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Hest 22.

Mein Papa hätte sie allerdings früher durch­schauen können," bemerkte Beate.

Freue Dich, daß das Geschöpf fort ist!" rief Mag­nus und traf mit diesen Worten am besten das Ge­fühl der Geliebten.

Ich freue mich, ich wußte ja, daß sie sich selbst die Gunst meines Vaters verscherzen würde," versicherte Beate und fügte hinzu, wie sehr ihr Vater sich die Täuschung durch die Schändliche zu Herzen genommen und wie bedenklich er nun erkrankt sei.

Paula bedauerte auf's Neue ihren Bruder und eilte dann in die Küche.

Der Lieutenant schritt langsam im Zimmer auf und ab und zog die Schulter empor, als ob er sagen wollte: Das hat der Narr von seiner Thorheit! Ihm geschieht nur recht! Das hergelaufene Mädchen wollte er an Kindesstatt annehmen und mich, seinen Schwager, mich, einen Mann mit so altem adeligen Namen, hat er nie unterstützt!"

Hältst Du seinen Zustand wirklich für bedenklich?" fragte Magnus mit größter Theilnahme, indem er die Hand der Geliebten in der seinigen hielt. Diese Theil­nahme galt indessen nicht seinem Onkel, sondern dessen Vermögen. Er würde es im Gegentheil als ein Glück angesehen haben, wenn Kuss gestorben wäre und Beate, seine Verlobte, dadurch das ganze Vermögen erhielte.

Der Arzt sagte mir, daß er einen Herzschlag be­fürchte, sobald mein armer Papa nicht die größte Ruhe genieße," gab Beate mit betrübtem Gesichte zur Ant­wort.Ich mag an den Fall nicht denken, es würde entsetzlich für mich sein, denn ich stände dann ganz allein."

Nein, Kind, ich sehe Dich als meine Tochter an," siel der Lieutenant mit Würde ein.Ich würde für Dich sorgen."

Und wenn mein Papa kein Testament gemacht hat?" fuhr Beate fort.

Dann würdest Du die alleinige Erbin seines gan­zen Vermögens sein," entgegnete v. Plesse.

Wenn er aber, ehe ich zu ihm kam, in einem Testamente sein Vermögen Anderen vermacht hat?" fragte Beate.

Dann würde es nicht gelten, denn als seine Toch­ter bist Du die berechtigte Erbin," gab der Lieutenant zur Antwort.Mach' Dir keine Sorgen, mein Kind, ich werde, wenn der Fall eintreten sollte, Dein Vater sein und Deine Rechte wahren. Verlaß Dich ganz auf mich!"

Er hob stolz den Kopf empor und malte sich be­reits mit Wohlgefallen die Lage aus, wenn er eine so reiche Erbin dem Gerichte gegenüber zu vertreten habe. Es mußte dieser Fall sogar für sein eigenes Geschick von großer Bedeutung werden, denn er war zu klug, um bei solcher günstigen Gelegenheit seinen eigenen Vortheil zu vergessen.

Du vergißt, daß ich noch nähere Rechte habe, für Beate zu sorgen," warf Magnus ein, der diese Klug­heit seines Vaters genügend kannte und deshalb fürchtete.

Mein Sohn," entgegnete v. Plesse ruhig.Auf die näheren Rechte würde es in dem Falle wohl nicht ankommen, sondern auf die reichere Erfahrung."

Ich würde mich auch nicht auf meine Erfahrung stützen, sondern auf die eines tüchtigen Rechtsanwaltes," fuhr Magnus fort.

Nun, ich denke, Beate würde in dem Falle lieber durch mich berathen sein, als durch einen Fremden, einen Rechtsanwalt," sprach der Lieutenant.

Vater und Sohn waren nahe daran, über einen Fall, der noch gar nicht eingetreten war, in Streit zu gerathen; sie glichen den beiden Jägern, die über das Fell des Bären, den sie noch nicht erlegt haben, streiten.

Ihr sollt mir alle Beide beistehen," fiel Beate lächelnd ein.Hoffentlich tritt der Fall nie ein; ich hoffe, daß mein guter Papa noch lange Jahre lebt, dann wird er meine Zukunft ohne Zweifel vollständig sicherstellen."

