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Archiv für rationelle Therapie. Nr. 5. 1908
Magneti¬
sierte
Mittel.
Vampyris¬
mus.
Gefährlich¬
keit der
Magneto-
pathie.
sie hier vom Anthropin geschildert haben. Kundige Homöopathen
brauchen den Einwand nicht zu machen, von der evt. anderen
(besseren) Beschaffenheit der Mittel oder von der anderen Potenz;
derartige Fragen sind alle in Betracht gezogen. Diese Fälle sind
natürlich äusserst selten. Die Homöopathie würde tatsächlich stark
darunter leiden, wenn ihre Mittel so leicht beeinflussbar wären.
Es müssen schon starke antipathische Anthropinwirkungen sein,
(gegenüber dem Patienten) wenn die Mittel in ihren charakteristischen
(geprüften) Wirkungen versagen sollen. Wie gesagt, ein solches
Zusammentreffen ist äusserst selten; aber dafür um so lehrreicher,
wenn man sich offenbaren Tatsachen gegenüber nicht verschlies-
sen will.
Die Verabreichung von magnetischen Mitteln hat einen sehr
grossen Vorzug gegenüber dem persönlichen Magnetisieren. Es ist
bekannt, dass sich manche Magnetopathen sehr rasch verausgabt
haben, d. h. sie haben sich durch vieles Magnetisieren erschöpft
und erlitten so einen frühen Tod. Das kann namentlich dann ein-
treten, wenn das Magnetisieren zum Gelderwerb wird. Wir meinen
also die eigennützige Ausnützung der Kraft. Das kommt daher,
weil manche Kranke an dem Magnetiseur saugen, wie ein trockener
Schwamm. Das ist ein wirklicher Vampyrismus* 1 ). Schlimmer wird
die Sache noch dadurch, wenn der Magnetiseur den Erfolg ä tout
prix will, (sei es nun aus Furcht für seinen Ruf oder aus sonstigen
egoistischen Gründen) trotzdem er fühlt, dass er von der Behand¬
lung ablassen soll. Ausserdem handelt er in diesem Fall gegen
das Gesetz, dem er gerne ein Schnippchen schlagen möchte. Es
weiss aber ein jeder aus eigener Erfahrung, dass wenn die Um¬
stände die Ausführung irgend einer Sache nicht erlauben, (was
man immer deutlich fühlt und merkt) und trotzig seinen Kopf
durchsetzen will, man meistens dabei Schaden nimmt, die Sache
ausserdem verunglückt und der »dicke« Kopf ein paar empfindliche
Beulen davonträgt. Am gefährlichsten ist die Sache beim Magnetis¬
mus, denn da handelt es sich ums Leben, und darum geht es auch
ums Leben. Eingriffe in das Schicksal, in karmische Verhältnisse
muss man sorgfältig vermeiden. Die meisten Magnetopathen fühlen
es, ob sie behandeln sollen. Das ist nicht so widersinnig, denn
wie wir oben sahen, und jeder aus eigener Erfahrung weiss, fühlt
ja jeder Mensch mehr oder weniger deutlich, ob etwas geht oder
nicht, ob eine Sache zu machen ist oder nicht, ob er Chancen hat
in der Ausführung einer Sache oder nicht. Gewöhnlich fühlt er
deutlich den passiven Widerstand, an dem er es sofort anmerkt,
wie seine Sache steht. Diese Empfindung hat selbstverständlich
*) Der Kranke und Geschwächte entzieht dem Gesunden, in diesem Fall dem
Magnetiseur die Lebenskraft.