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Die Haut.
Schädliche
Folgen täg-
licherWasser-
anwendungen
Wasser als
Reizmittel.
178 Archiv für rationelle Therapie. Nr. 12. 1908.
Aber das nicht allein. Durch die fortwährende Anwendung
des Wassers wird die Haut, obwohl natürliches Abwehrorgan und
dadurch besonders befähigt, einen Puff aushalten zu können, der¬
artig strapaziert und schliesslich erschöpft, dass sie ihre Tätigkeit
einstellt, oder doch stark unter pari arbeitet. Was das bedeutet,
mag man sich vorstellen, wenn man bedenkt, dass, wenn ein drittel
der Haut durch Brand zerstört ist, unfehlbar der Tod eintritt. Auch
sei an das geschichtliche Beispiel von dem Kinde erinnert, welches
als vergoldeter Engel in einer Prozession (oder bei sonst einer
Festlichkeit des Clerus) alsbald unter furchtbaren Qualen und
Krämpfen starb, weil die Hautatmung durch die Vergoldung auf¬
gehoben war.
Da wird nun empfohlen, und unendlich viele befolgen es, den
Körper tag-täglich kalt abzuwaschen. Fortwährend, regelmässig
wird da ein starker Reiz auf den Organismus ausgeiibt, welcher
natürlich heftig reagiert. Nun freut man sich über das Wohl¬
befinden. Hat man wirklich Grund, diesen Reiz für weniger schäd¬
lich zu halten, als andere Reizmittel? Eine Erschöpfung ist sicher
die Folge. Ich weiss, man wird mir irgend einen entgegenhalten,
der alt geworden und gesund geblieben ist bei täglichen Abwasch¬
ungen. Das beweist gar nichts. Es beweist so wenig, als die
Notizen in der Presse, welche von einem alten Mann berichten,
der täglich seinen Alkohol zu sich genommen hat oder Unmengen
von Tabak konsumierte. Solche Notizen werden gewöhnlich von
Brauern, Brennern und Tabakhändlern mit Vorliebe verbreitet und
ihre wichtige und gewichtige Persönlichkeit bewirkt die Aufnahme.
Sie unterscheiden sich in nichts von den Wasseranbetern, welche
von einigen berichten, die die Sache ausgehalten haben. Sie unter¬
scheiden sich auch nicht von den Losverkäufern, welche in ihren
Prospekten berichten, dass einer in ihrer Kollekte das grosse Los
gewonnen oder einen grösseren Treffer gemacht hat. Freilich, bei
der grossen Masse wirkt der eine Treffer mehr als die hundert¬
tausend Nieten. Ja, wenn es nur Nieten wären. Meistens hat
man aber sein gutes Geld, sein sauer erworbenes Kapital dabei ver¬
spielt. Es verhält sich ganz ähnlich mit den fortwährenden, regel¬
mässigen Reizen, welche durch die täglichen Abwaschungen aus¬
geübt werden. Was gelten einige Beispiele, von denen sich der
Eingeweihte sagen muss, dass sie es glücklich ausgehalten haben,
gegen die vielen Opfer welche siech und elend mit der Zeit wer¬
den, bei denen nun aber auch jedes Fünkchen Regenerations- und
Reaktionskraft erloschen ist? Das sind die Unglücklichen, welche
auch den Arzt, der es ernst mit seiner Kunst meint, der aus
innerstem Empfinden gerne allen denen helfen möchte, die sich
in ihrer Verzweiflung an ihn wenden, unglücklich machen. Und
sonderbar genug, dass so viele dergleichen an der gleichen Adresse