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Archiv für rationelle Therapie.
Nr. 11. 1908.
Wasser
negativer
Faktor.
Positive und
negative
Krankheiten.
Hippo-
krates.
Aehnlich-
keitsgesetz.
Homöo¬
pathie
in der
Natur¬
heilkunde.
sorgfältig, welches Leben er vorher geführt hat und ob seine
Methode für ihn nicht unter den günstigen Auspizien eines Aus¬
gleiches nach dem Gesetze von der Aequivalenz der Kraft eine be¬
sondere Bedeutung hat. Man hat auch zu berücksichtigen, ob nicht
Umstände, die der Verfasser oder Verfechter für nebensächlich hält,
von Bedeutung in der günstigen Reaktion sind. (Wie z. B. die
günstige Wirkung einer neuen Lebensweise weniger auf das Konto
der Kost kommt, als auf den Wechsel der Lebensweise.)
Als grundlegender Satz bei allen Wasseranwendungen muss
immer in Berechnung gezogen werden (was bisher bei manchen
nur so nebenbei, bei den meisten aber gar nicht in Betracht ge¬
zogen ist:)
Wasser ist und bleibt ein negativer Faktor, der dem lebenden Organismus
positive Kraft und Lebenswärme entzieht, selbst wenn man es auf Siedehitze
bringt.
Auf den ersten Blick könnte man nun annehmen, dass dem¬
entsprechend Wasser nur bei positiven Krankheiten, bei hohem
Fieber, oder bei Krankheiten, die aus Ueberernährung resultieren,
ein Heilmittel sei. Erfahrene werden einwenden, dass dem die Er¬
fahrung widerspreche. Gibt es doch sogar Fälle, wo Wasser bei
positiven Krankheiten contra indiziert ist. Das kann alles nicht
oben stipulierten Grundsatz ändern. Es gibt eben Fälle, wo die
Entziehung von positiver Kraft und Lebenswärme bei Mangel an
solcher als Anstoss und Anregung dient, vermehrt solche zu er¬
zeugen. Diese Fälle sind sogar gar nicht selten. Nur hüte man
sich sehr, sie zu verallgemeinern. Das könnte zu traurige Miss¬
erfolge erzeugen, so dass der geistig Kurzsichtige wahrscheinlich
verleitet würde, das Gegenteil als richtig zu schliessen und wieder
entgegengesetzt zu behandeln. Durch das Wort »entgegengesetzt«
sind wir nun gerade an dem Anknüpfungspunkt, den wir brauchen.
Um das zu begründen, müssen wir etwas weit zurückgreifen und
zwar auf den Vater der ersten wissenschaftlichen Heilkunde, dessen
Aphorismen heute noch massgebend sind, nämlich auf Hippokrates.
Schon er sagt auf Grund seiner Erfahrungen und feinen Beobach¬
tungsgabe : »Es gibt Krankheiten, die durch gegensätzlich wirkende
Mittel geheilt werden. Ein anderer Weg ist dieser: Durch ähnlich
wirkende Einflüsse entsteht die Krankheit, und durch ähnlich wir¬
kende Einflüsse wird die Krankheit geheilt.« Nun sehen wir das
klar, was schon wiederholt in dieser Zeitschrift behauptet worden
ist, dass die sog. Naturheilkunde, namentlich bei ihren schönsten
Erfolgen, bei wirklich Heruntergekommenen, denen jede positive
Lebenskraft und Lebenswärme abhanden gekommen war, welche
die Staatsmedizin bis zum eigenen Bankerott durchprobiert hatten,
von einer Autorität zur anderen, homöopathisch, oder genauer,
durch das homöopathische Aehnlichkeitsgesetz geheilt wurden. Dass