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Spiel zu setzen. Er konnte mit dieser Entdeckung die Bedenken widerlegen, welche sein Vater zuweilen ge­äußert, wenn davon gesprochen worden, daß Korinski nach Klara's Hand trachte, aber gleichzeitig schlug in ihm auch der Argwohn Wurzel, daß Korinski in an­deren Dingen ebensogut ein Renommist wie in seinen patriotischen Gefühlen sei, daß dem Polen nicht gerade besondere Wahrheitsliebe eigen sei.

Von diesem Augenblicke an suhlte er sich Korinski gewachsen, er konnte bei einer Differenz Drohung mit Drohung beantworten, anstatt ihn zu bevormunden, sollte der Pole fortan ihm Helsen, seine Wünsche zu be­friedigen, seinen Vater freigebiger zu machen, anstatt, den Schulmeister zu spielen.

Robert war mit der Abreise von Paris einver­standen. Wie verschiedenartige Genüsse die Welt- ' stadt auch bot, so fand er doch, besonders nachdem er von der Einbildung, daß er eine Eroberung gemacht, geheilt worden war, daß er mit der Hälfte der Mittel, die er in Paris brauchte, das Doppelte in einer deut­schen Residenz genießen könne, besonders da seine ge­ringe Gewandtheit in der französischen Sprache ihm überall störend war.

So traten denn die beiden Touristen ihre Rück­reise an, Korinski wählte eine andere Route als die über Köln, er meinte, als Robert die Hoffnung aus­sprach, daß vielleicht der Dieb entdeckt worden sei, eine Nachfrage wäre überflüssig, die Resultate der Unter­suchung werde man'doch erfahren, die Polizei fange wohl zuweilen die Diebe ein, aber das gestohlene Gut bleibe meist verschwunden.

Auf der letzten Strecke, als man nur noch einige Stunden zu fahren hatte, um Groß-Woltersheim zu erreichen, begann Korinski plötzlich das Schweigen zu brechen, das er fast den ganzen Morgen beobachtet. Verzeihen Sie mir, Robert," sagte er,wenn ich heute ein einsilbiger langweiliger Gesellschafter war, aber ich stehe vor einer Entscheidung, die für mein ganzes Leben wichtig ist. Wie werden mich die Ihrigen empfangen? Sie wissen, ich liebe Ihre Schwester Klara. Es muß sich noch heute entscheiden, ob mir das seligste Glück erblüht, oder ob ich verurtheilt bin, ein einsames Dasein zu führen. Ich kann die Gast­freundschaft in Ihrem elterlichen Hause nicht länger annehinen, ich werde entweder mit Ihrer Familie auf's Innigste verbunden oder ich reise noch heute Abend mit dem Kurierzuge weiter. Ich mag einerseits die Wunde in meiner Brust nicht weiter ausreißen, falls Ihre Schwester mich verschmäht, andererseits hätte ich schon längst die Verwaltung meiner Güter in Polen kontroliren müssen, ich darf das nur aufschieben, wenn ich gewisse Hoffnung habe, bei dieser Gelegenheit ein geliebtes Weib in meine Schlösser als Königin einzu­führen. Wollen Sie mir helfen, das Herz Ihrer Schwester zu erweichen, wollen Sie mein Schwager, mein Bruder werden?"

Warum nicht," versetzte Robert in leichterem Tone als für eine so feierliche Erklärung paßte,wenn Sie mir in Wahrheit ein Bruder werden wollen. Mein Vater will sich noch nicht daran gewöhnen, mich als Erwachsenen anzusehen, versprechen Sie mir, daß Sie ihn veranlassen, mir ein Gut zu kaufen, wo ich selbst­ständig bin, so helfe ich Ihnen und erzähle zu Ihrem Ruhme, was Sie wollen."

Die Sache wäre leicht zu arrangiren. Das Nach­bargut meiner Besitzung ** ist billig zu verkaufen. Es liegt hart an der preußischen Grenze und ist dabei viel Geld zu verdienen, wie mein Verwalter schreibt. Ich habe schon Auftrag gegeben, darauf zu bieten, aber ich trete zurück, wenn das Gut für Sie erstanden wird. Mit der Bahn haben Sie nur vier Stunden bis Posen und dort lebt man gut. Ich kann Ihnen im Anfänge etwas helfen und Ihr Vater wird Sie nicht zu oft kontroliren, dazu ist die Reise zu weit."

