Per deutsche Vslksbote.
1 83 3.
Nr. 12.
Offenbach 12. Februar
Zur Erinnerung an Das, was sich vom Jahre 1830 an bis heute begeben hat. .
(Fortsetzung.)
Niederlande.
Die Minister und diplomatischen Personen, welche in den Jahren 1814 und 1815 in Paris den Frieden abschlossen, welchen die Europäischen Völker mit Gut und Blut erkämpft hatten, ließen die Deutschen in Elsaß und in Lothringen unter der Herrschaft der französischen Könige. Dagegen nahmen sie die Holländer und die Belgier und machten aus ihnen ein »Königreich der vereinigten Niederlande." Die Holländer aber sprachen ihre besondere Sprache, und die Belgier reden flamändisch, französisch rc. Die Holländer sind fast alle protestantisch und weit die meisten Belgier sind katholisch. Die Holländer beschäftigen sich hauptsächlich mit Handel, Schifffahrt und Viehzucht; die Belgier treiben vornehmlich Gewerbe und Ackerbau. Die Holländer sind ein ruhiges, ernstes und etwas schwerfälliges Volk; die Belgier sind unruhig, leicht und leichtfertig, nach Art der Franzosen. Die Holländer und Belgier schienen also nicht wohl für einander zu paffen- Aber nach der Meinung der Diplomaten hatte dicß nichts auf sich. Sie thaten Hund und Katze zusammen, und was dieß für Folgen mit sich führte, will der Volksbote nun erzählen.
Die Holländer hatten von alten Zeiten her einige Hundert Millionen Gulden Schulden, und es schmeckte den Belgiern schlecht, daß sie an diesen Schulden mit bezahlen sollten. Die Belgier waren in größerer Zahl, als die Holländer; aber gleichwohl hatten sie bei den Generalstaaten, d. h. bei den niederländischen Landstän- den, nur eben so viele Stimmen wie die Holländer. Darum stimmten gewöhnlich die holländischen und die belgischen Depntirten gegen einander. Dieß geschah besonders dann, wenn von Abgaben die Rede war, welche mehr auf dem Ackerbau und den Gewerben lasteten, als auf dem Handel, der Schifffahrt oder der Viehzucht.
So dauerten die Streitigkeiten zwischen Holländern und Belgiern fort und fort. Endlich wurde der Widerstand der Letzteren so groß, daß es die niederländische Regierung für gerathen hielt, in einigen Punkten nach
zugeben. Namentlich wurde die dem Volke sehr verhaßte Mahlsteuer aufgehoben, und es wurde in Belgien der Gebrauch der flamandischen und französischen Sprache in den Kanzleien und bei den Prozessen in größerm Umfange, als früher, gestattet. Allein nun dachten die die Belgier: »Haben wir soviel durchgesetzt, so können wir auch noch mehr durchsetzen." Auf der andern Seite meinte die Regierung, daß sie jetzt genug gethan habe, und was sie gethan, schien sie zu bereuen. Einige belgische Abgeordnete, auf welche das Volk viel hielt, wurden ihres Amtes entsetzt. Besonders nahmen es die Belgier übel auf, daß der höchste Gerichtshof in ihrer Hauptstadt Brüssel nach der holländischen Stadt Haag verlegt und ihnen dadurch eine Nahrungsquelle entzogen werden solle. Viele belgische Zeitungsschreiber und andere Schriftsteller fuhren also gegen die Regierung los. Die Regierung ließ dieselben verhaften und ihnen den Prozeß machen, und zwar nach einem Gesetze, das von Anfang an dem Volke nicht recht gewesen war.
Dieser letztere Schritt der Regierung machte die Belgier noch unzufriedener. Es gibt zwar Manche, die uns weiß machen wollen, daß sich das Volk um die Preßfreiheit und um das Gerede und Geschreibe der Schriftsteller wenig bekümmere. Sie machen damit dem Bürger und Bauer ein schlechtes Complimcnt, denn sie behaupten im Grunde nichts Anderes, als daß Bürger und Bauer nicht besser sey, als Ochse und Esel im Stalle, die ja auch zufrieden sind, wenn sie nur satt zu fressen und zu saufen haben. Allein es ist mit der Preßfreiheit gar nicht ohne. Will es eine Regierung nicht dulden, daß man ihre Schritte beleuchte und tadle, wenn sie tadelnswerth erscheinen, so schließt das Volk: »Hier müssen faule Fische dahinter stecken. - Der A sagt dieß dem B, der B sagt es dem C u. s. f., und es verbreitet sich überall hin eine unzufriedene Stimmung.
Solches ergab sich für die Belgier, als sie nach den Juliercignissen in Frankreich erwarten durften, an dm Franzosen Bundesgenossen zu finden. Am 25. August 1830, Abends nach dem Schauspiele, brach der Aufruhr in Brüssel aus. Einen besondern Anlaß hierzu gaben die erhöhten Brodprcise, die kostspieligen Vorbereitungen zu einer Illumination für den Geburtstag des Königs
