byström und auch der große Thorwaldsen
modellirten ihre Büste; doch Keiner gewann bei diesem
Wettstreit, selbst Thorwaldsen nicht, der zu seiner eige¬
nen Ueberraschung eingestehen mußte, er vermöge nicht
den eigentümlichen Reiz dieses Antlitzes in Marmor
darzustellen. Vierundzwanzig vortreffliche Maler —
darunter Horace Vernet — malten das Porträt Vit-
toria's; doch auch sie verstanden es Alle nicht, die
Schönheit des Mädchens in ihrer ganzen Vollkommen¬
heit auf die Leinwand zu zaubern. Das Seltsame
und Räthselhafte dabei war, daß es unter diesen vier¬
undzwanzig Porträts nicht zwei gab, die einander
einigermaßen glichen, so sehr verschieden war die Auf¬
fassung. Das schöne Mädchen von Albano bildete
gleichzeitig das Entzücken und die Verzweiflung der
Künstler. Man ging sogar so weit, zu behaupten,
daß selbst Raphael, Tizian, Correggio, Leonardo da
Vinci und andere unsterbliche Meister, sofern sie wie¬
der von den Todten auserständen, auch die Vittoria
Caldoni nicht würden malen können. Was nachher
aus dem merkwürdigen Mädchen geworden ist, wissen
wir nicht. Die vierundzwanzig Porträts und ein hal¬
bes Dutzend Büsten, gearbeitet von dreißig ausgezeich¬
neten Künstlern, existiren noch und legen durch ihre
seltsame Verschiedenheit davon Zeugniß ab, daß es
allerdings nicht möglich gewesen, die auffallende reiz¬
volle Schönheit des Mädchens von Albano getreulich
nachzubilden. F. L.
Das größte Buch. — Das größte Buch , wel¬
ches jemals in der Welt gedruckt ist, auch jene riesigen
Formate nicht abgerechnet, die von jeher in China
Mode waren, ist zweifellos „Der Ehrentempel englischer
Helden", ein Buch, welches im Jahre 1832 in London
erschienen ist. Die Höhe jedes Blattes dieses riesen¬
haften Folianten beträgt vier Klafter und die Breite
zwei Klafter. Dementsprechend sind auch die nicht mit
Druckerschwärze, sondern mit einem Goldfirniß ge¬
druckten Buchstaben von kolossalen Dimensionen, indem
jeder derselben die respektable Höhe von einem halben
Fuß hat. Dieses in der Größe seiner Exemplare jeden¬
falls einzig dastehende Werk wurde auf Staatskosten
gedruckt, die Herstellung desselben wurde aber so
theuer, daß mau es nur in hundert Exemplaren ab-
ziehen ließ und von einem Verkauf im Buchhandel
Abstand nahm. Die hundert Exemplare sind an die
Glieder des englischen Königshauses, einige fremde Sou¬
veräne und unter die bedeutendsten englischen Biblio¬
theken wie diejenige des brittischen Museums und der
Universität Oxford vertheilt worden. I.