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146 Archiv für rationelle Therapie. Nr. 10. 1908.
haupt die Verdrängung des Natürlichen ist.*) Wer das »durch¬
schaut, wer scharfsinnig und konsequent richtig zu denken vermag,
wird das ohne weiteres einsehen. Leider geht es meistens so
»ohne weiteres« nicht, denn die verschobenen und verschrobenen
Gesichtspunkte, die sich allmählich überall eingebürgert haben, die
falsche Münze, gelten überall, so dass auch das »natürlich richtige«
Denken fehlt, an dessen Stelle von den überall sich breit machen¬
den Doktoren, wir meinen das Synonym Theoretiker und Tech¬
niker**), einiges Talmi übernommen ist, das das natürliche Denken,
das natürliche Empfinden trübt, mit einer Spinnwebe (Arachnoidea)
überzogen hat, die eine Brille darstellt, durch welche man alles
betrachtet. Alle grösseren Philosophen (wohl zu unterscheiden von
Doktoren der Philosophie) haben über diese Begriffsverwirrung ge¬
klagt. Jeder musste erst als Einleitung seines Werkes, die Begriffe
reinigen und die Bedeutung der Begriffe festlegen, wie er sie ver¬
standen haben will. So kommen auch wir ohne eine solche pole¬
mische Einleitung nicht aus.
Wenn wir nun im Titel unserer Zeitschrift auch die Natur¬
heilkunde aufführen, so ist das weniger ein Widerspruch, als eine
Denken. Konzession, die wir der heutigen Denkungsart machen. Man würde
uns einfach nicht verstehen, wenn wir das Wort Naturheilkunde
wegliessen. »Denkungsart« ist übrigens auch schon wieder eine
Konzession; denn das, was wir heute so bezeichnen, ist tatsächlich
kein wirkliches Denken, vielmehr treten geschaffene Suggestionen
als Begriffe an Stelle des Denkens, welche automatisch, ohne eigent¬
liches Bewusstsein, wie der Herzschlag, die Funktionen erfüllen,
welche das Denken ausüben sollte. Dieses letztere wird, von seiner
eigenen Bestimmung ganz abgelenkt, heute nur noch von der Sinn¬
lichkeit (nicht allein der sexuellen) in Anspruch genommen, da man
Existenz-Wirklichkeit, Tatsachen überall sucht, nur nicht im inner¬
lichen, abstrakten Denkvermögen, und der Mensch daher das vergeudet,
was in Wirklichkeit den Menschen, d. h. also den Denker, ausmacht
In diesem Satz liegt die Grundursache, warum wir unnatür¬
liche Heilmethoden haben, zu welchen oft nicht am wenigsten die
Naturheilmethode gehört
Schwierig- Das volle Verständnis der schwerwiegenden Reflexionen vor-
keiten. ausgesetzt, bezeichnen wir die sog. Naturheilmethode als die schwie-
*) Darum ist für die Naturheilbewegung die Erhaltung der Kurierfreiheit eine
Lebensbedingung; denn sie braucht, wenn sie die »Natur«-Heilkunde natürlich erhalten
will, die Naturheilkundigen aus dem Volke, das in Verbindung mit der Natur lebt. Sobald
sich dieser Methode die Doktoren »bemächtigen«, ist es mit der Natürlichkeit vorbei.
Darum muss für die natürlich Befähigten die Lebensbedingung, die Kurierfreiheit er¬
halten werden. Ueber diesen Kardinalpunkt scheinen sich viele Anhänger der Natur¬
heilkunde, die immer nach einem »Doktor« schielen, noch nicht klar zu sein.
**) Prof. Rosenbach nennt sie »Tachytherapeuten«. Warum sind wissenschaftl.
Schlußfolgerungen auf dem Gebiete der Heilkunde so schwierig? p. 8.