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„Gnädiges Fräulein, ich habe jedes Wort erwogen, das ich gesprochen. Wer mit dem Herrn Grafen Ko- rinski befreundet ist, kennt ihn eben besser als ich und wird keinen Argwohn hegen, ich aber verantworte es, wenn meine Worte dem Argwohn Rann: geben."
„Dann können Sie auch die direkte Dinklage vertreten. Wiederholte ich Ihre Worte dem Grafen, so würde er Rechenschaft fordern. Wünschen Sie also, daß ich schweige, so spielen Sie nicht den Gehcimnißvollen."
„Gnädiges Fräulein, es steht in Ihrem Belieben, dem Herrn Grafen mitzutheilen, was ich gesagt habe; nur würde ich dann gezwungen sein, das Geheimniß, welches ich jetzt hüte, Jedermann zu enthüllen. Ich sagte Ihnen, daß mir die Beweise für eine Anklage fehlen, um mich also zu rechtfertigen, müßte ich That- fachen veröffentlichen, welche den Verdacht in mir erzeugt haben, von dem ich rede. Ich. würde Ihnen dieselben unbedenklich mittheilen, wenn ich ein gleichberechtigter Gast Ihres Hauses wäre, der es als eine Beleidigung ansehen darf, wenn man feinen Worten nicht glaubt. Was ich Ihnen sage, wird Ihr Herr Vater, Ihr Herr Bruder erfahren, der Letztere wird jedenfalls lebhaft die Partei des Grafen nehmen und meine Angaben bezweifeln. Gesetzt nun, man hält es dann nicht für der Mühe werth, mich zur Rede zu stellen, man glaubt dem Grafen und ich stehe als Lügner da, so hätte ich mich selber in eine Situation gebracht, die ich nicht ertragen könnte."
„Ich werde Ihr Geheimniß bewahren, bis Sie mich selber davon entbinden. Mir liegt daran, in dieser Sache klar zu schauen."
„So sei es. Ich lege damit die Entscheidung darüber, ob ich in Ihres Vaters Haus bleiben kann oder nicht, in Ihre Hand."
Klara erröthete leicht, aber sie antwortete nicht; sie brannte vor Ungeduld, Näheres zu erfahren.
„Gnädiges Fräulein," begann er, „ich hatte einen lieben Freund. Er war ein braver Mensch, aber ein leidenschaftlicher Spieler. Das Schicksal führte uns in ein öffentliches Lokal, wo hoch gespielt wurde. Er verlor mehr, als er verlieren konnte — durfte; der Mann, der die Bank hielt, hatte beispielloses Glück. Der Gewinner schlug meinem Freunde die Bitte ab, ihm seine Schuld zu stunden, mein Freund nahm sich das Leben."
„Der Graf Korinski war der Gewinner?" fragte Klara.
„Er war es. Er verließ anderen Tages plötzlich die Stadt. Ueble Gerüchte folgten ihm, man zweifelte, ob er ehrlich gespielt. Beweise gegen ihn waren nicht vorhanden. Verstehen Sie es, daß ich den Mann hasse?"
Klara nickte bejahend. L-ie schien tief in Gedanken versunken und sehr erregt.
„Sie haben auch Ihr Geld an ihn verloren?" fragte sie plötzlich.
„Nein. Ich habe nie leidenschaftlich gespielt. Ich fetzte nur Bagatellen."
„Wann begab sich jene unglückliche Geschichte?"
„Es sind jetzt drei Jahre verflossen."
„Sie haben nie etwas Näheres, Bestimmtes darüber gehört, ob jener infamirende Verdacht gegen den Grafen ungerecht war oder nicht?"
„Gewisses niemals."