Das hoffe auch ich," sprach v. Plesse mit ruhigem Ernste, obschon er gerade das Gegentheil dachte.

In dem ruhigen, würdevollen Aussprechen einer Unwahrheit war er wirklich Meister und dies verstieß so wenig gegen seine Grundsätze, daß er sogar stolz darauf war.

Beate kehrte heim.

Aus der betrübten Miene des alten Dieners er­kannte sie, daß es mit ihrem Vater nicht gut stand, sie fragte jedoch nicht, sondern eilte auf ihr Zimmer.

Nach einiger Zeit trat sie in die Stube des Kranken. Frau Bäumlein winkte ihr mit der Hand zurück; sie schien dies Zeichen nicht zu bemerken, sondern trat an das Bett ihres Vaters.

Wie geht es Dir, Papa?" fragte sie.

Kuss schlug die Augen auf.

Ich danke, Kind," sprach er mit schwacher, leise bebender Stimme.Ich hoffe auch dies zu überwinden, obschon es mich schwer getroffen hat. Ich kann es noch immer nicht fassen."

Frau Bänmlein winkte auf das Lebhafteste ver- , ebens.

Das Buch für Alle.

Natürlich wirst Du es überwinden," fiel Beate ein.

Kind, wenn Du Dich verhört hättest! Wenn ihre Schuld nicht so groß wäre!"

Papa, denke jetzt nicht daran," bat Beate, die Hand des Kranken erfassend.Ich habe mich nicht verhört, doch darüber wollen wir später sprechen, wenn Du erst völlig wieder genesen bist. Heute Morgen war ich auf Anna's Zimmer, ich habe ihr Portemonnaie in ihrem Nähtische gefunden und bringe es Dir, sie scheint es vergessen zu haben."

Frau Bäumlein sprang auf, um Beate gewaltsam zurückzuziehen es war zu spät, der Kranke hielt das Portemonnaie bereits in der erregt zitternden Hand.

Bitte, Herr Direktor, geben Sie es mir," sprach sie.

Der Kranke schüttelte ablehnend mit dem Kopfe, sein Auge ruhte auf dem Portemonnaie von Schildpat, welches er Anna einst selbst geschenkt und worüber sie eine so aufrichtige, kindliche Freude empfunden hatte. Er öffnete es langsam. Mehrere Goldstücke lagen darin und fielen ihm in die Hand; er beugte den Kopf etwas vor, um genauer sehen zu können.

Sie sind eS sie sind es! Hier ist das Zeichen!" rief er.Es ist wahr sie hat mich bestohlen!"

Er sank wie ohnmächtig zurück.

Mein Gott mein Gott!" rief Frau Bäumlein bestürzt und schob, jede Rücksicht vergessend, Beate un­sanft zur Seite. Dann war sie bemüht, dem Kranken Stirne und Schläfen mit stärkender Essenz einzureiben.

Kuss kam langsam wieder zu sich, allein seine Brust holte schwer Athen:, seine Hände zuckten, wie suchend griff er damit in die Luft.

Fort fort!" flüsterte Frau Bäumlein leise und drängte Beate zur Thüre.

Was wagen Sie!"-rief Beate unwillig.

Sie Sie werden ihn tobten!" entgegnete die Frau mit leise gedämpfter, angstvoller Stimme.

Beate ging; im Garten schritt sie dann langsam auf und ab. Wer sie aus der Ferne sah, konnte leicht die Ueberzeugung gewinnen, daß die Besorgniß um den Vater sie keine Ruhe finden lasse, wer in- deffen in ihr kaltes, herzloses Auge geblickt hätte, hätte diese Ueberzeugung nicht getheilt, und er hätte Recht gehabt.

Beate war nicht in Angst um das Leben ihres Vaters; der Gedanke, in den Besitz seines bedeutenden Vermögens zu gelangen, beherrschte sie allein. Wenn er starb, dann war sie reich und frei ihre eigene Herrin. Sie bedurfte dann weder des Rathes 'des Lieutenants noch ihres Verlobten, denn sie war ent­schieden genug, um ihre Rechte selbst zu währen. Sie liebte Magnus, trotzdem war sie fest entschlossen, sich die Herrschaft über ihr Vermögen nicht nehmen zu lassen auch durch ihn nicht.

