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Grundzüge
des Baun¬
scheidtismus.
114 Archiv für rationelle Therapie. Nr. 8. 1908
stillend dünkten. Als er die Mücken dann verscheuchte, schienen
ihm die Schmerzen mit den Mücken verflogen zu sein. Die Haut
begann zu brennen und zu jucken, er rieb und kratzte die Stelle
und Hände und Arme wurden rot und warm* Dadurch verringerte
sich der rheumatische Schmerz noch mehr. Ja selbst am andern
Morgen, als sich von den Einstichen der Mücken kleine Anschwel¬
lungen gebildet hatten, war und blieb der Schmerz fort. — Dies
gab Baunscheidt zu denken. — Die Mücken lehrten ihn das Geheim¬
nis, auf welche einfache und leichte Weise die Tätigkeit unserer
Körperorgane angeregt, Krankheitsstoffe aus einem leidenden Körper¬
teile abgeleitet und ausgeschieden werden können. Durch die
Stiche der Mücken entstanden in der Haut Oeffnungen, die eben
gross genug waren, um den feinen gasförmigen krankmachenden
Substanzen einen Abzug zu gewähren, zugleich eine Anregung für die
Nervenenden bildeten und gleichzeitig eine Ausstossung fester Krank¬
heitsstoffe auf der Haut möglich machten. Der gesamte entstandene
Reiz wirkte reflektorisch auf die umliegenden Gewebe, sodass eine
Beeinflussung zustande kam. Der reizende Saft, den die Mücken
bei ihren Stichen denselben einverleibten, war nicht nur vortrefflich
geeignet die kleinsten Stiche für längere Zeit offen zu halten, son¬
dern er erhöhte den Reizzustand bedeutend, führte zu schnellerer
Durchblutung der Haut und zu lebhafterer Ausscheidung der Krank¬
heitsstoffe. Durch diesen Vorgang war gleichzeitig der Organismus
in höheren Wärmezustand versetzt, ein künstliches Fieber als Heil¬
krisis hält den Körper umfangen, schafft damit für innere Aus¬
scheidungswege erhöhte Tätigkeit. — Hiermit waren die Grundzüge
für die Therapie Baunscheidts kurz gegeben.
Da er nun Mechaniker war, kam ihm sein erfinderischer Geist
zu statten. Es gelang ihm in kurzer Zeit ein entsprechendes Instrument
herzustellen, das in allen seinen Teilen den Anforderungen entsprach.
Ein dem Mückensaft in der Wirkung ähnliches Oel wurde ebenfalls
zusammengestellt, so dass er nun auf diese Weise eine Nachahmung
des Mückenstiches und seiner Wirkungen erzielen konnte. — Die
günstige Wirkung des Mückenstiches bei Rheumatismus war auch
damals schon hinlänglich bekannt,") in Westfalen besonders, durch
einen Mann des Volkes viel in Anwendung und Aufnahme ge¬
kommen. Da man nun auf die neue Weise die Zahl der Einschnell¬
ungen, sowie den ganzen Vorgang überhaupt, mehr in der Hand
hatte, wurde der Baunscheidtismus natürlich bei allen Anwendungen
vorgezogen. Anfänglich nur für Rheumatismus angewandt, zeigte
sich gar bald, dass auch manches andere Leiden gleichzeitig mit
verschwand, als die Behandlung gegen Rheumatismus eingeleitet
wurde. Durch die unzähligen Erfolge, die Baunscheidt mittelst
*) In Frankreich wird neuerdings wieder der Bienenstich gegen Gicht und
Rheumatismus von Aerzten fast allgemein empfohlen. D. R.