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Mannigfaltiges.
(Nachdruck verboten.)
Die Perrücke und die preußischen Herrscher.
— Wie der Hauptsitz der deutschen Industrie im 16.
und 17. Jahrhundert in Nürnberg war, so war auch
diese Stadt um jene Zeit so ziemlich die einzige, welche
Perrückenfabrikation in Deutschland betrieb. Der Kur¬
fürst Johann . Georg war der erste brandenburgische
Fürst,_ der sich von dorther eine Perrücke verschrieb,
um seine Kahlköpfigkeit zu verstecken. „Unser Begehr
ist," schreibt er an einen Vertrauten, „Du wollest uns
ein hübsch gemacht Haar auf das Beste zu Nürnberg
bestellen, doch insgeheim, also daß nicht gemerkt werde,
daß es für uns sein sollte und ja dermaßen, daß man
solches ungemerkt auf ein Haupt setzen möge." Man
schämte sich also noch, falsches Haar tragen zu müssen.
Unter Friedrich Wilhelm, dem großen Kurfürsten, wurde
zuerst die Perrücke am preußischen Hofe eingesührt.
Sein Vater, der Kurfürst Georg Wilhelm, hatte alle
seine Staatskleider, Federn und Hüte bereits von einem
französischen Schneider bezogen, doch sind in den noch
vorhandenen Rechnungen noch keine Perrücken aufge-
sührt, obgleich sie in Paris schon allgemein getragen
wurden. Im Jahre 1656 legte der große Kurfürst
zum ersten Male eine französische Perrücke an. Als
er in demselben Jahre nach Polen in den Krieg zog,
nahm er sich einen eigenen Perrückenmacher, Namens
Philipp Tourneur mit, den er zehn Jahre später zum
Hofperrückeumacher ernannte. Nach seiner Bestallung,
die noch im Archive liegt, „sollte er nicht allein seiner
kurfürstlichen Durchlaucht, sondern auch der jungen
Markgrafen Perrücken fleißig unterhalten und nichts
Unreines dazu kommen lassen." Diese jungen Mark¬
grafen waren noch sehr jung, indem der Aelteste erst
zehn Jahre zählte, und doch trugen diese Kinder schon
Perrücken! Nach dem Tode dieses ersten preußischen
Perrückenmachers erhielt ein Franzose Namens Bridon
die Bestallung mit der Bewilligung von zwei Pferden,
mit denen er seinen Kram dem Heere nachführte.
Dieser Bridon begleitete den großen Kurfürsten aus
allen seinen späteren Kriegszügen gegen die Schweden.
Des großen Kurfürsten Sohn Friedrich, der erste König
von Preußen, der bekanntlich sehr prachtliebend war,
trug ebenfalls eine große Perrücke und führte es am
Berliner Hofe ein, daß die Lakaien und die aufwarten¬
den Pagen mächtige Allongeperrücken trugen. Der
ganze Hof, vom Minister und dem Leibmedikus bis
zum geringsten Lakaien, erschien mit den ungeheuren
Perrücken a Ja Fontange welche bis zu den Hüften
herabwallten und oft viele Pfund wogen. Die Ber¬
liner Regierung, die mehr oder weniger damals durch
den Aufwand des Königs in Schulden gerieth, be¬
schloß um diese Zeit, eine Steuer auf die Perrücken zu
legen, von welcher „Niemand als die Prediger, Schul¬
bediente, Studiosi und Kinder unter 12 Jahren" be¬
freit sein sollte. Doch veranlaßte diese Steuer, die
noch härter als die 1698 bestimmte Karossensteuer war,
bereits 1702 einen gewaltigen Volkstumult, welcher
zu ihrer Aufhebung führte. Ein Franzose de Laver-
daugie hatte sie nämlich gepachtet und die Kontrolle
darüber war die, daß „sämmtliche Perrücken, die hin-
süro von den Perrückenmachern gefertigt würden, auf
die Stempelkammer gebracht und daselbst mit dem dazu
verfertigten Stempel mit spanischem Lacke markirt wer¬
den sollten!" Der Franzose stellte nun Leute an, die
auf unversteuerte Perrücken vigilirten und den Leuten
auf der Straße die Perrücken vom Kopfe nahmen, um
zu untersuchen, ob sie gehörig besiegelt wären! Doch
wurde die Steuer nicht ganz aufgehoben, sondern die
Zahlung derselben durch bestimmte Ranglisten geregelt.