Der Arzt, den Johann in größter Angst und Eile geholt hatte,-trat zu illr.

Was macht mein Papa?" rief ihm Beate mit dem Tone der größten Besorgniß entgegen.

Fräulein, Fräulein, ich hatte die größte Ruhe ver­ordnet und Sie haben ihn in der heftigsten Weise er­regt," entgegnete der Arzt vorwurfsvoll.

Ich?" fragte Beate erstaunt.

Ja, Sie! Sie haben sein Leben in wirkliche Gefahr gebracht."

Unmöglich, unmöglich!" rief Beate mit dem Tone leidenschaftlichen Schmerzes.Nehmen Sie das Wort zurück, es klingt für mich entsetzlich!"

Ich kann es nicht. Haben Sie ihm nicht das Portemonnaie der Unglückseligen gebracht, durch deren Schuld Alles hervorgerufen ist?"

Ja, aber ich hoffte, es würde ihn beruhigen, ich weiß, daß sein Herz noch an ihr hängt, er hat ihr das Portemonnaie geschenkt, ich wollte es ihm als Andenken an sie bringen und glaubte, es würde ihn erfreuen!"

Der Arzt schüttelte bedenklich mit dem Kopfe; er begriff dies Mittel, zu beruhigen und eine Freude zu bereiten, nicht ganz.

Ich zweifle natürlich an Ihrer guten Absicht nicht, aber das Mittel derselben war ein durchaus verfehl­tes!" sprach er.Wenn Ihnen das Leben Ihres Va­ters lieb ist, dann überlassen Sie die Pflege desselben allein der alten bewährten Frau, an die er seit langen Jahren gewöhnt ist, und gehen Sie nur zu ihm, wenn er nach Ihnen verlangt."

Sie wollen das Kind von seinem Vater trennen!" rief Beate erregt.Die Frau hat Sie gegen mich ein­genommen."

Nein, Fräulein," entgegnete der Arzt ernst.Frau Bäumlein hat mir nur mitgetheilt, was geschehen ist, nicht mehr und nicht weniger. Räumen Sie doch dem Alter das Recht der größeren Ruhe und Erfahrung ein. Eine Antwort auf Ihre Anklage, daß ich Sie von Ihrem Vater trennen wolle, erlassen Sie mir wohl. Es ist meine Pflicht als Arzt, die größte Ruhe für Ihren Vater zu verlangen, und solange ich sein Arzt bin, werde ich streng meine Pflicht erfüllen."

Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten," sprach j Beate einlenkend, halb um Verzeihung bittend.

Düs glaube ich Ihnen gern," fuhr der Arzt fort. Fräulein, als Arzt lernt man die Worte, die in der Erregung und in der Leidenschaft des Schmerzes ge­sprochen sind, mild zu beurtheilen. Mehr als einmal, wenn ich an einem Sterbebette stand, habe ich aus schmerzlich erregtem Munde die Anklage gehört, daß ich nicht meine Schuldigkeit aethan habe, um den Ster­benden zu retten, und derselbe Mund hat mich jedes­mal, wenn er ruhiger geworden war, um Verzeihung gebeten. Unser Beruf ist deshalb ein so schwerer und undankbarer, weil uns so oft Aufgaben gestellt werden, die über des Menschen Kraft hinausgehen. Wir sind fast in jedem Falle für ein Leben verantwortlich, wollen Sie es uns da verdenken, wenn wir bei dem, was wir zu verantworten haben, streng an dem festhalten, was wir für das Richtige erkannt haben?"

Beate streckte ihm die Hand entgegen.

Verzeihen Sie mir," sprach sie mit weichem Tone. Ich will gern Alles thun, was Sie verlangen."

Der Arzt hielt des Mädchens Hand einen Augen­blick in der seinigen.

Es bedarf keiner Verzeihung," sprach er lächelnd. Sie kennen mich noch zu wenig, sonst würden Sie wissen, daß ich ein langjähriger Freund Ihres Vaters bin und daß mir sein Wohl und Wehe ebenso an das Herz gewachsen ist wie Ihnen. Wir wollen von jetzt an gemeinsam für seine baldige Genesung wirken. Nicht wahr?"