„Herr Saldern," nahm Klara nach einer Pause das Wort und es lag etwas warm Herzliches in ihren: Tone, was ihm wunderbar an's Herz schlug,. „ich werde Ihr Geheimniß hüten. Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Mittheilung — mein Bruder ist mit Korinski nahe befreundet, und da ist es sehr wichtig, zu beobachten, ob der Graf dessen bösen Neigungen Vorschub leistet oder nicht. Es ist möglich, daß jene traurige Geschichte dem Grasen eine ernste Lehre geworden ist unb er vielleicht das Spiel jetzt meidet und Robert davor warnt — ich werde das Beste annehmen; sollte ich mich aber darin täuschen, so werden Sie mir gestatten, von Ihrer Mittheilung soweit Gebrauch zu machen, als das geschehen kann, ohne Sie mit dem Grafen in Kollision zu bringen. Der Graf reist mit meinem Bruder nach Paris. Für's Erste sind Sie also davor sicher, daß eine neue Reibung stattfindet, bi-s er aber zurückkehrt, wird es Ihnen leicht sein, meines Vaters Vertrauen derart zu erwerben, daß Sie auf feinen Schutz gegen Jeden rechnen können; bis dahin wird es sich aber auch zeigen, ob der Graf ein Spieler geblieben ist oder nicht, in Paris ist ja die Gelegenheit zu hohem Spiele stets vorhanden."
Saldern's Antlitz strahlte. Das Vertrauen, welches aus Klara's Worten athmete, erschien ihm wie ein Sonnenstrahl, der überall in seiner Brust neues Leben erweckte und Keime blühender, duftiger Hoffnungen sprossen ließ. Wie erschien ihm dieses Mädchen anders als gestern im Coupo, und doch hätte sie jetzt kaum verführerischeren Reiz für ihn haben können, als die stolze, kokette Außenseite bei so edlem Empfinden. Er fühlte es, daß sie nicht einer momentanen Regung nachgegeben, wenn sie sich ihm genähert, ihr Stolz hatte den Schritt geduldet und konnte ihn nicht bereuen, wenn er sich ihres Vertrauens würdig zeigte.
Das Buch für Alle.
Sie hatte ihm die Bewahrung eines Geheimnisses zugesagt, welches Korinski betraf. Schon das Versprechen an und für sich flocht ein vertrauliches Band zwischen ihm und ihr, aber dasselbe ward um so bedeutungsvoller, als er dadurch die Gewißheit erhielt, daß ihr Herz dem Polen noch nicht gehöre — konnte sie so leicht einen Argwohn schwerster Art gegen denselben in sich ausnehmend dann war ihr Herz noch frei, dann liebte sie ihn nicht!"
Saldern hätte fast über sich selber lächeln mögen, als seine Vernunft, plötzlich erwachend, die Phantasie bei diesem Fluge der Träume ertappte. Wie er so stumm neben Klara herschritt, das Auge ihr Bild in sich sog und das Herz in Illusionen schwelgte, kam ihm doch plötzlich die Erinnerung daran, daß sie die Tochter eines reichen Gutsherren und er ein Mann sei, der sich ihrem Vater zu Diensten verpflichtet, den sie also mit Recht als einen Menschen ansehen durste, welcher verpflichtet war, ihr Vertrauen nicht zu täuschen — verpflichtet, nicht blos durch seine Ehre, sondern durch den Sold, den er erhielt, dem man ein schlechtes Attest schrieb und den n:an entließ, wenn er sich unwürdig zeigte, der sich also vielleicht sehr lächerlich machte, wenn er aus Klara's Herablassung, Freundlichkeit und Vertrauen eitle Konsequenzen zog!
Man hörte die Axtschläge der Arbeiter, man nahte also der Stelle, wo man Klara's Vater zu treffen erwartete, und sie zögerte nicht im Geringsten, den Vater es sehen zu lassen, daß sie Saldern begleitete.
Wenn ein junges Mädchen mit einem jungen Manne allein durch den Wald geht, so ist er ihr kein Fremder, er ist Jemand, von dem sie es für unmöglich hält, daß er unerlaubt zudringlich sein könne, also entweder Jemand, von dem sie Alles, was er ihr sagen könnte, hören will und hören darf, oder Jemand, der den Respekt vor ihr nicht verletzen darf, den sie als Untergebenen, als einen Menschen betrachtet, mit dem allein zu sein sie selbst vor dem bösen Leumund nicht bloßstellt.
Sie mußte also denken, sie mußte glauben, es könne ihr unmöglich Jemand zutrauen, mit dem Inspektor andere als harmlose Dinge gesprochen zu haben, denn sie war nicht im Mindesten verwirrt, als sie Robert und Korinski, die ihre Pferde an einen Baum gebunden hatten, in der Gesellschaft ihres Vaters sah. Völlig unbefangen näherte sie sich den Herren und sagte, sie habe dem Inspektor den Weg gezeigt, damit er sich nicht im Walde verirre.