Sie wurde erst mit manchem Anderen durch Friedrich
Wilhelm I. aus der Welt geschafft. Bei seiner Thron¬
besteigung entließ er 88 Perrücken-tragende Kammerherren
und noch viel mehr Bediente und Lakaien; dann warf er
selbst die Perrücke in die Ecke und Beamte und Militär
begannen nach dem Beispiele ihres einfachen und strengen
Landesherrn ihr eigenes Haar mit einem schwarz um¬
wundenen Zopf zu tragen. Es ist bemerkenswerth, daß es
gerade der damals noch kleine preußische Hof war, der
diese Revolution in der Haartracht der Männer zuerst
anregte und durchführte. Die Perrücke blieb auch unter
König Friedrich dem Großen beseitigt, und selbst die säch¬
sischen Musiker, die derselbe aus Dresden kommen ließ,
legten dem Könige zu Liebe die mächtigen Perrücken
ab, nur der berühmte Musiker Mara that dies nicht,
dafür sagte ihm aber auch Friedrich, als das Spiel
geendet hatte: „Er accompagnirt excellent, aber ich
fürchte mich vor seiner Perrücke!" Im ganzen übrigen
gebildeten Europa herrschte jedoch damals noch die
Perrücke unumschränkt und die Tracht der preußischen
Könige machte im Volke so viel Aufsehen, daß die
preußischen Dukaten, auf denen Friedrich Wilhelm I.
und später Friedrich II. mit einem einfachen Zopfe
dargestellt waren, allgemein „Schwanzdukaten" genannt
wurden. An Stelle des Zopfes trat dann später der
zierlichere Haarbeutel, bis auch dieser im Anfang un¬
seres Jahrhunderts verschwand. I.
Das Buch für Alle.
Die Anfänge des Pariser Jnvalidenhanses.
— Als König Heinrich III. einst in der Nähe des
schönen Schlosses Chemaut jagte, beehrte er den Be¬
sitzer desselben mit einem Besuch und nahm ein Mittags¬
mahl daselbst an. Nach der Tafel besichtigte der König
in _ Begleitung des Herrn de Rhodes und Chemaut
dessen schönen Garten und war erstaunt, in den Gängen
desselben eine Menge militärisch aussehender Krüppel
umherwandelnd oder sitzend zu finden. „Woher kommen
alle diese Unglücklichen?" fragte der König lebhaft. —
„Sire," entgegnete der Herr de Rhodes, „ein Kauf¬
mann, der gegen meinen verstorbenen Vater viele Ver¬
bindlichkeiten zu haben glaubte, setzte mich, da er vor
einigen Jahren starb, zum Erben eines Vermögens von
600,000 Livres ein. Da ich für mich selbst ausreichend
zu leben hatte, so bestimmte ich die Interessen dieser
Summe zur Unterhaltung und Pflege von 50 Sol¬
daten, die in Eurer Majestät Diensten verstümmelt und
auf meinen Gütern geboren waren. Und das sind diese
da!" Der König war von diesem schlichten Bericht
seines Gastfreundes lebhaft gerührt. „TrefflicherMann,"
sprach er, ihn umarmend, „wie sehr beschämen Sie
Ihren König! Doch Ihre schöne That soll nicht ohne
weitere Folgen bleiben. Ich werde eine großartige
Stiftung für meine Invaliden in's Leben rufen, und
der Dank auch dieser unglücklichen Getrösteten wird
Ihnen gebühren!" — Die politischen Unruhen, welche
halb darauf die Regierung Heinrich's III. erschütterten,
verhinderten die Ausführung des löblichen Entschlusses,
und auch Heinrich IV., der jene Idee mit Wärme
wieder ausnahm, kam nicht über die ersten Vorarbeiten
dazu hinaus; erst Ludwig XIV. war die volle Aus-
uud Durchführung in der Gründung des großen Jnva-
lidenhauses zu Paris vergönnt. L. Z.
Cin geplagter Textdichter. — Scribe hat be¬
kanntlich für Meyerbeer, Auber, Rossini, Herold und
noch viele andere Komponisten zahlreiche Librettos zu
deren Opern geschrieben. Sehr viel zu schaffen machte
ihm dabei namentlich Meyerbeer, der fortwährend Aen-
derungen an dem entworfenen Tertbuche wünschte, wenn
ihm beim Komponiren irgend eine Stelle nicht zusagte.
Einst bestellte der Letztere bei ihm zur Einschaltung an
einer bestimmten Stelle eine Romanze in vierfüßigen
Jamben. Scribe schrieb 'sie und sandte sie an Meyer¬
beer, erhielt dieselbe aber sofort mit dem Bemerken
zurück, daß diese Form ganz geschmacklos sei: er (Meyer¬
beer) wünsche fünffüßige Jamben. Es war eine große
Arbeit, indessen Scribe machte sie — aber nicht etwa
zu Meyerbeer's Zufriedenheit; der arme Dichter mußte
die Arbeit noch mehrere Male umschreiben, bis ihm
Meyerbeer endlich sagte: „Aber, zum Henker, wie
konnten Sie denn behaupten, daß das Stoff zu einer
Romanze sei?". — „Ich," entgegnete Scribe, „habe es
ja auch nicht behauptet, sondern Sie!" — „Wirklich,"
sagte Meyerbeer, „nun, dann haben wir uns geirrt!"
