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Dr. Burnett.
50 Gründe,
Homöopath
zu sein.
112 Archiv für rationelle Therapie. Nr. 7. 1908
wenigstens zum Teil der Hitze zuschreiben. Ihre Annahme, dass der
letzten Störung eine Gemütsbewegung zu Grunde lag, ist wohl richtig.
Ich wollte nicht glauben, dass seelische Erregungen solche Wirkung
haben könnten. Leider werden sich diese Verstimmungen voraussicht¬
lich noch öfter wiederholen, doch denke ich, wenn mein körperliches
Wohlbefinden sich immer mehr kräftigt, bin ich auch widerstandsfähiger
und kann besser dagegen ankämpfen. — Mein Pulver ist fast aufge¬
braucht, auch Tropfen habe ich nicht mehr viel.
Mit freundlichem Grusse A. P.
1. Juli 08. Sehr geehrtes Fräulein! Beifolgend erhalten sie wieder
Mittel. Da sich aber Ihr Zustand jetzt allgemein gehoben hat, halte ich
es für zweckmässig, wenn Sie nur noch seltene Gaben nehmen. Es
genügt deshalb, wenn Sie jeden Tag nur eine einzige Gabe nehmen.
Also einen Tag Abends vor dem Schlafen 3 Tropfen; den andern Tag
um dieselbe Zeit so viel wie 2 Kaffebohnen trocken auf die Zunge.
Das genügt vollständig. Ganz auszusetzen mit dem Einnehmen, halte
ich nicht für richtig, sondern in der angegebenen Form fortzufahren
und mir wieder in etwa 14 Tagen zu berichten. Dann bekommen sie
vielleicht nochmals andere Mittel. Die Behandlung Ihrer körperlichen
Disposition und Konstitution spielt sich wie ein Schachspiel ab. Den
Bewegungen unseres Gegners, der für sich kämpft, müssen wir ent¬
sprechend Figuren entgegenstellen. Unsere Figuren sind die Mittel.
Wir können deshalb nicht sagen, dass die »neuen« Mittel sie gebessert
haben. Der geniale englische homöopathische Arzt Dr. Campton Burnett
hat in seiner interessanten Streitschrift »50 Gründe, Homöopath
zu sein« (eine Schrift, die ich Ihnen sehr empfehle zu lesen; sie kostet
etwa 80 Pfg. und besorge ich sie Ihnen evt. gerne) ein anderes, etwas
populäreres Beispiel gebraucht, um den Vorgang zu charakterisieren.
Er sagte: Wenn man mit einer Leiter in ein Haus steigt, so kann man
nicht sagen, welche Sprosse das Einsteigen ermöglicht hat. (Das ist
nur dem Sinn nach citiert; der Wortlaut ist etwas anders.)
Ich halte es nicht nur für ungefährlich, wieder nach Hause zu
gehen, sondern geradezu für notwendig' Sie müssen sich allmählich
wieder »einbürgern.« Nachdem Sie nun seit Jahren sich als Patientin
gefühlt und in Bädern aufgehalten haben, müssen sie nun wieder an¬
fangen, sich an Familienleben und -Pflichten zu gewöhnen. Ich hoffe,
dass Sie sich nun in Bezug auf Disposition und Konstitution ein ge¬
wisses entsprechendes Kapital erworben haben, das Sie zu all’ diesem
befähigt.
In Bezug auf die Gemütsbewegungen rate ich Ihnen, solche doch
nicht zu stark auf sich einwirken zu lassen, sonst zerrütten sie allmäh¬
lich ihr Nervensystem und damit Gemüt, Herz und Gesundheit. Man
muss nicht alles zu tragisch nehmen. Das Geschick erfüllt sich doch,
ob wir opponieren (wobei man sich auf die Dauer zu Grunde richtet)
oder nicht. Es ist eigentümlich, dass die Menschen immer das ändern
möchten, was sie am wenigsten in der Hand haben: das Geschick.
Viel besser wäre es, sein Verhalten dem Geschick gegenüber zu ändern.
Wir können nicht Zufälle und Krankheiten aus der Welt schaffen, aber
wir können unser Verhalten diesen gegenüber einrichten, unsere Dis¬
position. Mit freudlichen Grüssen
M. E. G. Gottlieb.
Druck von Kurl Rohm in Lorch (Württemberg).