Abgemacht," rief Robert.Bin ich nur erst aus dem Elternhause, bin ich nur erst selbstständig, dann werde ich auch Lust zur Arbeit haben. In Wolters­heim stehe ich aber fast noch unter dem Inspektor."

Korinski nickte ihm zu, Beide verstanden einander. Apropos," sagte der Pole,ob wohl Saldern noch so gut angeschrieben ist bei Ihrem Herrn Vater? Ich kann den Menschen nicht leiden."

Es scheint, daß er meinen Vater zu nehmen ver­steht. Im letzten Briefe schreibt er mir, Saldern fet für ihn ein Juwel."

Korinski lachte hämisch.Gar Mancher," sagte er,hat einen Glasstein für Diamant gehalten. Wäre ich an- Ihrer Stelle, ich ließ Alles darauf ankommen und stellte dem Kerl ein Bein, sonst könnte es dahin kommen, daß, wenn Sie einmal Geld brauchen, Ihr Vater das Juwel fragt, ob Geld genug dazu in der Kasse ist man hat es erlebt, daß solche Menschen schließlich das Regiment auf dem Gute führen."

Robert erröthete leicht.Die Kaffe," sagte er, muß Saldern schon haben, denn der Vater schrieb, Saldern habe die Nummern der mir gestohlenen Bank­noten nach Köln geschickt."

Korinski bekam einen plötzlichen Hustenanfall, ein

Das Buch für Alle.

schärferer Beobachter als Robert hätte Verdacht ge­schöpft, daß dieser Husten kein natürlicher sei.

11 .

Eine Depesche der Reisenden hatte ihre Rückkehr auf Groß-Woltersheim angemeldet, nachdem Robert bereits aus Brüssel geschrieben, daß man sich auf der Heimreise befinde. Auch Korinski hatte von Brüssel aus einen Brief nach Groß-Woltersheim geschickt, in welchem er Herrn Brandau darüber beruhigt, daß keine neue Unannehmlichkeit die verfrühte Heimkehr ver­anlasse, in dem er gleichzeitig aber auch dem Vater Klara's dieselbe Erklärung gegeben, welche er heute Robert mitgetheilt hatte.

Die Briefe aus Brüssel waren etwa acht Tage nach den Ereignissen, welche die Fahrt Brandau's nach dem Landrathsamte veranlaßt, eingetroffen. Die Ernte hatte begonnen, Saldern ließ sich vor den Bewohnern des Schlosses nicht mehr blicken, er nahm auch die Abend­mahlzeiten auf seinem Zimmer ein, und hatte er Brandau zu sprechen, so suchte er denselben in seinem Arbeitskabinet auf. Er mied den Salon , nmn konnte nicht sagen, daß man ihn daraus vertrieben.

Es war Brandau sehr peinlich, daß der Inspektor, dessen Tüchtigkeit und Werth er jeden Tag mehr an­erkennen mußte, den Seinigen so wenig gefiel, aber da Saldern sich aus freien Stücken mehr zurückzog, als selbst Frau Amalie von ihn: hätte fordern können, so hoffte der alte Herr jetzt Ruhe zu haben.

Dem war jedoch nicht so. Frau Amalie erklärte es für einen Beweis frecher Arroganz, daß Saldern, wahrscheinlich weil man ihn nach seinem Geschmack nicht genug fetire, jetzt von dem Recht eines Platzes bei Tische keinen Gebrauch mehr mache.Er will uns zeigen," sagte sie,daß er diese Erlanbniß nicht als eine Ehre ansieht, daß er den Platz an unserem Tische verachtet."

Klara gab ihrer Mutter Recht und sprach nicht ohne Heftigkeit die Ansicht aus, man dürfe jetzt nie wieder dem Inspektor ein Vorrecht gestatten, auf welches er in so demonstrativer Weise verzichtet habe es stimmte sie unendlich bitter, daß Saldern ihr in der Heftigkeit gegebenes Verbot, sie nicht wieder anzureden, so getreulich befolgte und ihr die Gelegenheit nahm, die Härte desselben zu mildern.

Da kam der Brief Korinski's, Brandau theilte ihr denselben mit und sprach die Ansicht aus, daß ihn ein derartiges Drängen peinlich berühre, der Pole setze ihm gewissermaßen die Pistole aus die Brust; aber nicht nur Amalie fand es sehr richtig, daß Korinski Ent­scheidung verlange, ehe er wieder die Gastfreundschaft in Anspruch nehme, auch Klara schien es zu gefallen, daß er ein Ja oder Nein forderte.

