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Das Buch für Alle.

Hefi 23.

ist, eine gute Karriere zu machen. Er hat einen Freund mitgebracht, einen Gelehrten, einen Doktor Gollner, wahrscheinlich auch einen jungen Mann, der dort sein Glück zu machen hofft, was soll nun aus diesen drei Männern werden? Ich lasse die beiden Deutschen aus Berlin als politischer Umtriebe verdächtig verhaften, und wenn sie im glücklichsten Falle ohne weitere Strafe über die Grenze eskortirt werden, haftet auf ihnen doch für Lebenszeit der Makel, politisch anrüchig zu sein. Herr v. Kempen aber verliert eine Stellung, die ihn zu den besten Hoffnungen berechtigte, kein preußischer Prinz kann ja einen Menschen in seiner Umgebung be­halten, den ich anklage, daß er Jntriguen gegen den Zaren angezettelt habe. Auch der hiesige Bankier Mirski, welcher den beiden jungen Leuten aus Berlin Vorschub geleistet hat, wird zur Rechenschaft gezogen werden. Das sind nun schon vier Menschen, die Ihrer Laune geopfert werden müssen, der Fünfte, der Herzog von Leuchtenberg, der sich Ihnen damals sehr vor­witzig als Cavalier anbot, wird ebenfalls mit Schimpf und Schande das russische Gebiet verlassen müssen. Carlotta, ich sage Ihnen das nicht als Drohung, son­dern als Mahnung. Ihr Wille ist es allein, der mich zwingt, diese fünf Menschen zu verfolgen, wie ich den Fürsten S. entwaffnet habe; reichen Sie mir die Hand zur Versöhnung, versprechen Sie, mir keinen Groll nachzutragen, und ich schone die Männer, die sich um Ihretwillen meiner Rache preisgegeben haben!"

Der General sprach das in bittendem Tone, er glaubte aus den Mienen Carlotta's zu lesen, daß seine Vorstellungen ihren hartnäckigen Trotz erschüttert, hatte es doch seltsam um ihre Lippen gezuckt, als er die Namen Bergow, Gollner, Kempen, Mirski, Leuchtenberg genannt hatte.

Als Carlotta nicht sogleich antwortete, und der Graf annehmen konnte, es sei der Schrecken über die Entlarvung der vermeintlichen Jntriguen, der sie be­täube, da ließ ihm die Gewißheit, er habe den Plan seiner Gegner errathen, das Blut wallen, jetzt fühlte er sich berechtigt, von Carlotta Unterwerfung zu fordern oder sie und ihren Anhang zu zermalmen.

Da geschah aber etwas, das er durchaus nicht er­wartet hatte. Anstatt sich zu beugen oder zu leugnen, daß sie von einer solchen Jntrigue gegen ihn Kenntniß habe, fragte Carlotta, ihr Auge mit seltsamem Aus­druck auf ihn heftend: ob sie recht gehört, ob er den Namen Gollner genannt habe?

Der General ward stutzig. In diesem Augenblick, wo Carlotta den Namen betonte, war es ihm, als habe er denselben schon früher gehört, es lag etwas Befrem­dendes, das böse Gewissen Beunruhigendes in dieser unter den obwaltenden Verhältnissen gewiß auffälligen Frage.

Ja," antwortete er, sie scharf fixirend.Er ist ein Chemiker, der eine Erfindung gemacht haben will. Hat dieser Mensch etwa das Glück, Ihr besonderes Inter­esse zu besitzen, dann werde ich mich vornehmlich an ihn halten."

Carlotta schwankte noch, ob sie das Unglaubliche annehmen könne, daß dieser Gollner, von dem der General sprach, derselbe sein könne, welcher auf Schloß Kempen Maria behandelt, dessen traurige Lebens­geschichte ihr Thekla mitgetheilt hatte. Aber der Neffe Thekla's war der Begleiter dieses Gollner, und der General sagte, daß Beide mit dem Herrn v. Kempen in Verbindung getreten seien, sie erinnerte sich aber, daß Kurt v. Kempen beim Doktor Gollner gewohnt habe, um nicht Quartier im Stammschloß seiner Fa­milie zu nehmen.

