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Arhiv für rationelle Therapie.
Nr. 2. 1908.
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Geburtshilfe, geht nun eine solche Geburtshilfe von statten! Wohl sagen nun
manche, das wäre keine. Wir überlassen die Beurteilung dem gesunden
Menschenverstände. Es macht freilich einen ganz anderen Effekt, wenn
der staatlich privilegierte Geburtshelfer seine Instrumente klirrend auf
den Tisch wirft. Je »schneidiger« derselbe vorgeht, um so mehr steigt
sein Ruf. Freilich, da »sieht« man auch, was geleistet wird. Dabei
rechnet man in der Beweisführung immer auf den kurzsichtigen Verstand.
Schwere So sagt man immer gleich: »Das war ja auch kein schwerer Fall!« So
Fälle. geht es auch sonst in der Praxis. Da trumpft man auf: »Ich wollte
einmal sehen, was der machen würde, wenn er einmal einen schweren
akuten Fall von Lungenentzündung oder Diphtheritis in Behandlung be¬
käme, wie wir z. B. neulich einen hatten; da würde er wahrscheinlich
aufsitzen mit seinen Kenntnissen; das sind ja lauter leicht verlaufene
Fälle, die wären auch von selbst geheilt!« Ja das glauben wir, wenn
es so wäre. Wir aber entgegnen darauf: »Ihr, die Ihr mit Euren
schweren Fällen renommiert, blamiert Euch noch mit Eurem Verstände,
denn eben dadurch, dass Eure Fälle trotz Eurer schulgerechten Be¬
handlung zu Schweren wurden, dass ihr das nicht habt verhüten können,
darin liegt ja gerade der Bankerott Eurer Methode.« Die grösste Kunst
in der Behandlung ist gerade die, zu verhüten, dass die Krankheit
schwer wird. Darum geht unsere Heilkunst so bescheiden und unbe¬
achtet einher. Aber es entspricht vollständig den Gesetzen, denn wahres
Wissen und Können macht immer bescheiden, und dem Getöse abhold
und darum ist man deswegen auch gar nicht gram. An Stelle des
Verlangens tritt Verständnis. Dieser Artikel hat neben der Möglichkeit
Briefliche der erfolgreichen brieflichen Behandlung auch gezeigt, wie vortrefflich
Behandlung. Kranke zu schildern verstehen, so dass kaum eine Täuschung unter¬
laufen kann. Der erfahrene Homöopath wird an den einzelnen Stellen
ganz genau und prägnant die Mittelindikationen gefunden haben, so
dass wir darüber kein Wort zu verlieren brauchen. Wir wollten einmal
schlagend vor Augen führen, dass es für einen Homöopathen kaum
möglich ist, darüber im Zweifel zu sein, was und wie er zu verordnen
hat, und wer darüber im Zweifel ist, der lege nur diese Artikel einem
gewiegten Homöopathen vor, und vernehme dessen Urteil. Mit dieser
Erklärung ist zugleich der Behauptung die Spitze abgebrochen, als
wollten wir durch diesen Artikel renommieren, als hätten wir da etwas
aussergewöhnliches geleistet und damit Reklame machen wollen. Wir
stehen nicht an, zu erklären, dass ein tüchtiger und erfahrener Homöo¬
path und Biochemiker, mit Intuition begabt, genau dasselbe Resultat
erzielt hätte. M. E. G. Gottlieb.