Korinski war der Einzige, für den diese Ueber- raschung etwas Peinliches und Befremdendes zu haben schien, er erröthete heftig und warf einen finsteren, 'mißtrauischen Blick auf Saldern wie aus Klara — Brandau begrüßte Saldern wohlwollend, aber doch mit etwas erzwungener Freundlichkeit.
Der Baum war bereits umgelegt, die Arbeiter trennten mit Artschlägen den mächtigen Stamm vollends von den: Wurzelstück, die schwerste, gefährlichste Arbeit war gethan.
„Wären Sie eher gekommen, so hätten Sie vielleicht verhindert, daß die ungeschickten Kerle mir dort die schöne Buche arg beschädigt haben," sagte Brandau. „Ich höre, Sie haben schon mit Robert und dem Grafen Bekanntschaft gemacht, ich brauche Sie also nicht vorzustellen."
Saldern verneigte sich. Er sprach kein Wort, obwohl Brandau ihn fragend ansah, als erwarte er, daß Saldern sich über die Begegnung äußern werde — Korinski und Robert, die sich Klara genähert hatten, entführten dieselbe einige Schritte, um zu hören, ob Saldern sich beklagt habe.
„Sie haben es meinem Gaste übel genommen, daß er Sie etwas derb angeredet," fuhr Brandau fort. „Er hat Sie nicht verletzen wollen. Die Sache ist damit wohl erledigt, aber ich würde mich freuen, wenn Sie in ähnlichen Fällen darauf Rücksicht nehmen wollten, daß nicht Jeder weiß, welchen Rang Sie früher in der Gesellschaft einnahmen!"
Brandau sprach das leise und mit einem Anfluge von Bitterkeit und Spottlust, als beklage er es,. daß Saldern um einer Bagatelle halber Anlaß zu Reibungen gäbe.
Saldern verneigte sich, als nehme er die Zurechtweisung an, ohne ein Wort der Erwiederung zu haben, er wollte es Klara überlassen, ihn zu entschuldigen, wenn dies nöthig wurde, und ihr auch zeigen, daß er sich beherrschen könne.
Brandau hatte es nicht erwartet, daß Saldern schweigen werde, er hatte sich vorgenommen, diesem Alaune gegenüber, wenn er es irgendwie könne, seine Heftigkeit bei einem Widerspruch zu beherrschen, jetzt aber reizte es ihn, daß dieser Widerspruch nicht erfolgte. Er traute es Saldern nicht zu, daß derselbe den Vorwurf anerkenne, er dachte, das Schweigen desselben ver- rathe Trotz, Saldern halte es nicht der Mühe werth, ein Wort der Entschuldigung zu sagen und seine Stirne röthete sich leicht, sein Auge erhielt einen stechenden Glanz, es waren das die Vorboten leidenschaftlicher Aufwallung bei ihm. „Ich habe Ihnen versprechen
Heft 3.
müssen, über Ihre früheren Verhältnisse zu schweigen," fuhr er fort, „aber ich kann das nur, wenn Sie Ihren Lieutenantsdünkel verbergen und mich nicht in Verlegenheit setzen —"
„Ich werde Alles zu vermeiden suchen, was Ihnen Anlaß zur Unzufriedenheit geben kann," nahm jetzt Saldern das Wort und begleitete die in entschiedenem, aber ruhigem Tone gesprochenen Worte mit einem Blicke, der Brandau ermahnen konnte, nicht weiter mit seinen Vorwürfen zu gehen, wollte er nicht einen Bruch pro- voziren.
Die feste Haltung Saldern's, verbunden mit den Worten bescheidener Unterwerfung waren das geeignetste Mittel, Brandau daran zu erinnern, daß er seine Heftigkeit beherrschen müsse, aber wie sich seine Erregung legte, verstand er auch die Selbstüberwindung des Inspektors zu würdigen, und in dem Momente, wo dieser sich seine Achtung erzwungen, stieg in Brandau auch der Zweifel auf, ob er ihm nicht Unrecht gethan, ob Saldern wirklich den Vorwurf verdient habe, den er ihm gemacht hatte?
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„Der Inspektor hat wohl über mich Beschwerde geführt? Aber wer konnte auch ahnen, daß Ihr Herr Vater einen Mann engagirt, der sich für einen Cava- lier zu halten scheint!" so hatte der Pole Klara angeredet. „Alan könnte ja eifersüchtig auf den Menschen werden, da Sie ihm Ihre Gesellschaft schenken!"
