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Eine
ROMAN
N D N E R
D D A
H E
VON
(Ein nnftciroininct Auscnthalt aus dem Fluvplasi in Viringcn brnmt
Tlaudinc Mrgner in die grösitc Berlcgcnhcit; zussmmcn mit der angeblichen
Schauspielerin Daisp Davis gcriit sic in den Verdacht, gcstoliicue Juwelen
befördert zu habe» und erst nach längerer Untersuchung stellt sich ibro
Unschuld heraus. Daisy Davis wird verhaftet, sie selbst aber hat ihr Flug-
zeug verpatzt und damit auch die Möglichkeit, zur Eröffnung des Testamentes
Furrcr-Kundols zurcchtzukc-mmen, Kommissar Weber Hilst ihr, und in einem
Sonderflugzeug erreicht sie Zürich, wo sie von dem Notar Dr. Stoccklin
empfangcii wird.
1 . Fortsetzung
„Nein. Feh weis; wohl, das; meine Großmutter eine ge¬
borene Gundolf war lind mtö der Schweiz stammte — ich
selbst habe sie nie gekannt —, aber sonst ist mir Ihr Telegramm
ein Rätsel. Ans Ihrem Schreiben, das ich zwei Tage später
bekam, habe ich nur ersehen, daß cs sich um eine Schwester
meiner verstorbenen Großmutter handeln muß, von deren
Existenz ich nicht die leiseste Ahnung hatte."
„Das dachte ich mir, und darum wollte ich Sic vorher etwas
orientieren: Ihr Urgroßvater Giindolf war ein vermögender
Mann und hatte acht Kinder. Zwei starben früh, unter die
übrigen sechs wurde das Vermögen aufgeteilt, und zwar in
der Form, daß die vier im Ausland lebenden Erben, darunter
auch Ihre Großmutter, hauptsächlich Barvcrmögcn erhielten,
während die beiden in der Schweiz gebliebenen die Liegen¬
schaften übernahmen. Ihr Großonkel verkaufte später,
Ailn'-lie Gundolf dagegen behielt ihren Besitz — teils i» Zürich
und teils hier in Luzern —, und als diese beiden Städte sich
in den letzteil fünfzig Fahren ciltwickclten, wurde dieser Besitz
sehr wertvoll .... Ihre Großtante hatte noch zu Lebzeiten
Fhrcs Vaters den Sohn einer angesehenen Genfer Familie
geheiratet. Die Ehe wurde sehr unglücklich, denn der junge
Mann war mehr als leichtsinnig, uild vielleicht war es die
beste Lösung, daß er bereits nach einem Jahr", er nickte, als
Dina unwillkürlich eine Bewegung machte, „bei einem Duell
getötet wurde. Ihre Großtante muß ihn über alles geliebt
haben, denn erst viel später, mit dreißig Jahren, entschloß sie
sich zu der Vermählung mit Herrn Furrer, einem älteren
Witwer. Kinder gab es ans dieser Verbindung nicht, nnr
ans der ersten Ehe Fnrrers —. Das Zusammenleben war
gut. Ihre Großtante schien auch geschäftlich ihrem Mann eine
Stütze zu fein; Glück kam dazu; als Furrer nach vierzigjähriger
Ehe starb, war er ein sehr reicher Mann gcivordcn. In
seinem Testament dankte er seiner Frau für die treue Kamerad¬
schaft und bestimmte ausdrücklich, daß sie über den ihr zu-
fallcnden Teil des Furrer-Perinögens ebenso wie über ihr
mitgebrachtes Gtindolfsches Geld nach freiem Ermessen ver>
fügen sollte! Die Kinder erster Ehe wurden großzügig ab-
gefnnden. Ihre Großtante überlebte ihn lim siebzehn Jahre.
Sie war eine Woche vor ihrem Tode siebentindachtzig ge-
tvorden. Aach ihrem Willen soll genau acht Tage nach ihrem
Tode ihr Testament eröffnet werden, und zwar in Ihrer und
des ältesten Fnrrers Anwesenheit. Daher sandte ich gleich
ein Telegramm, damit Sic die nötigen Vorbereitungen
treffen konnten, lind es hat ja auch alles zufriedenstellend
funktioniert."
Wenn er ahnte, wie dünn der berühmte seidene Faden tvar,
an dem mein pünktliches Hiersein hing — Dina schüttelte sich
unwillkürlich. Aber die Aufregungen schieneil noch ilicht vor¬
über zu sein. Was mochte in dem Testament stehen? — Es
wäre ja rührend, wenn diese ans der Vergangenheit anf-
getanchte Großtante ihr etwas vermacht hätte. Wie nötig
konnte sie ein paar tausend Franken gebrauchen. Sicher be¬
kam sie etwas, wozu hätte man sie sollst herkoinmen lassen.
Und wenn es auch nicht viel lvar, schon die Reise hierher war
eine wundervolle Unterbrechnng ihres gleichförmigen Arbeits¬
lebens in Berlin. Schon dafür allein tvollte sie dankbar sein,
trotz der gestrigen Ereignisse. Nachher waren die Leute ja
doch alle sehr nett gewesen, die Kommissare und der Mann
vom Flugplatz. Der a»l meisten! Wenn er die Sache mit den
hingeworfenen Blumen nicht beobachtet hätte, wäre sie ... .
