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Archiv für rationelle Therapie.
Nr. 1. 1908
Osmose.
Wahl¬
vermögen
der Wurzeln
und Darm-
zotten.
Dr. Overton.
Zweckmässig¬
keit.
Genussmittel
P. Fiourens.
Erkenntnis
und Zweck¬
mässigkeit.
das verlangte Mindestmass Mühe und Not in der Ausführung macht
und wir schliesslich der Concurrenz erliegen. Viele Menschen
sterben an Bequemlichkeit. Dass es nun mit der Verdauungstätig¬
keit ebenso ist, sollte doch einleuchten.
In den Organismus selbst werden übrigens keine Ueberflüssig-
keiten aufgenommen. Die Aufnahme der Mineralien durch die
Wurzeln bei Pflanzen geschieht auch nicht nach physikalischen
Gesetzen, sondern sie haben ein gewisses Wahlvermögen und
können z. B. das Verhältnis der Salzaufnahme zur Wasseraufnahme
je nach Bedarf ändern. (Siehe Prof. Jägers Monatsblatt 1906 p. 125.)
Die Pflanzenwurzeln finden ihre Analogie in den Darmzotten, durch
welche der tierische Organismus seinen Bedarf aus dem Speisesaft
aufnimmt. Der Assistent am Würzburger physiologischen Institut,
Dr. med. E. Overton, hat eine Reihe umfassender und planmässig
zusammenhängender Experimentaluntersuchungen über die Prozesse
der Osmose*) vorgenommen.
Diese haben ergeben, dass der Vorgang der Osmose nicht
nur als Filtration, Absiebung oder Aufsaugung aufgefasst werden
darf, sondern dass auch hier ein gewisses Wahlvermögen
tätig ist. Dr. Overton wurde für seine Arbeiten und Entdeckung
der Reinecker-Preis zuerkannt. Diese neuen Erfahrungstatsachen
lassen die Angstschreie superkluger Angsthasen, welche schliesslich
an ihrer eigenen Angst sterben, als eine Ausgeburt des Misstrauens
gegenüber den Fähigkeiten und Zweckmässigkeitseinrichtungen des
Organismus erscheinen.
Wir haben oben gesagt, der Organismus nehme nichts Ueber-
flüssiges auf. Dem könnte man mit Glück gegenüber halten, dass
dem die Lehre und Kenntnis von der Aufnahme und Folgen der
, sog. Genussmittel widerspreche. Solche Einwände zeigen blos
einen Mangel an Denkschärfe und Klarheit.
Wenn z. B. P. Fiourens in seiner berühmten Schrift über die
Langlebigkeit sagt: „Der Mensch stirbt nicht, er bringt sich um!“
so weiss der Einsichtige wohl, was der Verfasser damit sagen
will. Dessen ungeachtet ist es aber sehr wahrscheinlich, dass
irgend einer daher kommt und einwendet: »Ja wenn aber
ein Unglück eintritt oder ihn ein anderer umbringt, und das ist
doch sehr häufig der Fall, dann ist doch die Behauptung widerlegt!«
Gegenüber solchen Einwänden machen wir dann Schluss der Dis¬
kussion. Das sind die sog. »hoffnungslosen« Fälle.
Dass auf irgend eine Art Gift in den Körper geschafft wer¬
den kann, soll doch nicht geleugnet werden. Das Wahlvermögen
der Wurzeln oder Darmzotten kann aber ebenfalls nicht geleugnet
*) Austausch zweier Flüssigkeiten von verschiedener Dichte und ehern. Be¬
schaffenheit durch eine Membran.