war,es sind bis jetzt nicht genug Land - und Gewerbs- leute zu Landständen gewählt; Landbau und Gewerbe sind doch auch wichtig genug, um auf dem Landtage vertreten zu werden, und Das verstehe ich unter materiellen Interesse n.«

Ich freute mich, daß der Mann wußte, was er unter materiellen Interessen verstand, denn bei sehr Vielen, welche gleich ernst und aufgebracht davon sprechen, ist dieß keineswegs der Fall. Aber doch konnte ich ihm nicht Recht geben. Vielmehr antwortete ich:Allerdings sind Landbau und Gewerbe wichtig und ehrenwerth und ich würde den studirten Landstand verachten, der seinen unstudirten Nachbar im Ständesaal über die Achsel an­blickte. Gewiß bringt auch ein Land- und Gewerbsmann in die Kammer manche Kenntnisse mit, die dem Studir­ten, dem sogenannten Gebildeten nicht zu Gebote stehen, und überdieß ist der Land-, der Gewerbsmann, welcher, wenn er seine Steuern bezahlt hat, der wahre Frei­herr ist, unabhängiger als der vom Staat besoldete, durch tausend Verbindungen und Beziehungen oft wider seinen Willen gehemmte Staatsdiener: Demungeachtet kann ich nicht für klug halten, jene Rücksicht, daß der Bauern-, der Gewerbstand vertreten sey, zu einer der hauptsächlichsten Rücksichten zu erheben."

Denn unsere neueren konstitutionellen Verfassungen beruhen großentheils gar nicht mehr auf dem Unterschied der Stände (außer der Berücksichtigung des güterbesitzen­den Adelstandes als solchen, was freilich unerwünscht rmd unrichtig genug ist), sondern der Angehörige jeden Standes kann, unter gewissen Voraussetzungen, zum Land­stande gewählt werden. Eine solche hauptsächlichste Rück­sicht widerstritte also dem Worte und dem Sinne der Verfassungen. Insbesondere deßwegen auch dem Sinne, weil zu einem tüchtigen Landstande die Kenntniß von sehr Vielem gehört, namentlich Rechts- und Gesetzekenntniß, finanzielle Kenntnisse und eine gewisse Gabe von deutlicher Darstellungskraft und Beredtsamkeit. Ein fester Wille, ein muthiges Herz reichen nicht allein aus. Wohl sind sie gute und nothwendige Eigenschaften, aber ohne die stets wachen Vorposten: Vorsicht und Geschäftskunde, ohne die Kerntruppen: Kenntniß, Intelligenz, Erfah­rung, sind sie unter Umständen schnell überrumpelt und gefangen genommen, und können sogar dann leicht zu Zwecken benutzt werden, welche sie gewiß nicht billigten, wenn sie klarer sähen. Endlich aber bedarf man nicht durchaus ackerwirthschaftliche Kenntnisse, um zu beurthei- len, ob ein Gesetz oder eine zu beantragende Maßregel dem Ackerbau zuträglich sey oder nicht. Vorerst erkundigt, unterrichtet man sich aus Büchern und bei Menschen, so­dann ist gewiß, daß durch's Erreichen von größeren

Dingen (zu welchem Erreichen aber auch regelmäßig grö­ßere Kräfte gehören) auch meist das Erreichen von vie­len kleineren Dingen mitgegeben ist. Die errungene Preßfreiheit z. B. wird Buchhändlern, Schriftstellern, Setzern, Druckern, Papierfabrikanten und zuletzt den Lum­pensammlern nützen, ganz abgesehen von ihrer übrigen Nützlichkeit und Nothwendigkeit. Also ist es klüger, Preß­freiheit mit einem freisinnigen Preßgesetze zu erstreben, als vereinzelte Anträge machen zum Besten der genannten Leute, und wie ihnen durch Preßfreiheit geholfen werden könne, und sich dabei mit Sachkenntniß über das Detail ihres Geschäfts zu verbreiten rc. Man kommt gleichmä­ßiger und erfolgreicher vom Mittelpunkte nach den hun­dert Seiten hin, als von den hundert Seiten nach dem Mittelpunkte. Dieß eine Beispiel ließe sich aber noch auf vieles Andere anwenden. Wie viel einzelner Druck und Wirrsal schwände und sänke mit aufgehobenen Bann­rechten, billig abgelösten Zehnten u. s. w.!"

Deßwegen, lieber Herr," setzte ich hinzu, und faßte den Zuhörenden mit aufrichtiger Freundlichkeit an der Hand,deßwegen, lieber Herr, wollen wir uns freuen, wenn viel Intelligenz, mit Kraft und entschiedenem Muth gepaart, in die deutschen Kammern kommt; die ächte Intelligenz (und «nächte Intelligenz ist überhaupt keine.') wird gewiß auch tüchtig die materiellen Interessen vertreten. Wir wollen uns aber auch weiter freuen, wenn recht viele Männer aus dem Gewerb- und dem Bauernstände (und manche thun's jetzt schon vollständig.') diesen eben gestellten Anforderungen von Kraft und Muth mit Intelligenz im Bunde, entsprechen. Dann sind sie mir ebenso lieb als die Stnatsdiener und die Studirten, ja, sie sind mir, aus vorhin angedeuteten Gründen, noch lieber. Vor der Hand aber würde es sehr schlimm seyn, wenn wir, besonders bet den da und dort so engen Wahl­gesetzen der Staatsdiener entbehren müßten. Also Muth, Kraft, Einsicht und Kenntniß zum Nutzen und Frommen des Vaterlandes; und darin stecken denn auch die ma- teriellenJnteressen, welche keineswegs, wieManche unrichtig meinen, mit den sogenannten ideellen In­teressen Krieg führen, sondern erst recht in diesen gründen. Wer aber unter materiellen Interessen nichts als den leidigen Eigennutz, die Interessen seiner Materie, seines Magens, seines Schlundes, seines Beu­tels und seiner veralteten Vorurtheile versteht, mit dem freilich habe ich nicht zu rechten. Und zu Diesen gehören Sie nicht."

Der Mann hatte meine Hand in der seinigen behal­ten. Gr sah wohlgefällig, daß meine Wange beim Spre­chen vor Eifer röther wurde, und er schien anderer Mei­nung geworden zu seyn hinsichtlich der materiel­len Interessen. i.