Es entging Klara nicht, daß sowohl die Blicke des Polen wie die ihres Bruders nach ihrem Vater und Saldern schielten, um zu beobachten, wie sich dort die Scene abwickle und daß ein schadenfroher Triumph in den Augen Korinski's blitzte, als Saldern die ihn: gemachten Vorwürfe hinzunehmen schien.
„Sie wissen, Herr Graf," versetzte sie, „daß ich derartige Neckereien weder liebe, noch als besonders geistreicherkennen mag, wer eifersüchtig ist, gesteht die Vorzüge eines Anderen ein, und Sie können mich also höchstens neugierig daraus machen, ob Herr Saldern ein amüsanterer Gesellschafter ist wie Sie."
„Sie besitzen wirklich eine wunderbare Gewandtheit, gnädiges Fräulein, jeden Anlaß auszubeuten, mir einen Seitenhieb zu versetzen und dabei weichen Sie der Antwort auf meine Frage aus."
„Haben Sie denn etwas gefragt?"
„Du bist unausstehlich, Klara," mischte Robert sich in das Gespräch, „wir wollen wissen, ob der Inspektor sich bei Dir darüber beklagt hat, daß Korinski ihn nicht höflich genug behandelt hat."
„Herr Saldern hat mit mir über allerlei Dinge gesprochen, über die ich ihn befragte," erwiederte Klara, „und ich habe die Ueberzeugung gewonnen, daß, wenn er sich über Jemand zu beklagen hat, er die rechten Wege und Mittel einschlagen wird, sich selber zu Helsen, aber er braucht alsdann meine Hilfe nicht anzurufen, ich würde von vornherein auf seiner Seite stehen; ich würde es unverantwortlich finden, wenn Jemand einen Mann, der bei uns Brod und Arbeit sucht, zu seinem Vergnügen demüthigt, ich dächte, es könnte uns Allen nur angenehm sein, wenn wir einen Inspektor haben, der etwas auf sich hält."
„Gewiß," antwortete der Pole, welcher bemerkt hatte, daß Brandau Saldern wieder freundlich anschaute, „ich habe mein Unrecht auch eingesehen, den Herrn Inspektor um Entschuldigung gebeten — mehr kann man nicht thun."
„Der Inspektor führte nicht direkt Beschwerde," fuhr Klara fort, „aber er deutete die Besorgniß an, daß Sie, Herr Graf, ein Vorurtheil oder eine persönliche Abneigung gegen ihn hätten, nur so kann er es sich erklären, daß Sie ihm schroff entgegengetreten sind."
„Und ich machte ihm diesen Vorwurf, ich wähnte, daß er eine vertraulich herablassende, aber nicht beleidigende Art der Anrede nur deshalb mit solcher Empfindlichkeit aufnehme, weil er mir vielleicht schon irgendwo begegnet ist und ich ihn: vielleicht auch damals keinen besonderen Respekt gezollt. Sein Gesicht ist mir bekannt. Es ist möglich, daß er irgendwo seine Stelle verloren und vielleicht mir die Schuld zuschreibt, oder fürchtet, ich könne Ungünstiges über ihn berichten. Doch sei es wie es sei — die Sache ist mir fatal; da Ihr Herr Vater viel von ihn: hält, werde ich mich vorsehen, mir nicht wieder sein Mißvergnügen zuzuziehen."
„Wenn wir von Paris zurückkommen, ist er vielleicht schon über alle Berge!" bemerkte Robert achselzuckend.
„St!" flüsterte der Graf, denn Brandau und Saldern kamen näher, um ebenfalls den Heimweg nach dem Schlosse einzuschlagen. Beide sprachen über die Verhältnisse des Gutes und unwillkürlich lauschten Klara und ihre Begleiter, als sie hörten, wie Saldern sein Urtheil aussprach. Der Inspektor besaß ein klangvolles, überaus angenehmes Organ, seine Bemerkungen waren scharf und präzis gefaßt, man fühlte, daß er seine Sache verstand, und die Frische, die Keckheit, mit der er Schwächen, die er bemerkt, enthüllte, erweckten um so mehr das Interesse der Zuhörer, als er dabei