Es schien unbegreiflich, was sich vor ihre Seele drängte, aber das Gefühl, das ihre Brust durchtobte, mußte sich Luft machen.Wagen Sie es nicht," rief sie und ihr Antlitz flammte,den Doktor Gollner an- ^utasten. Falls Sie von dem Manne reden, den ich rn Kempen kennen gelernt habe, so weiß ich zwar nicht, was ihn bewegen konnte, für mich aufzutreten, aber wenn Ihnen nichts auf Erden heilig ist, so respektiren Sie wenigstens das Unglück, tasten Sie einen Menschen nicht an, den das Schicksal grausam verfolgt hat, und der nur mit Menschen verkehrt, wenn er Bedrängten Hilfe spendet."

Ah," lächelte der General spöttisch,so lerne ich also den Mann kennen, der Funken aus dem Marmor Ihres Herzens geschlagen, für den Ihr kaltes Blut sich erwärmt hat."

Ich sage Ihnen, daß ich nicht begreife, wie er sich meiner erinnern sollte. Ihr Argwohn ist auf falscher Fährte. Wenn Jakob Gollner in Petersburg ist, so gilt das nicht meinem Interesse, sondern wohl dem einer unglücklichen Frau, deren Gatte vor acht Jahren nach Sibirien geschickt worden ist, der Gräfin Barinska"

Der General zuckte zusammen.Gollner" rief er, als würden ihm plötzlich die Augen geöffneter kam damals nach Warschau, als wir die Stadt er­stürmt hatten er ist Arzt?"

Ja. Er wollte einer unglücklichen Frau Hilfe bringen und wurde von einem russischen Offizier, den er behandelt und der ihm seine Fürsprache zugesagt hatte, in infamer Weise verdächtigt und betrogen."

Der General sprang auf. Der Gedanke, daß der­selbe Mann, der ihm damals seine Wunde geheilt, den er dann durch Kosaken über die Grenze geschafft, nach­dem er seine Hoffnungen betrogen hatte, jetzt eine Audienz beim Zaren nachsuche, konnte ihn wohl er­schrecken. Es war kaum daran zu zweifeln, daß Kempen ihn durch Max Bergow nach Petersburg bestellt hatte, der General sah sich von einem Angriffe bedroht, der gefährlicher war, als er hatte ahnen können. Aus der Nacht der Vergangenheit stiegen Rachegespenster auf. Es war dem General zu Muthe, als wanke unter ihn: der Boden, als breche über ihm der Bau zusammen, den er sich als feste Burg errichtet zu haben glaubte, um allen Angriffen seiner Feinde zu trotzen. Die weichere Regung, die ihn überkommen hatte, seit Car­lotta's Wesen ihm Achtung abgezwungen, ihre Schön­heit seine Sinne gefesselt hatte, verschwand, und der finstere Dämon, der ihn stets getrieben, durch brutale Gewalt das Recht seiner Opfer zu verhöhnen, gewann wieder die Oberhand in ihm.

Du willst Dich also nicht fügen?" herrschte er Carlotta an, und bestialische Wuth funkelte aus seinen Augen,Du wagst es, einem Schurken das Wort zu reden? So magst Du denn sehen, ob er Dir helfen kann."

Der General rief den Kerkermeister. Er befahl, die gefangenen Frauen getrennt in strenge Haft zu bringen, das Urtheil werde ihnen morgen gesprochen werden. Er fuhr, nachdem er das Gefängniß verlassen, zum Chef des Gerichts und machte denselben in drohender Weise dafür verantwortlich, daß das Urtheil über den Fürsten S., über die Sängerin und die Leibeigene auf das härteste Strafmaß laute, der Sekretär Branikow allein sei der Begnadigung zu empfehlen, da er ein offenes Geständ- niß abgelegt habe.

Dann trat der General die Rückreise nach Peters­burg mit Kurierpferden an.

22 .

Ein leichtes Fahrzeug jagt durch die Newski-Per- spektive, die längste Straße von Petersburg. In dem offenen Wagen sitzt ein Mann von hoher, imposanter Gestalt, in einen Offiziermantel gehüllt. Wer das Gefährt kommen sieht, entblößt das Haupt, Wagen und Reiter halten an, die Nationalrussen werfen sich in den Staub es ist der Zar, dem nian also huldigt. Jetzt hält der Wagen vor dem Winterpalaste, der Kaiser schwingt sich elastisch heraus und begibt sich, die salu- tirenden Wachen militärisch grüßend, in seine Gemächer.

