neten gewählt werden kann. Diese Wähler und Wählbaren bestehen auch jetzt nur aus den Reichsten im Lande; so daß von dem Wahlrechte nicht bloß die Bettelarmen ausgeschlossen sind, sondern Millionen wackerer Bürger, Die ihr gutes Auskommen besitzen. Da aber die Reichen nicht immer ein Herz für die Roth ihrer ärmeren Mitbürger haben, so müssen wir uns nicht wundern, wenn von vielen Franzosen die Beschlüsse ihrer Abgeordneten nicht sehr beifällig ausgenommen wurden.
Besonders mußte es den Franzosen schlecht behagen, daß die Steuern und Abgaben noch mehr erhöht wurden, statt vermindert zu werden. Sie hatten erwartet, daß ihr neuer Bürgerkönig lange nicht so viel Geld brauchen würde, als ihr ehemaliger König von Gottes Gnaden. Gleichwohl läßt sich ihr Louis Philipp alljährlich gegen 6 Millionen Gulden bezahlen, mancherlei Nebenge- bröckel ungerechnet. Das schien den meisten Franzosen doch allzu viel Geld für eine bürgerliche Haushaltung; besonders wenn sie das Einkommen ihres Königs mit dem Einkommen des Präsidenten der nordamerikanischen Freistaaten verglichen, der mit weniger als dem vierzigsten Theile derselben Summe genug hat. Auch merkten die Franzosen bald, daß mit der hohen Besoldung ihres Königs (Civillkste), noch mancherlei Anderes zusammenhing. Je mehr der König hatte, um so mehr wollten auch die Beamten haben, welche dem Könige zunächst standen. So ging es von oben bis nach unten, und an Ersparnisse im Staatshaushalte wurde so wenig gedacht, daß — was die eine Hand erspart hatte — mit der andern Hand oft doppelt ausgegeben wurde.
(Fortsetzung folgt.)
Chronik der Europäischen Ständekammern.
(Fortsetzung.)
Würtemberg wird Mitte Januars d. I. seine Landstände beisammen sehen, und schon ist nach den Zeitungen der Fürst August von Hohenlohe-Oehringen zum Präsidenten der Kammer der Standesherren für den verfassungsmäßigen Zeitraum der nächsten Ständeversamm- lung ernannt. Von den in Stuttgart aber wohnenden freisinnigen Mitgliedern der bevorstehenden Würtembergi- schen Ständeversammlung gingen an ihre gleichgesinnten auswärtigen College« Ausschreiben aus, daß sie sich schon Anfang Januars dort einfinden sollten, um, was das Nöthigste wäre, vorläufig zn besprechen. Man hofft viel von den braven Würtembergern; die Namen Uhland, Schott u. A. haben von Alters her einen tüchtigen Klang, und neue Männer derselben Gesinnung, z. B. Paul Pfizer, Tafel u. A. sind zugetreten.
Baden wird um Ostern dieses Jahres wiederum seine Stände versammelt sehen. Es heißt nun, seine zweite Kammer, die berühmte Kammer von i83i, welche die Augen Europa's auf sich zog, — werde nicht aufaufgelöst, sondern die verfassungsmäßige Erneuerung eines Viertels der zweiten Kammer bald vorgenommen werden. Baden hat Mancherlei erlebt seit dem Schluffe seines letzten Landtags und es fehlt sich nicht, daß die Rede darauf kommt. Dann wird's heißen, wie der Kaiser sonst bei Kaiserkrönungenfragte: Ist kein Dalberg da? — „Ist kein Rotteck, kein Welcker, kein Jtzstein, kein Fecht, kein Winter u. s. w. da?" —
3n Kur Hessen ist die Eröffnung des neuen Landtags auf den 25. Jan. d. I. ausgeschrieben. Aber mancherlei Zweifel hängen noch dazwischen, wie Spinnweben, z. B. daß viele Abgeordnete Staatsdiener sind, und als solche noch keinen Urlaub haben u. dgl. Ja, man zweifelt, ob überhaupt zwei Drittel der Stände beisammen seyn werden, um über jene Fragen zu entscheiden; denn mindestens so Viele sind zu einer Entscheidung nöthig. Das wäre freilich schlimm; aber dann sind ihrer auch nicht so Viele, um Steuern bewilligen zu können. Und Das wäre ein noch schlimmerer Umstand — nämlich für die Staatskasse. Unter jene Nichtbeurlaubten, die aber dagegen Beschwerde erheben wollen, gehören auch Jordan und Pfeiffer, zwei Ehrenmänner, die auf dem vorigen Landtage sich sehr auszeichneten. In Fulda sind endlich die Höchstbesteuerten zur Wahl eines Landtagsabgeordneten für die Stadt eingeladen worden.
(Fortsetzung folgt.)
Die materiellen Interessen.
Es gibt Leute, welche ein unendlich kluges und wichtiges Gesicht machen, wenn sie von „materiellen Interessen" reden. Neulich war Schreiber dieser Zeilen bei einem solchen klugen und wichtigen Gesichtermacher. Er sprach mit ihm über die landständischeu Wahlen, welche so eben in mehreren Theilen des deutschen Vaterlandes im Werke seyen, und äußerte seine Zufriedenheit und seine Freude darüber, daß so viele kenntnißvolle und freisinnige Abgeordnete bereits gewählt seyen. »Aber,« sagte der Andere, »die materiellen Interessen! Man muß auch an die materiellen Interessen denken!« und dabei machte er ein Gesicht, wie oben beschrieben, und rieb sich die Hände, als ob er um Mitternacht auf den Wällen von Fabian Sebastian Schildwacht stände.
Schreiber dieses erwiederte bescheiden: „Was verstehen Sie unter materiellen Interessen?" »Je nun,« sagte der Andere und man merkte ihm am Tone an, daß er über die bescheidene Frage etwas verdrossen