Tie fuhr ans ihren Gedanken ans, denn die Tür öffnete sich,
um einen gediegen ansschcndcn Herrn in mittleren Jahren
dnrchzulassen. Er wurde von Dr. Stoccklin als Herr Furrer
begrüßt. Sie betrachteten sich prüfend, als Furrer Dina vor-
gestcllt wurde, und setzten sich dann. Auch Stoccklin nahm
wieder Platz und entfaltete mit einer feierlichen Bewegung ein
nicht zu umfangreiches Schriftstück — das Testament!
Er rückte ein paarmal an seiner goldenen Brille, räusperte
sich nachdrücklich und begann vorznlescn. Es kamen zuerst
Bestimmungen über kleinere Beträge, Legate an Dienstboten,
Wohltätigkeitseinrichtungcn, eine größere Summe an ein Tier-
Heim und ähnliche Anordnungen, die zeigten, das; Amölie
Furrer-Gundolf trotz äußerlicher Zurückgczogeuhcit durchaus
nicht lebensfremd gewesen war. Diese Beiträge sollten vom
Gesamtvermögcn vorwcggcnommcn und ausgezahlt werden.
Tann erst kam der Haupttcil: „Wenn ich auch nach dem Willen
meines verstorbenen Mannes über meinen Besitz einschließlich
des von ihm hintcrlasscnen Anteils nach freiem Ermessen ver¬
fügen kann, so ist es für mich selbstverständlich, daß der Teil,
der von den Fnrrers stammt, auch wieder an die Furrers
zurückgcht." — „Eine genaue Aufstellung darüber steht zu
Ihrer Verfügung, Herr Furrer", unterbrach Ttoecklin sich
selbst. — „Ebenso selbstverständlich soll das Vermögen der
Gundolfs auch wieder dieser Familie zugute kommen. Meine
Nachforschungen haben ergeben, das; cs so zahlreiche Nach¬
kommen meiner Geschwister in allen Gegcndeir der Welt gibt,
das; nnr ein winziger Betrag auf jeden einzelnen fallen würde,
wollte ich das Geld gleichmäßig unter sic verteilen.
Ich habe mich deshalb entschlossen, das Gesamtvermögcn
in eine Hand zu geben, und zwar ist meine Wahl nach reif¬
licher Ueberlegnng auf meine Großnichte Clandine Wcgner,
geschiedene Mikenh gefallen. Ich habe mich für sie entschieden,
nicht allein, weil sie verarmt ist und um ihr tägliches Dasein
kämpfen muß, sondern weil ich mich ihr durch die Achnlich-
keit unseres Schicksals besonders verbunden fühle. Wir emp¬
fingen die gleichen Wunden und tragen die gleichen Narben;
nnr daß bei ihr das Leben trennte und bei mir der Tod.
Wie sie mit den inneren Problemen ihres Daseins fertig
wird, bleibt ihre Sache; dabei kann ihr niemand helfen. Aber
vom Druck äußerer Abhängigkeit kann ich sie befreien, und
darum vermache ich ihr hiermit mein persönliches Vermögen
in Höhe von fünfhnnderttanscnd Franken, das ihr nach Er¬
ledigung der notwendigen Formalitäten unverzüglich ans¬
gezahlt werden soll. Ein genauer Nachweis, das; es sich um
ausschließlich Gundolfsches Geld handelt, ist vorhanden",
schaltete Stoccklin ein und las weiter: „Es ist kein Reichtum,
an dem sie sich verlieren kann, aber es gibt ihr die Freiheit,
für ihr Leben einen neuen Weg zu suchen. Daß sie den
richtigen finden möge, gebe ich ihr als letzten Wunsch mit.
Uild meinen Segen dazu! Amc'lie Furrer geborene Gundolf."
Dr. Stoccklin hatte geendet und sah seine beiden Klienten
an. In Furrers Gesicht malte sich zuerst offenkundige Ent¬
täuschung, das; der ansehnliche Betrag seiner Familie entging.
Doch dann siegte bei dein nüchternen Geschäftsmann die ruhige
Ueberlegnng: ebensogut Hütte die Erblasserin ihr ganzes Ver¬
mögen der Großnichte oder ivohltäligen Stiftungell hinter¬
lassen können. Man hatte kaum persönlichen Kontakt mit ihr
gehabt, denn sie umgab sich lieber mit Tieren als mit Menschen
und lvar iil den letzten Fahren überhaupt ein bißchen wunder¬
lich geworden. Da war cs doppelt anzuerkennen, das; sie das
Furrer-Veriuögen an die Fanlilie znrückgehen ließ, lind im
Grunde konnte man es ihr nicht verdenken, wem; sie ihr
eigenes Geld nun auch ihren eigenen Blutsverwandten zu-
kommen lassen wollte. Und diese sympathische junge Frau, die
so fassungslos dasaß, schien cs brauchen zu können.