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Herr v. Trostburg," sagte er lächelnd. „Ich bin begierig, zu hören, mit welchen Gründen Ihr geistreicher Freund seine scharfsinnige Kombination unterstützt hat."
Paul entwickelte diese Gründe, wie sie dereinst Heyden entwickelt hatte.
Bei jedem Grunde nickte der Justizrath lächelnd mit dem Kopfe. „Sehr scharfsinnig in der That," sagte er. „Alles stimmt. Die Riesengröße, das dunkle Haar, ein Vermögen von zwanzigtausend Thalern, das Studium der Medicin, der Dialekt, und endlich die väterliche Liebe für den jungen Doktor v. Trostburg. Vortrefflich ausgedacht! Sehr interessant! Nur weiter, Herr v. Trostburg!"
„Sie spotten, Herr Justizrath!" entgegnete Paul etwas empfindlich. „Halten Sie die Gründe meines Freundes für fo bedeutungslos, oder haben Sie andere Gründe, welche für Sie beweisend sind, daß mein Freund sich geirrt habe?"
„Erlauben Sie mir, Herr v. Trostburg, daß ich mit meinem llrtheil zurückhalte, bis Sie Ihre Mittheilung vollendet haben, dann sollen Sie es mit aller Klarheit und in vollster Aufrichtigkeit hören. Jetzt aber bitte ich Sie, fortzufahren; ich bin wirklich ausnehmend auf die Fortsetzung gespannt, es sollte mich nicht wundern, wenn Ihr scharfsinniger Freund die Entdeckung gemacht hätte, das Testament sei ungiltig, da Sie im Pflichttheil verletzt sind, Ihr Herr Vater habe nicht das Recht gehabt, an die Erbschaft des größeren Theils seines Vermögens eine für Sie lästige Bedingung zu knüpfen."
„Sie sind in einem traurigen Jrrthum befangen, Herr Justizrath, weder Fritz Heyden noch ich haben je solche Gedanken gehabt. Ich wünschte, ich hätte niemals von dieser unseligen Erbschaft gehört, dann wäre mir das Bild meines Vaters ungetrübt geblieben, wie ich es im Herzen getragen habe seit meiner frühesten Kindheit!"
„Sie wollen also das Testament nicht umstoßen? Nun, desto besser! Bitte, fahren Sie fort, es wareine Ungeschicklichkeit von mir, daß ich vorzeitig eine Meinung äußerte, es soll nicht wieder geschehen, bis Sie mir gesagt haben, was Sie von mir wünschen!"
Paul fuhr fort, er erzählte die Geschichte seines ersten Besuches in seinem ererbten Hause, er schilderte den Eindruck, welchen die verborgene Laube im Garten auf ihn gemacht habe, dann ging er über zur Durchforschung der Papiere des Verstorbenen.
Der Justizrath hörte ihm mit unveränderlicher Ruhe zu, als er aber von dem geheimen Fach erzählte, als er dann die Brieftasche hervorzog und sagte: „Diese Brieftasche haben wir gefunden, sie war das Eigenthum meines Vaters, sie enthält das Daguerreotypbild meiner Mutter, ein gleiches habe ich von ihr erhalten!" — sprang der alte Herr in einer Plötzlichen Erregung, die er nicht zu bewältigen vermochte, von seinem Sessel auf.
„Das Bild Ihrer Mutter!" rief er. „Ist es denn denkbar? Ist es denn möglich? Aber weiter, weiter! Ich muß mehr hören, ehe ich ein Urtheil fälle!"
Er setzte sich wieder in den Lehnstuhl, aber nicht mehr in der bequemen Stellung wie vorher, sondern weit vorgebeugt, mit hoch gespannter Aufmerksamkeit Paul betrachtend, lauschte er dessen fernerer Erzählung. Er zuckte zusammen, aber er sagte kein Wort, als Paul den fürchterlichen Verdacht aussprach, der in ihm gegen den Vater sich erhoben hatte, als er zur Bestätigung dieses Verdachtes die Drohung erwähnte, welche nach Scherfs Bericht Siddy's Vater gegen den Sanitätsrath ausgestoßen hatte. Seine Hand zitterte auf der Lehne des Stuhles, als Paul seinen Entschluß, im Garten nachzugraben, dann die Ausführung dieses Entschlusses, seine letzte Unterredung mit Scherf und endlich das Resultat der Nachforschung erzählte. Alle Farbe verließ das Gesicht des alten Mannes, eine fahle Blässe überflog seine Wangen, als Paul den mitgebrachten Kasten öffnete und den Schädel, sowie den Siegelring auf den Schreibtisch legte.
