Co rrespondenz-Nachrichten.

* Frankfurt a. M. den U. Jan.Das Christ­kindchen, bescheert von Wilhelm Sauerwein," was in Ihrem Verlage erschienen ist, wird hier gern gelesen, und besonders der Artikel darin: Censurstriche," macht vielen Spaß. Erlauben Sie mir, daß ich einige Ergän­zungen dazu liefere, und dabei für Ihre Leser, welche das Christkindcheu" noch nicht kennen, das Wesent­lichste seinerCeusurstriche" wiederhole.

Das erste Strichchen," so erzählt das Christ­kindchenist zu sehen an einem Wirthshausschild in Höchst am Main. Das Zeichen des Wirthohauses ist ein weißer Adler, der folgende Unterschrift hat: Zum- Adler. Der Strich zwischen den beiden Worten ist ein Ccnsurstrich. Was ist gestrichen, ihr Landeskinder? Richtig, das Wort weiften. Der andere Ccnsurstrich ist auf dem Plan zu einem Denkmal, das einem in Frank­furt begrabenen polnischen Offizier gesetzt werden soll. Man erblickt auf der Vorderseite des Denkmals den pol­nischen Adler, und unter demselben einen Ccnsurstrich, der nicht größer ist als ein Kindersarg, so daß er nicht mehr als ein einziges Wort bedeckt. Auf das Denkmal selbst wird der Ccnsurstrich nicht kommen, sondern statt desselben der Name des begrabenen Offiziers. Aber wenn er auch darauf käme, es würde doch Niemand seine Be­deutung enträthseln: denn der Sinn ist gar zu geheimmß- voll. Ich sehe, ich muß das Räthsel aufgrben, wenn ich nicht grausam seyn will wie die Sphinr (ein fabelhaf­tes Thier des griechischen Alterthums). Der Ccnsurstrich auf dem Plan bedeutet die Auferstehung: denn hinter ihm liegt das Wort resurget (er wird auferstehen) ver­borgen. Das dritte Censurstrichchen ist zwar ein un­sichtbares denn es ist wieder ein frankfurtisches aber doch ein merkliches. Ihr findet es auf einem der letzten Repertoire des Museums, wo es heißt:Herr Dobler singt das Lied von Julius Mosen die letzten zehn vom Regiment." Was ist ge­strichen, Landeskinder? Richtig, das Wort vier­ten. Dennoch und trotz dem, daß die Censur ihr Möglichstes bei diesem Liede gethan hatte, gab der Vor­trag dieses Liedes einem Manne, der dem Museum bei­wohnte, zu Unruhen Anlaß, wovon wieder das übrige Publikum Veranlassung nahm, Oposttion zu machen, und das Lied auf die eclatanteste Art zu beklatschen. Merke: die drei angeführten Censurstrichchen haben das gemein­schaftlich, daß sie sich alle auf die Polen beziehen. Polen ist verloren."

Nun meine Ergänzungen: Ein Mann wollte vor einiger Zeit in dem hiesigen Jntelligenzblatte das Gesuch um den Ankauf der Märznumern des Freisinnigen einrücken lassen. Die hiesige Censur gab aber nicht die Erlaubniß dazu, und das Jntelligenzblatt muß sich vor­erst mit den freisinnigsten Anerbietungen von Waaren unter dem Fabrikpreise, von Soldan's Commissions­bureau u. s. w., welche es gewöhnlich enthalt, begnügen. Armer Freisinniger, man darf nicht einmal mehr an dich erinnern, nicht öffentlich den Wunsch äußern, daß man dich, der doch wirklich einmal war, lesen will.'!