Die Handlungsweise des Polen bewies ihr, daß er doch nicht der Mann sei, der sich auf die Dauer zum Spielball ihrer Laune hergab, dem sie Alles bieten könne gerade diese Annahme hatte ihn ihr unbe­deutend erscheinen lassen. Er forderte jetzt, ihre Ent­scheidung; sagte sieNein", so sah sie ihn vielleicht nie wieder. Und er forderte diese Entscheidung in einem Moment, wo ihr Herz sich losreißen wollte von den Gedanken an Saldern, wo sie diesem nicht die Be­friedigung gegönnt hätte, Korinski als abgedankten Bewerber abreisen zu sehen, wo sie Rettung suchte vor Träumen, die sich wider Willen an ihre Seele ge­hängt, wo Bitterkeit und Unzufriedenheit mit sich selber sie darnach dürsten machte, daß irgend eine Schicksals­fügung sie gewaltsam in bestimmte Bahnen dränge.

Im Trotze gegen des Herzens Stimme hatte sie vor acht Tagen der Schwester gegenüber, damit Sophie ihre Selbstüberwindung bewundere, den Trumpf aus­gespielt, daß sie gerufen: Ich heirathe Korinski. In Stunden der Einsamkeit hatte sie sich mit diesem Ge­danken gegen die Sehnsucht zu wappnen gesucht, die ihr Herz beschlichen, es war ihr stets gewesen, als habe sie in dieser Drohung das Mittel zu einer Art von Selbst­mord, als brauche sie es nur anzuwenden, um der Schwäche, die sie beherrscht, für immer ledig zu sein, mochte dann folgen, was da wolle jetzt fragte sie der Vater, ob sie Korinski das Jawort geben wolle; die Blicke Sophiens waren ängstlich flehend auf sie ge­heftet, als rufe die Schwester ihr mahnend zu: Be­gehe keine Thorheit, die Du doch bereust da schämte sie sich, für inkonsequent und wankelmüthig oder gar schwach zu gelten, und bleich, mit bebender Stimme er­widerte sie:Graf Korinski mag sich seine Antwort von mir selber holen wenn meine Eltern Ja sagen, so werde ich ihn nicht zurückweisen."

Amalie umarmte ihre Tochter, Thränen der Freude glänzten in den Augen der eitlen Frau Sophie sprach kein Wort, aber ihr Blick wich nicht von der Schwester, er schien in dem Herzen Klara's lesen zu wollen, mit welchen Gefühlen sie diesen Entschluß gefaßt habe.

Als die Schwestern später allein waren, sagte Klara lächelnd zu Sophie:Du scheinst nicht daran zu glauben, daß ich mich froh und zufrieden fühle. Ich habe mit einer Thorheit, mit einem wahnsinnigen Traume ge­

hest 6.

brachen und die Befriedigung über einen solchen Sieg macht den Kampf vergessen, den man durchgefochten."

Sprichst Du wahr," versetzte Sophie,so bin ich Deines Entschlusses froh, dann war es für Dich und Saldern das Beste, was geschehen konnte."

Für mich und Saldern?! Was hat er dabei zu thun? Er wird sich höchstens darüber ärgern, daß ich Warnungen verachte, die ihm persönlicher Haß oder Neid diktirt haben."

Hoffen wir, daß dem so ist, daß er Korinski falsch beurtheilte."

Sophie brach das Gespräch ab, sie war innerlich zu tief erregt, um mit Klara näher über eine Ange­legenheit zu reden, in welcher die Schwester nach ihrer Ueberzeugung dem eigenen Gefühle Hohn ge­sprochen. Brandau traf Anordnungen zu einem großen Feste, welches am dritten Tage nach der Ankunft der Reisenden gefeiert werden sollte, bei dieser Gelegenheit wollte er die Verlobung seiner Tochter mit Korinski proklamiren; bis die letztere erfolgt war, vermied man es natürlich, in Gegenwart der Dienstleute davon zu sprechen. In gleicher Weise hütete sich auch Brandau, Saldern das bevorstehende Ereigniß früher ahnen zu lassen, als es nvthig war, er begnügte sich zu sagen, sein Sohn und Korinski hätten ihre Reise abgekürzt und er werde zur Feier ihrer Rückkehr eine Gesellschaft geben.