Da begegnet ihm in einem Korridor ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren in der schmucken Uni­form eines Hetmans der Kosaken, derselbe salutirt, während sein Begleiter, die Arme über der Brust ge­kreuzt, sich nach altrussischer Sitte tief verneigt.

Die ernsten Züge des Kaisers nehmen den Aus­druck zärtlichen Wohlwollens an, als er seinen ältesten Sohn Alexander erblickt, er scheint überrascht, den Thronerben in Gesellschaft seines Erziehers zu sehen.

Der russische Staatsrath Jonkoffski, den man mit der wissenschaftlichen Ausbildung des Thronfolgers be­traut, ist als Dichter und als Üebersetzer der Fouquo'- schenUndine" in die Sprache Rurik's bekannt. Er war ein Freund des Dichters Puschkin, ein Mann von weichen, verschwommenen Gesichtszügen und gemüth- lichen braunen Augen, und ein so vollkommener Höf­ling, daß keines seiner Worte eine bestimmte Farbe trug, seine Stimme war leise wie feine Bewegungen, er ist noch vielen lebenden Deutschen bekannt, da er sich später in der Malerstadt Düsseldorf niederließ. Jonkoffski hat jedenfalls viel dazu beigetragen, in dem jungen Thronerben die Idee des größten und edelsten Werkes zu entwickeln, das derselbe sich zur späteren Lebensaufgabe gemacht die Aufhebung der Leib­eigenschaft in Rußland.

Der Großfürst Cäsarewitsch erröthete leicht, als der Kaiser äußerte, er glaube ihn in der Manöge; er ge­stand, daß er seinem Erzieher einen Entwurf vorgelegt, das Vertragsrecht der Grundherren mit ihren Leib­eigenen über Frohnden zu regeln, er habe denselben ausgearbeitet, um ihn dem kaiserlichen Vater zu unter­breiten.

Der Zar lächelte.Ich werde die Arbeit prüfen," sagte er,aber Du thätest besser, über solche Angelegen­heiten Dich von meinen Ministern, als von Jonkoffski belehren zu lassen, diese Dinge wollen nüchtern, nicht poetisch behandelt werden."

Der Kaiser schritt weiter. In seinen Gemächern angelangt, wurde ihm gemeldet, daß der General Albinsky, den er um diese Zeit zur Audienz befohlen, seiner Befehle harre.

Er soll eintreten," befahl der Kaiser, und gleich darauf erschien der General aus der Schwelle des Ge­maches.

Der Kaiser heftete seinen Blick scharf auf ihn.Ist der Gelehrte zur Stelle," fragte er,dessen Erfindung Du mir gerühmt?"

Zu Befehl, Eure Majestät."

Du hast den Werth der Erfindung prüfen lassen?" l

Zu Befehl, Eure Majestät. Es steht zweifellos fest, daß vermittelst dieser Erfindung bedeutende Er­sparnisse bei Herstellung von Armaturgegenständen zu machen sind. Die Kommission hat die neue Metall­mischung nach jeder Richtung hin geprüft."

Und der Mann will es nur mir sagen, was er für sein Geheimniß fordert?"

Er versichert, daß Eure Majestät zufrieden feilt werden. Der Mensch scheint mir ein Gnadengesuch auf dem Herzen zu haben, er macht den Eindruck eines durch Unglück schwer gebeugten Mannes."

Und Szibowski hat ihn Dir empfohlen?" forschte der Kaiser in eigenthümlichem Tone.

Seine Excellenz beauftragten mich, die Erfindung prüfen zu lassen."

Der Mann soll eintreten," befahl der Kaiser. Der General entfernte sich einen Moment, gleich darauf er­schien Jakob Gollner vor dem Zaren.

Nicht Jeder, den der Kaiser Nikolaus mit seinem Auge so scharf musterte, wie in diesem Augenblicke Gollner, ertrug den Blick so ruhig und erwiederte ihn so kühn und zuversichtlich, wie der schlichte deutsche Gelehrte.