Gewiß, gewiß! Sein Leben ist ja mein Leben!" versicherte Beate, und sie sprach dies so treuherzig offen, daß sie selbst den Blick des alten, erfahrenen Arztes täuschte.

13 .

Als Anna das Haus ihres Wohlthäters, in dem sie durch Beate so schändlich beschuldigt war, verlassen hatte, eilte sie fast besinnungslos vor Schmerz nach dem HotelStadt Rom". Konrad war ja nun der einzige Mensch, zu dem sie sich flüchten konnte, er mußte sie schützen, er mußte für sie eintreten und be­zeugen, daß Alles unwahr sei, dessen sie beschul­digt war.

Als sie durch den Portier erfuhr, daß Konrad schon früh am Morgen abgereist sei, stand sie wie erstarrt da, dann erfaßte sie ein unsagbares Bangen. Sie glaubte Beatens Stimme zu vernehmen, wähnte, Po­lizeibeamte hinter sich zu erblicken, die sie verfolgten, um sie wieder in das Gefängniß zu bringen.

Wie eine Verfolgte eilte sie durch die Straßen. In ihrem namenlosen Schmerze und in der fast betäuben­den Angst war ihr nur der eine Gedanke geblieben: Fort fort aus der Stadt, in der sie so unsäglich gelitten, die für sie zu einem Fluche geworden war!"

Zu der kleinen Stadt, in der sie geboren und in der ihr Vater begraben war, wollte sie sich flüchten. Sie dachte nicht daran, die Eisenbahn zu benützen, sie hatte auch keinen Pfennig Geld bei sich, sie dachte über­haupt nicht an die weite Entfernung nur fort aus der Stadt!

Sie athmete noch nicht leichter, als sie die letzten Häuser hinter sich hatte, und selbst als sie die Thürme nicht mehr erblickte; rastlos eilte sie weiter, und wenn sie erschöpft niedersank, raffte sie sich nach kurzer Zeit wieder auf und schleppte sich weiter.

Ihr Kopf war wüst und schwer und hielt hart­näckig eine Frage fest. Weshalb hatte Beate sie falsch beschuldigt? War sie wirklich eifersüchtig auf die Liebe ihres Vaters? Befürchtete sie, an ihrem Vermögen verkürzt zu werden? Beate war doch gerade in der letzten Zeit so zärtlich gegen sie gewesen!

Sie war zu unschuldig, um die ganze Herzlosigkeit des Mädchens zu begreifen, sie selbst hatte ja nicht den geringsten Anspruch gemacht, sie würde glücklich gewesen sein, wenn sie als Dienerin in dem Hause ihres Wohl­thäters hätte bleiben können.

Unaufhaltsam eilte sie weiter. Seit dem Morgen hatte sie nichts genossen, sie fühlte sich erschöpft, den­noch wagte sie nicht, an eine Thüre zu pochen und um ein Stück Brod zu bitten, und Geld hatte sie nicht. Als sie das Haus ihres Wohlthäters verlassen, hatte sie nicht daran gedacht, Geld mitzunehmen, und sie würde es auch nicht gethan haben, wenn sie daran ge­dacht hätte.

Der Abend war hereingebrochen, als sie sich einem Dorfe näherte. Mühsam schleppte sie sich bis zum ersten Hause und trat in dasselbe ein, eine Frau rief ihr barsch zu, was sie wolle, und als sie schüchtern um ein Stück Brod bat, trieb die Frau sie mit Schelt­worten zum Hanse hinaus.

Die Unglückliche wagte nicht, in ein zweites Haus zu treten, hinter einem Garten, auf einem schmälen Wege sank sie fast ohnmächtig nieder. Sie fühlte sich zum Sterben erschöpft und würde den Tod als eine Wohlthat begrüßt haben. Zusammengekauert blieb sie regungslos liegen, sie schlief nicht, aber das Geräusch aus dem Dorfe drang nur wie ferne Töne in ihr Ohr.

Es war spät am Abende, als ein Mann, ein lustiges Lied summend, auf dem schmalen Wege daher kam.

Halloh! Was ist das?" rief er, als er die Da-