Es war Brandau schon peinlich gewesen, diese Er­öffnung Saldern zu machen, er wußte ja, daß der In­spektor und Korinski sich nicht gut standen.

Sie haben sich jetzt so ziemlich ganz von der Be­rührung mit meiner Familie zurückgezogen, lieber Sal­dern," fuhr er fort,ich habe dazu kein Wort gesagt, Ihnen volle Freiheit gelassen. Halten Sie es nach der Rückkehr meines Sohnes und meines Gastes ganz wie Sie wollen, nur Eines bitte ich: Sie erscheinen bei dem Feste, das ich gebe; ich möchte nicht, daß die Leute fragen, weshalb Sie nicht da find, daß man etwa an­nimmt, Sie gälten mir weniger als ineine früheren Inspektoren, ich wünsche Ihre Gegenwart auch in Ihrem Interesse."

Saldern verneigte sich.Graf Korinski," fuhr Brandau weiter fort,wird vermuthlich nur kurze Zeit auf Schloß Woltersheim bleiben, vielleicht einige Wochen, ich bitte Sie, in ihm Jemand zu sehen, der mir nahe steht, und sollte er, was ich weder erwarte noch gut­heißen würde, Ihnen nicht mit der Höflichkeit begegnen, welche Sie fordern dürfen, so thäten Sie mir einen Gefallen, wenn Sie es dann- mir überließen, ihm des­halb Vorstellungen zu machen."

Saldern war das Blut in's Antlitz geschossen. Die Worte: ein Gast, der mir näher steht, deuteten an, daß Brandau mit dem Gedanken umgehe, Korinski könne ihm näher treten vielleicht wurde schon die Ver­bindung Klara's mit dem Polen besprochen.

Einen Moment war er nahe daran, Brandau vor dem Vertrauen auf den Polen zu warnen; aber die ganze Art, wie Brandau die Sache besprach, gab ihm weder ein Recht zu vertraulichen Bemerkungen, noch konnte er hoffen, daß man seine Worte für etwas An­deres als den Ausdruck persönlichen Hasses halten werde. Noch war ja weder die Verlobung geschehen, noch die Werbung so rasch zu erwarten und heute wie früher fehlten Saldern die Beweise, eine Verdächtigung des Polen annehmbar für Jemand zu machen, der für ihn eingenommen war. So unterdrückte er denn die Bemerkung, die sich ihm auf die Zunge drängte.Ich werde mich bemühen," sagte er,Ihren Wünschen ent­gegenzukommen und erlaube mir nur zu bemerken, daß es für Ihren Gast jedenfalls leichter ist, meine Person zu ignorireu oder bei einer Begegnung schonend zu be­handeln, als für mich, eine herausfordernde Behand­lung hinzunehmen, aber ich verspreche, auch das zu ver­suchen."

Ich danke Ihnen, aber dahin soll's nicht kommen. Der Graf wird meine Wünsche beachten, wenn er nicht selber den Takt haben sollte , Antipathien überwinden zu können. Noch Eins. Ich kann es nicht hindern, daß gespielt wird, es ist das leider Sitte bei größeren Festlichkeiten auf dem Lande. Ich verbiete Ihnen, meinem Sohne, falls er es fordern sollte, Geld zu geben, ich erinnere Sie an unseren Vertrag."

Darf ich mich ans Ihr Verbot berufen, Herr Brandau?"

Wenn es nöthig wird, ja, aber ich hoffe, Ihre ein­fache Weigerung wird genügen."

Hiemit war das Gespäch beendet, der Wagen, wel­cher die Reisenden vom Bahnhose geholt, fuhr in den Hof. Brandau eilte, die Ankommenden zu begrüßen. Saldern wartete, bis die Letzteren das Schloß betreten, schlich sich dann über den Hof und sattelte sich ein Pferd, um auf's Feld zu reiten.

Es war als habe eine böse Vorahnung ihn mit un­heimlichen Krallen gepackt. Diese plötzliche verfrühte Rückkehr der Reisenden, die Vorbereitungen zu einem großer: Feste, die Instruktionen und Bitten Brandau's Alles das hatte etwas Besonderes zu bedeuten.

Hatte Korinski es erfahren, daß er ihn verdäch-