„Das Wappen der Trostburg ist eingravirt in den Stein des Ringes," so schloß Paul seine Erzählung, „es ist noch deutlich erkennbar, vergleichen Sie es mit dem Wappen auf meinem eigenen Siegelring! Und nun, Herr Justizrath, sagen Sie mir, glauben Sie noch, daß ich mich getäuscht habe? Spotten Sie noch über den Scharfsinn meines Freundes Heyden?"
„Nein, ich spotte nicht mehr," rief der Justizrath tief bewegt. „Mein Herz ist voll von Mitleid für Sie, mein unglücklicher junger Freund, voll von Schmerz und Entsetzen über die grauenhafte Entdeckung, die Sie gemacht haben! Ich bedaure Sie wegen des Seelenschmerzes, den Sie empfunden haben müssen bei dem Gedanken, daß Ihr Vater eines so schweren Verbrechens schuldig gewesen sei; ich bedaure Sie aber ebenso sehr wegen_ der Reue, welche Sie fühlen werden darüber, daß Sie gegen den ehrenhaften, unschuldigen Unglücklichen einen so entsetzlichen Verdacht hegen konnten!"
„Mein Vater unschuldig?" rief Paul.
„Ja, mein junger Freund! Sie haben ein schweres Unrecht gegen Ihren vortrefflichen Vater begangen, der
Das Buch für Alle.
selbst eines unedlen Gedankens unfähig gewesen wäre! Wie er nicht angestanden hat, für seine politische Ueber- zeugung sein Alles zu opfern, er, der Edelmann, der kämpfend für das Volk eintrat, so würde er eher sein Leben geopfert, als auch nur das kleinste Unrecht begangen haben! Er ein Verbrecher, der gemeine Dieb eines fremden Vermögens, ein Mörder! Es ist entsetzlich, daß der Sohn einen solchen Gedanken jemals in sich aufkommen lassen konnte!"
Der Justizrath sprach mit solch' überzeugender Kraft, daß Paul hingerissen wurde von seinen Worten, und doch waren es nur Worte, nur Versicherungen ohne irgend eine Beweiskraft, nur Aeußerungen einer auf keine Gründe gestützten Ansicht.
„Herr Justizrath, ich beschwöre Sie, erklären Sie mir —"
„Nicht in diesem Augenblick, Herr v. Trostburg!" unterbrach der Justizrath Paul's Bitte. „Ich bin in der Erregung des Momentes meinem Vorsatz untreu geworden, habe eine Meinung ausgesprochen, ehe Sie zu Ende waren. Sie sind nicht nur zu mir gekommen, um mir diese schauerliche Geschichte zu erzählen, Sie wollen meinen Rath, meinen Beistand. Worin? Vollenden Sie Ihre Mittheilungen, dann werde ich sprechen!"
„Können Sie noch fragen, was ich wollte? Darf ich ein Erbtheil annehmen, welches aus einem durch ein Verbrechen erworbenen, rechtlich den Erben des ermordeten Doktor Anton Melcher gehörenden Vermögen stammt? Sie sollen mir rachen, auf welche Weise ich den: Rechte genügen und meine Pflicht. erfüllen kann! Ich kenne die gesetzlichen Formen nicht. Ich bin unschlüssig, ob ich die Verpflichtung habe, beim Gericht eine Anzeige des traurigen Fundes zu machen. Noch lebt einer der beiden Verbrecher; muß ich ihn der strafenden Gerechtigkeit überliefern? Darüber wollte ich mir Ihren Rath und für mein Handeln Ihren Beistand erbitten!"
„Ich bitte Sie um Verzeihung, Herr v. Trostburg, daß ich auch nur für einen Moment irre an Ihnen werden, daß ich Ihnen falsche, Ihrer nicht würdige Motive für Ihren Besuch bei mir unterlegen konnte. Ich habe einen falschen Verdacht gegen Sie gehegt, und es ist das von mir ein um so größeres Unrecht, als ich seit Jahren Ihr Leben verfolgt habe und wissen mußte, daß ein eigennütziger Gedanke in Ihnen gar nicht aufzusteigen vermag. Wollen Sie mir verzeihen?"
„Sie beschämen mich, Herr Justizrath!"