— Einst promenirte Scribe auf den Boulevards, als
ihm Meyerbeer begegnete und ihn vertraulich beim
Arme nahm: „Ich habe eine neue Idee." — „Ver-
muthlich für unsere Oper." — „So ist es. Ich möchte
im vierten Akte ein Septett haben!" — Scribe traut
seinen Ohren nicht. „Unmöglich!" ruft er aus, „das
geht ja nicht; wenn wir die Situation haben wollten,
mußte sie schon in den vorangehenden Akten vorbereitet
werden!" — „Das gebe ich zu," entgegnete Meyerbeer
kaltblütig, „aber bedenken Sie doch ein Septett! ein
Septett!" Und Scribe — schrieb zu Gunsten des Sep¬
tetts die Oper um. Nachdem diese jahrelang bei Meyer¬
beer gelegen hatte, sagte dieser eines Tages zu Scribe:
„Lieber Freund, ich habe mir die Sache sehr reiflich
überlegt und gefunden, daß eine Arie an Stelle des
Septetts von größerer Wirkung ist!" Bd.
Eine fürstliche Mutter. — Anna, die Ge¬
mahlin des Kurfürsten August von Sachsen (geb. 1531,
gest. 1585) hat unter Anderem einen im Dresdner-
Archiv aufbewahrten Brief hinterlassen, der für ihre
Grundsätze als Mutter ein höchst ehrenvolles Zeugniß
ablegt. Während ihres Aufenthaltes in Regensburg
nämlich, im Jahre 1575, hatte die Kurfürstin.die Ob¬
hut über ihre Töchter Anna und Dorothea der ihr be¬
freundeten Frau Barbara v. Schönberg zu Purschen-
stein anvertraut. Diese führte ein strenges Regiment
über die jungen Fürstinnen, was aber von der kurfürst¬
lichen Mutter vollständig gebilligt wurde. In diesem
Sinne schrieb sie ihr aus Regensburg unterm 8. Ok¬
tober 1575: „Wir haben uns Wohlgefallen lassen, daß
Ihr unser Töchterlein, Fräulein Aennlein (damals
8 Jahre alt), weil sie sich an Eure mündliche Ver¬
mahnung nicht hat kehren wollen, mit einem Rüth¬
lein strafen und züchtigen lasse::, möget auch dasselbe
künftig in dergleichen Fällen wohl mehr thuen und
ihnen beiden (Anna und die zwölfjährige Dorothea)
keinen Muthwillen, Ungehorsam, noch Ungebehrde ge¬
statten, desgleichen wollet Fräulein Dorothea nochmals
mit Ernst untersagen, wo sie sich der harten, schnellen
Sprache und anderer Ungebehrde nicht enthalte, auch
sonst mit dem Nähen nicht fleißig lernen würde, daß
die Doktorin (Kleine) Befehl habe, ihr gleicher Gestalt
eine gute Ruthe zu geben rc. Du magst ihr auch an¬
zeigen, daß wir aus ihrem Schreiben noch keinen sonder¬
lichen Fleiß spüren, derhalben, wo sie uns künftig nicht
beffer und fleißiger schreibe, so würde es zu unserer
Ankunft übel zugehen." — Ebenso schrieb die Kur¬
fürstin später an die bereits erwähnte vr. Kleine, sie
solle „dem Fräulein Dorothea (spätere Gemahlin von
Herzog Julius von Braunschweig), dieweil sie sich so
zänkisch und boshaftig erzeigt und wir wissen, daß mit
Worten nichts bei ihr auszurichten, wenn sie sich mehr
so muthwillig, ungehorsam und boshaftig erzeigen
würde, ihr einen guten Schilling (Schläge) geben, da¬
mit sie desto mehr Scheu habe und sich schämen lerne.
Was noch blieben, das soll zu unserer Ankunft, wofern,
sie sich nicht bessert, durch uns eingebracht werden"
u. s. f. , W.