Sodann ist, auf Verwenden der hiesigen löblichen Polizei an die betreffende Postbehörde, den Postillons unter­sagt worden, die Melodie des Schiller'schen Reitcrliedes, welche nun über 30 Jahre alt ist, fernerhin zu blasen, was bisher oft der Fall war, denn nach derselben Melodie geht auch das Lied: Frisch auf Patrioten, was von Hambach mitkam. Wer steht dafür, daß nicht die­ser Tert unterlegt worden wäre, wenn auch nur mit leisem In - die - Zähne - Murmeln ? Die Postillone werden aber statt des Reiterlieds etwas anders sich ein- üben müssen, z. B. Mich fliehen alle Fr enden. Doch nein, auch dieses Lied ist vielleicht bedenklich; denn die zweite Zeile heißt: Ich bin voll Ungeduld. Weg mit der Ungeduld! Also rathe ich zur Melodie: Hebe, sieh, in sanfter Feier. Dabei kann man sich auch nicht das mindeste Anstößige denken.

M i s c e l l e.

Die erste und die zweite Lämmer.

In manchen Bundesstaaten (z. B. in Kurhessen, im Großher- zogthume S. Weimar-Eisenach, im Herzogthume S. Koburg- Gotha und in den Fürstenthümern kichtenstein, Schwarzburg-Ru­dolstadt u. s. w) bilden alle Mitglieder des Landtags eine einzige Versammlung; in andern Bundesstaaten (;. SS. in Baiern, Han­nover und Würtemberg, den Großherzogthümern Baden, Hessen, Mecklenburg-Schwerin und Strelitz, sodann den Herzogthümern Nassau und Braunschweig,) berathschlagen und beschließen die Land­stände, örtlich getrennt in zwei Abtheilungen, genannt Kammern, Sektionen, oder Herrenbank und Versammlung der Landesdcputir- ten (in Nassau), oder erste Klasse und Landeöversammlung (bisher im Königreiche Sachsen).

D'e erste Art, das sogenannte Einkammersystem, hat große Vorzüge vor der zweiten, dem sogenannten Zweikammersysteme, namentlich in allen kleineren und mittleren Staaten. Wollte ich das noch weiter aussühren, so könnte ich ein Buch darüber schrei­ben. Aber hier gilt es nur einen Artikel für den Volkeboten.

Deßhalb diese Bemerkungen. In Frankreich heißt die eine Kammer: Kammer der Pairs; die andere: Kammer der Abgeordneten. Beide Kammern stehen hier neben ein­ander, in gleicher Würdigkeit und Vorzüglichkeit. In den meisten deutschen Staaten dagegen nennt man jene: die erste, und diese: die zweite Kammer. Diese Art der Unterscheidung gefällt mir nicht. Denn durch dieses erste und zweite marschirt die Pairs - oder Erbkammer voraus, wie der Herr Unteroffizier, und die Kammer der Deputirten (der Abgeordneten des Volks) geht als zweite Kam­mer hinten nach, wie der Gemeine Nach Sinn und Wort der meisten Verfassungen aber, welche dem Zweikammersysteme huldi­gen, hat die Kammer der Abgeordneten noch weit wichtigere Ge­rechtsame, als die Erbkammer, namentlich was das Recht der Steuerbewilligung betrifft sie fällt mit ihrem Ja oder Nein bei Weitem schwerer in die Wage. Warum also heißt sie die zweite ?

Der Vorsitz in der Kammer der Deputirten (ich sage es den Repräsentanten des Landes zu Ehren) ist in meinen Augen die erste Würde des Staates; man kann nur herabsinken, wenn man einmal bis dahin gestiegen ist." Wer sagte so? Wer war so frei, die Präsidentenstelle der Deputirtenkammer nicht nur über die Präsidentenstelle der Pärskammer zu setzen, sondern sie sogar für ,b i e erste Würde des Staats zu erklären? Gewiß war es so ein Schwindler und Neuerer! Nein, es war Dupin der Ael- tere, Anwalt und Freund Ludwig Philipps, Königs der Franzo­sen , und er sprach jene Worte mit noch andern am 23. Nov v. I. in der Deputirtenkammer zu Paris, nachdem er den Präsidenten­stuhl darin eingenommen hatte. l

Verantwortlicher Rcdacteur Carl Heuser.

Druck und Verlag der P re d e'schen BuchhUstdlung und Vuchdruckerci in Offenbach a.2'k.