„Ich danke Ihnen, ich nehme diese Worte als die Gewährung meiner Bitte um Verzeihung an. Und nun zu Ihrem Anliegen. Sie wollen erstens die Erbschaft, die Sie schon angetreten haben, wieder aufgeben, um sie den rechtmäßigen Erben des, wie Sie meinen, ermordeten Doktor Melcher voll und ganz zu übertragen. Ich habe Sie doch recht verstanden?"
„Ja!"
' „Nun, diesen Punkt Ihres Anliegens werden wir hoffentlich schnell erledigen. Ich kann Ihnen die ganz bestimmte Versicherung geben, daß Doktor Anton Melcher nicht ermordet worden ist, sondern gelebt hat, bis er vor wenigen Wochen als Sanitätsrath Doktor Melcher gestorben ist!"
„Herr Justizrath!" —
„Sie müssen Vertrauen zu mir fassen, mein junger Freund! Ich gebe Ihnen die heilige Versicherung, daß ich Ihnen meine innige, auf schwerwiegende, unwiderlegliche Gründe gestützte Ueberzeugung ausspreche! Ich versichere Ihnen, daß Sie von mir kein unwahres Wort hören sollen, daß ich selbst, wenn Ihre Voraussetzung richtig wäre, Ihnen sagen würde, Sie müssen diese Erbschaft mit Abscheu von sich weisen, sie den rechtmäßigen Erben zurückerstatten. Aber Sie sind in einem traurigen Jrrthum befangen. Wenn wirklich in dem Hause der Zollstraße im Jahre 1848 ein Verbrechen begangen worden ist, Ihr Vater hat es nicht begangen; er hat sich nicht den Namen des Doktor Melcher angemaßt, dieser hat, wie ich Ihnen bereits versicherte, bis vor wenigen Wochen gelebt. Von dem Reichthum, welchen der Verstorbene erworben hat durch einen Prozeß, in welchem er in vollem Rechte war — ich hätte ihm sonst denselben nicht geführt — hat er Ihnen einen kleinen Theil hinterlassen, es liegt kein Grund vor, daß Sie der Erbschaft, die Ihnen rechtmäßig gebührt, entsagen sollten."
Paul hatte die letzten Worte kaum mehr gehört, er hatte stieren Blickes zu Boden geschaut, jetzt sprang er plötzlich auf, seine Züge belebten sich, seine Lippen zitterten, als er, dem Justizrath näher tretend, mit bebender Stimme sagte:
„Sie sprechen so bestimmt, Sie sind so sicher, und doch haben Sie mir keine Aufklärung gegeben über den Siegelring, den ich in der Erde bei den morschen Gebeinen gefunden habe, keine Aufklärung über das Bild meiner Mutter! — Eine fürchterliche Ahnung steigt in mir auf! Ein Mord ist in jenem Hause begangen worden — wenn mein Vater nicht der Mörder war, dann war er der Gemordete, dann ist seine Leiche im Garten vergraben worden, dann haben der Doktor Melcher und sein Bruder das fürchterliche Verbrechen begangen!
O, jetzt wird mir Alles klar. Sie haben ihn gemordet und seines Geldes, welches er bei sich trug, beraubt. Deshalb hat der Sanitätsrath in seinem Testamente gesagt, ich möge das Legat als mein Vatererbe betrachten, er erfülle nur eine Verpflichtung gegen den Verstorbenen, indem er dem Sohne gebe, was er dem Vater nicht mehr zu geben vermöge! Ja, er ist der Mörder! Und ich konnte den grauenhaften Verdacht gegen meinen unglücklichen, niederträchtig gemordeten Vater hegen! Es ist entsetzlich!"
„Ich ehre Ihren Schmerz, Herr v. Trostburg, er ist berechtigt!" entgeguete der Justizrath sehr ernst; „aber ich muß Sie trotzdem mahnen, sich demselben nicht hinzugeben. Fällen Sie nicht wieder vorschnell ein ungerechtes Urtheil! Beschuldigen Sie nicht ohne vollgiltige Beweise des Mordes einen Mann, der Ihnen seit Ihrer Kindheit bis zu seinem Tode die Liebe eines Vaters bewiesen hat. Als Sie diesen Ring fanden, glaubten Sie einen Beweis für die Schuld Ihres Vaters zu finden und Sie haben sich getäuscht, mir war er ein schlagender Beweis für die Unschuld des von Ihnen schwer Verkannten! Noch steckt ja ein Glied des Fingers, an welchem er den Ring getragen hat, in diesen:, festgepreßt durch die Wurzel, die zwischen Finger und Goldreif hineingewachsen ist!"