Fatale Belehrung. — Der Kardinal Fürst-
Erzbischof Schwarzenberg wohnte einst dem Unterricht
in einer Schule seines Prager Sprengels bei. Der
Lehrer fragte unter Anderem: „Wer hat das Pulver
erfunden?" Der examinirte Knabe wußte es nicht,
glaubte seinen soufflirenden Nachbar nicht vollkommen
verstanden zu haben und antwortete daher eilig:
„Schwarzenberg." — „Nein, nein, mein Kind," meinte
der Lehrer darauf berichtigend, „freilich ist die Familie
Schwarzenberg ein edles, hochberühmtes Geschlecht,
dessen Sprößlinge der Kirche und dem Staate in Krieg
und Frieden durch Weisheit und Tapferkeit große
Dienste geleistet, aber — aber, das Pulver haben sie
nicht erfunden." L. M.
Gevatterbitten -es Kaisers. — Zu Kaiser
Leopold I. Zeiten gehörte es in Oesterreich zur guten
Sitte, deren Verletzung übel ausgenommen wurde, daß
eine Wöchnerin, die in der Christnacht geboren hatte,
den Kaiser zum Gevatter bat. Derselbe zahlte in jedem
solchen Falle ein Pathengeld von eintausend Gul¬
den. L. Z.
Schwimmen lernen. — König Ludwig XIV.
von Frankreich sprach eines Tages in einem größeren
Kreise seiner Vertrauten über sein Lieblingsthema, die
Unverantwortlichkeit des Königs, und behauptete dabei,
daß es Pflicht eines jeden guten Unterthanen sei, die
Befehle seines Königs, möchten sie sein, welcher Art
sie wollten, auf der Stelle auszuführen. Der Graf
v. Guiche allein wagte dem Könige zu widersprechen,
indem er anführte, daß es doch Fälle geben könnte,
die einen Gehorsam gegen die Befehle des Königs ent¬
weder unmöglich machten oder in welchen die Gesetze dem
Unterthanen die Ausführung derselben verböten. Der
König, welcher keinen Widerspruch vertragen konnte, schrie
gereizt den Grafen heftig an: „Und wenn ich Ihnen
befehle, in das Meer zu springen, so haben Sie es zu
thun, gleichviel, ob Sie darüber zu Grunde gehen!"
Der Graf v. Guiche, der sich trotz der unerwarteten
Heftigkeit des Königs schnell faßte, griff sogleich nach
dem Hute und wandte sich zum Gehen. „Wohin wollen
Sie?" fragte ihn der König verwundert. „Schwim¬
men lernen," war die lakonische Antwort.
Der SundzoU. — Der „Sund", die zwischen
Dänemark und Schweden gelegene, kaum eine Seemeile
breite Meerenge, bildete bis zum Jahre 1857 eine
reiche Einnahmequelle für Dänemark. Dieser Staat
erhob nämlich für das Passiren des Sundes einen
durch Verträge privilegirten Zoll von- 12 Spezies-
thalern auf jedes Schiff und 1 bis 7 Prozent von dem
Werthe der Waaren, die dasselbe führte. Abgabe und
Aufenthalt waren für alle Schiffe und deren Nationen
sehr lästig, allein die Privilegien und die den Sund
beherrschende dänische Festung Kronborg gestatteten keine
Ausnahme. Dänemark hatte davon jährlich weit über
2 Millionen dänische Reichsthaler Einkünfte. Die
seefahrenden Mächte schloffen endlich, um diese Plage
los zu werden, im Jahre 1857 mit dem dänischen Staate
einen Ablösungsvertrag, dessen rechnerische Vorarbeiten
allein eine ganze Bibliothek bildeten. Dänemark for¬
derte 53 Millionen dänische Reichsthaler Entschädigung,
ließ sich aber endlich mit 30,476,325 abfinden. Hiezu
gab England l 0,126,355, Rußland 9,739,193, Preußen
4,440,027, Schweden 1,590,503, Norwegen 667,225,
die Niederlande 1,408,060, Frankreich 1,219,003, Meck¬
lenburg 373,633, Belgien 301,455, Bremen 218,585,
Hannover 123,388, Hamburg 107,012, Lübeck 102,996,
Oesterreich 29,434, Oldenburg 28,127 Thaler. Be¬
merkenswerth ist hiebei das Witzwort eines bekannten
Finanzministers, welcher auf den fragenden Ausruf
eines der in der Ablösungskommission arbeitenden
Finanzbeamten „Herrgott, was mögen zwölf solcher
Zolle für einen Fuß geben!" die schlagende Antwort
gab: „Lieber Herr, das ist der Fuß, auf dem
Rothschild mit den Großmächten lebt." Br.
Gutes Gedächtnis. — Eine bereits der Jugend-
blüthe bedenklich entrückte Dame bemerkte: „Wenn ich
an meinen ersten Ball denke, o Gott, da ist's mir,
als ob es erst gestern gewesen wäre!" — „Fräulein
haben, ein bewunderungswürdiges Gedächtniß!" ent¬
gegnete ironisch ein Zuhörer. R.