Page
128 Archiv für rationelle Therapie. Nr. 8. 1908
ausserordentlich schmerzhaft, so dass es eine gewisse Berechtigung hat,
wenn die Mutter sagte, das blosse Ansehen tue ihm schon weh. Es
zeigte sich denn auch eine grosse klaffende Wunde, aus der grosse
Mengen übelriechender Eiter floss, mit dem die Wattauflage vollständig
durchtränkt war. Die Wundränder zeigten selbst ungesunde Granulationen
sog. wildes Fleisch, und um die Wunde herum standen kleine giftige
Bläschen, die heftig jukten. Die ganze Haut des Jungen war spröde
und trocken und schilferte in grossen Schuppen ab. Durch diesen Be¬
fund waren sichere Indikationen für die Behandlung gefunden. Wie
schon eingangs erwähnt, machte die Besserung nur sehr langsame Fort¬
schritte, so dass die Eltern wiederholt frugen, ob es denn überhaupt
wieder gut würde. Am 9. Dezember konnte ich wohl ein etwas besseres
Aussehen der Wunde konstatieren, im übrigen war aber alles ziemlich
gleich, bis auf die Haut, die sich auch etwas gebessert hatte. Am 12.
Januar war die Wunde immer noch sehr schmerzhaft und zeigte auch
immer noch die giftigen Bläschen in der Umgebung. Der Befund am
9. Februar war aber schon bedeutend besser. Auch die Mutter sagte,
dass nun die Absonderung bedeutend weniger sei, so dass sie nur noch
alle zwei Tage zu verbinden brauche. 8. März. Die Wunde ist beim
Abwaschen immer noch schmerzhaft. Ausserdem zeigte sich jetzt eine
deutliche Reaktion. Kopfgrind ist aufgetreten und Durchfall hat ein¬
gesetzt. Nach entsprechendem Wechsel in der Behandlung trat anfäng¬
lich wieder vermehrter Eiter auf, doch konnte am 2. April wieder eine
Besserung konstatiert werden. In diesem Verhältnis schritt die Besser¬
ung fort bis mir der Vater wieder das Kind am 16. August vorstellte.
Die Heilung war nun so weit vorgeschritten, dass die ursprünglich
grosse klaffende Wunde ganz klein aussah, weil sie sich stark eingezogen
hatte. Der Junge selbst sah blühend aus, zeigte guten Humor und das
Besehen der Wunde schien ihm nun eher Vergnügen zu machen. Die
trockene abschilfernde Haut ist durch eine samtweiche rosafarbene
Körperoberfläche ersetzt. Nur Kopfgrind war noch vorhanden. Der
übrige Befund war aber so, dass ich nach meinen bisherigen Erfahr¬
ungen mit Kranken gerechte Bedenken hatte und man nun nicht wieder
kommen und die Behandlung aussetzen werde. Ich sah mich deshalb
veranlasst, den Vater eindringlich zu warnen und unter Hinweis auf den
noch vorhandenen Kopfgrind darauf hinzuweisen, dass der eigentliche
Prozess noch nicht vollständig abgelaufen sei und wir, wenn die weitere
Behandlung ausgesetzt würde, möglicherweise mit einem Rückfall zu
rechnen hätten. Ich benützte nun die eigenen Gedanken der Familie
und bedeutete ihm: das Blut sei jedenfalls noch nicht ganz rein. Ich
glaube, dass dieser Einwand seine Wirkung nicht verfehlte, so dass es
mir gelingen wird, die Konstitution des Jungen noch weiter zu verbessern
und ihm auf diese Weise ein besseres Körpermaterial zu dem schweren
Kampf ums Dasein mitzugeben. M. E. G. Gottlieb.
Der »Bund für freie Heilkunst« hält am 19. September in
Berlin im Hotel zum alten Askanier, Anhalterstrasse 14 eine öffentliche
Versammlung ab, zu der alle Interessenten an der uneingeschränkten
Erhaltung der Kurierfreiheit und Gegner der drohenden Gesetzesvorlage
gegen die freie Ausübung der Heilkunde durch nicht staatlich approbierte
Personen eingeladen sind.
Druck von Rarl Rohm in Lorch (Württemberg).