„Dann sind Sie also wie ich überzeugt, daß die Leiche meines ermordeten Vaters im Garten verscharrt worden ist!"
„Davon, daß seine Leiche unter dem Gebüsch Ihres Gartens ruht, bin ich überzeugt, nicht davon, daß er gemordet worden ist. Vielleicht hat er auf der Flucht erkrankt eine Zuflucht im Hause des Arztes gesucht, des Arztes, der sein politischer Gesinnungsgenosse war — Doktor Melcher war ein entschiedener Demokrat, wie Ihr Vater. Welcher Beweis, ja welche Andeutung liegt dafür vor, daß er ermordet, nicht eines natürlichen Todes infolge einer schweren Krankheit gestorben ist? Würde wohl Doktor Melcher die Brieftasche des von ihm Gemordeten sorgfältig aufbewahrt haben?"
„Verscharrt man die Leiche eines Verstorbenen im Garten? Verheimlicht man seinen Tod?"
„Der Verstorbene war ein politischer Flüchtling, der sich heimlich im Hause des Doktors aufhielt. Es fand sich bei ihm nach seinem Tode eine bedeutende Geldsumme. Der junge Arzt befand sich damals gerade in der dringendsten Geldverlegenheit, er mußte eine Hypothek bezahlen, sonst wurde sein Haus sub- hastirt. Er war gerettet, wenn er das Geld des Verstorbenen nahm. Vielleicht betrachtete er es nur als Darlehen, welches er entschlossen war, später zurückzuzahlen. Die Verführung war zu groß, er vermochte ihr nicht zu widerstehen; er erlag der Versuchung, er nahm das Geld. Er war ein Dieb geworden! Ein Verbrechen erzeugt das andere. Niemand durfte ahnen, daß der Flüchtling in seinem Hause gestorben sei, die Verwandten hätten sonst dessen Vermögen zurückgefordert. Zu seiner Sicherheit mußte der junge Arzt die Leiche verschwinden lassen; im einsamen Garten wurde sie beerdigt, sein Bruder hat ihm wahrscheinlich dabei hilfreiche Hand geleistet. So erkläre ich mir den Vorgang, so erklärt sich auch die tiefe Reue, welche der sonst so redliche, vortreffliche Mann über eine einzige verbrecherische Handlung seines Lebens empfand; so erklärt sich sein Bestreben, unbekannt die Wittwe und den Sohn des Verstorbenen zu unterstützen, ihnen mindestens die Zinsen des Vermögens, welches er sich angeeignet hatte und welches er nicht zurückgeben konnte, ohne sich zu verrathen, auf geheimnißvollen Wegen zu übersenden; so erklären sich endlich die Worte des Testamentes, denen Sie eine ähnliche, aber den Verstorbenen viel schwerer beschuldigende Deutung gegeben haben."
Mit leuchtenden Augen schaute Paul den Justizrath an, er ergriff dessen Hand und drückte sie herzlich. „Ich danke Ihnen aus vollem Herzen," sagte er bewegt, „Sie haben mir mit Ihrer so klaren, so natürlichen Entwicklung eine schwere Last von der Seele genommen. So, wie Sie den Hergang geschildert, muß er sich zugetragen haben!"
„Halt, mein junger Freund, seien wir nicht zu vorschnell !" erwiederte der Justizrath. „Nur Vermuthungen habe ich geäußert und vielleicht mit diesen dem Herrn Sanitätsrath ein schweres Unrecht gethan. Muß er denn den Diebstahl begangen haben? War nicht vielleicht sein Bruder, der nichtswürdige Moritz Melcher, der Dieb, der den Doktor gezwungen hat, zu schweigen, indem er ihm drohte, ihn in eine in jener Zeit sehr gefährliche politische Untersuchung zu verwickeln? Durch sein Schweigen wurden Wittwe und Sohn des Verstorbenen ihres Vermögens beraubt, deshalb fühlte Doktor Melcher, als er durch Erbschaft reich geworden war, die Verpflichtung, die Beraubten zu unterstützen; er wurde deren Wohlthäter, gewann eine herzliche Liebe für seinen Schützling und gab derselben endlich durch sein Testament Ausdruck. Hier haben Sie eine andere Kombination, so wahrscheinlich wie die erste. Wollen Sie es jetzt noch wagen, nachdem fast dreißig Jahre vergangen sind, die Beschuldigung des Mordes oder auch nur des Diebstahls gegen einen Mann auszu-