Ihre Erfindung," redete der Kaiser in deutscher Sprache Gollner an,ist geprüft und mir empfohlen worden. Sie wünschen mir allein den Preis dafür zu nennen. Ich habe soeben bei dem Prinzen Wilhelm von Preußen einen jungen Offizier gesprochen, der mir eine Andeutung Ihres Begehrens gemacht hat. Ich warne Sie, ein unwahres Wort zu sagen, da Sie es nachdem es ausgesprochen dann nicht wieder zurück­nehmen können."

Majestät," nahm Gollner das Wort,ich hafte mit meiner Freiheit und meinem Kopfe für meine Worte. Ich rufe die Gerechtigkeit Eurer Majestät gegen einen Schurken an!"

Der Zar blickte überrascht auf, solche Kühnheit hatte er nicht erwartet, aber er verstand auch einen solchen Muth zu würdigen.Die strengste Gerechtig­keit soll dem Schuldigen werden," antwortete er,dem Angeklagten, wenn seine Schuld bewiesen wird, dem Ankläger, welcher eine Verleumdung wagt. Wer ist es, den Sie vor mir einen Schurken nennen?"

Der General Graf Szibowski."

General Albinsky, der Gollner eingeführt hatte, er­bleichte und starrte fassungslos bald Gollner, bald den Zaren an.

Wo sind die Beweise für das, was Sie sagen?" herrfchte der Kaiser, betroffen von der Ruhe des Man­nes, der seinen Günstling, einen der ersten Würden­träger des Reiches, also anzuklagen wagte.Doch halt," unterbrach er sich.Wenn der Fürst Dolgoruki im Palaste ist, soll er sofort hieher kommen."

General Albinsky eilte, um den Befehl des Kaisers dem General-Adjutanten zu überbringen.

Der Leser erräth aus den Andeutungen, die der Kaiser selbst vorhin Gollner gegenüber gemacht hatte, daß Nikolaus nicht unvorbereitet auf die Anklage war, die er vernehmen sollte. Es war dem Zaren aber heute eine Meldung gemacht worden, die ihn veranlaßt hatte, dem Prinzen Wilhelm einen Besuch abzustatten. Der Chef der Kanzlei des Generals Szibowski hatte dem Zaren berichtet, daß er ein Kammermädchen der Groß­fürstin bei einem heimlichen Rendez-vous mit einem Lakaien des Prinzen Wilhelm von Preußen ertappt habe, daß auf den Letzteren der Verdacht falle, ein Billet des Herzogs von Leuchtenberg an eine hohe Dame in die Hände der Zofe geschmuggelt zu haben.

Der Zar hatte infolge dieser Meldung sich zuerst zu seiner Tochter begeben, dann hatte er den Chef der Kanzlei scharf in's Verhör darüber genommen, was ihn veranlaßt habe, den Lakaien eines preußischen Prinzen argwöhnisch beaufsichtigen zu lassen, und als er dem bestürzten Beamten mit seinem Zorne gedroht, hatte derselbe gebeichtet, welchen Argwohn der Graf Szibowski ihm unterbreitet und zu verfolgen befohlen habe

Die Großfürstin Maria hatte dem Kaiser ganz freimüthig das Billet gezeigt, welches das Kammer­mädchen ihr überreicht und welches der Argwohn des Beamten für einen Brief des Herzogs gehalten hatte. Es war die schriftliche Genehmigung des Prinzen Wil­helm für seinen Lakaien, die Erlaubniß der Groß­fürstin zu seiner Verheirathung mit jener Dienerin nachsuchen zu dürfen.

Die Dreistigkeit, mit welcher Szibowski gegen einen Beamten einen Verdacht geäußert hatte, der nicht nur den Herzog, sondern auch die Großfürstin selbst kom- vromittirte, hatte den Zaren bereits gegen den Chef seiner Polizei erregt, ehe er den Prinzen Wilhelm auf­suchte, und die Andeutungen, die man ihm nun dort über den wahren Charakter des Grasen gemacht hatte, veranlaßten es wohl, daß er für Gollner's Anklage in günstiger Stimmung war.

Kurt v. Kempen hatte auf die Aufforderung seines Gebieters hin, dem Kaiser gegenüber sich rückhaltlos zu äußern, den Zweifel ausgesprochen, daß der Fürst l S. in der Angelegenheit der Sängerin gerecht beurtheilt