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L. A. Tolstoi: Herr und Knecht
Leo Nikolajewitsch Tolstoi, geb. 28. August 1828 zu Jasnaja Poljana (Gouvernement Tula); gest. 20. November 1910.
Auf Jasnaja Poljana, dem väterlichen Landsitz zur Vfelt gekommen, bezieht der Fünfzehnjährige und früh verwaiste die Universität Kasan. 1848 kehrt er, beschwert mehr als erquickt durch das Studium der orientalischen Sprachen und der Rechte, auf sein Gut zurück. Von Reiseeindrücken angeregt, wird er dann Offizier in einem kaukasischen Regiment. Läßt sich beim Ausbruch des Krimkrieges zur Donau-Armee versetzen, und erlebt als ein eiserner Soldat, mit der Waffe in der Hand, die Belagerung Sebastopols (1855). Nach Friedensschluß nimmt er den Abschied. Es folgt eine weltliche Periode der Reisen und des Aufenthalts in großen Städten. 1861 findet er in die Landeinsamkeit zurück. Heiratet im Jahr darauf die Tochter eines Moskauer Arztes, Sophie Behr, und greift dann zur Feder.
In einer fünfzehnjährigen Schaffensperiode entstehen seine großen Romanwerke: „Krieg und Frieden“ (1864/69) und „Anna Karenina k ‘ (1876). Nach dem ungeheuerlichen Erlebnis seiner religiösen Krise werden die aus der Tiefe geschöpften Volkserzählungen Form, deren Stoff- und Ideenkreis, zusamt ihrer prachtvollen, epischen Anschaulichkeit und der Ruhe des Vortrags auch das kleine Meisterwerk „Herr und Knecht“ angehört, das wir heute bringen.
Die sozial-ethischen Schriften erreichen den Höhepunkt in dem Bekenntnisbuch „Mein Glaube“ (1884); die Theologischen in der „Aus- ^egung der vier Evangelien“. Werke von der echten Nachfolge Christi, die Tolstoj die liebende Bewunderung des Volkes zuwenden, aber den Haß der regierenden orthodoxen Kirche. Und sie antwortet dem Unbeirrbaren mit Fluch und Bann. Ein Heiliger und ^Veiser für das Volk, den Pharisäern ein Greuel, ist Tolstoi 1910 unversöhnt mit der Kirche, gestorben.
Aus dem russischen Landjunker und Offizier war ein Großer und Einsamer geworden. Einer, den man nicht einordnen kann. Unter den Schriftgelehrten nicht, noch unter den Dichtern. Es sei denn, daß man die Reihe mit Jesaias beginnt, und die prophetischen Menschen um ihn herumstellt.
Da er geboren wird, am seltsam gleichen Augusttage wie Goethe, neigt sich das Leben des Olympiers der Erde zu, und seine achtzigjährigen Hände ordnen zu V^eimar cf) letzten, späten Güter einer westlichen Kultur, an die Leo Tolstoi, Mann geworden, die Fackel legt.
Er wurde zum Erlebnis eiAer Welt, dieser Barfüßer und Graf im selbstgewählten Leinwandkittel. Und wie er so vor uns hintrat aus den Bildern — mit groben Händen und bedrohlichen Augen — er wirkte befreiend und beunruhigte uns zugleich. Und dann wehrten wir uns gegen ihn, und fanden es infam, daß irgendwo aus Rußland Einer vor Europa hintrat, und verneinte, woran wir geglaubt, zertreten wollte, was wir erhöht hatten. Allzumal waren wir ihm Diebe am Leben und Falschmünzer, Mörder und Dirnen. Und wir spotteten seiner und die Klugen sagten: es ist nur wieder einmal ein neues Pathos, und es wird sich legen. Aber das half nicht, denn der Graf fuhr fort zu predigen in seiner V/uste, und ging selber hinaus mit der Sense, und lebte selber was er sagte in Kasteiung und Demut. Auch an der Kunst rüttelte er und wollte Shakespeare zertrümmern. Und da bekämpften wir ihn wieder. So lange, bis man hinter dem Dichter den reinen Menschen aufsteigen sah und wir gerührt wurden, ja ergriffen von der Einheit, die hier, in einem ungeheuren Beispiel geoffenbart, ein beseeligendes Einssein zeigte von Wort, Mann und Tat.
* Herr und Knecht
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Es War in den siebziger Jahren, an einem 7. Dezember, also am Tage nach St. Nikolaus. Im Kirchspiel War Feiertag, und der Herbergswirt und Kaufmann zweiter Gilde Wasili Andrejitsch Brechunow hatte das Dorf noch nicht verlassen können; denn zuerst hatte er in der Kirche anwesend sein müssen, da er Kirchenältester war, und dann hatte er nicht umhin gekonnt, in seinem Hause seine Verwandten und Bekannten zu empfangen und zu bewirten. Aber nun waren die Atzten Gäste abgefahren, und Wasili Andrejitsch Brachte sich bereit, sofort zu einem benachbarten u^utsbesitzer zu fahren, um diesem einen kleinen geflickten, jchnncriger^^W?W^stM7^Mflfk^ huschend, rannte er auf den Hof und in die Gesindestube. . .' ' ~ ....
Wald abzukaufen, um den er schon lange gehandelt hatte. Wasili Andrejitsch hatte es mit dieser Fahrt eilig, damit ihm nicht städtische Händler dieses vorteilhafte Geschäft wegschnappten. Der junge Gutsbesitzer forderte für den Wald nur aus dem Grunde zehntausend Rubel, weil Wasili Andrejitsch ihm siebentausend dafür geboten hatte. Diese siebentausend Rubel bildeten aber nur den dritten Teil des wirklichen Wertes des Waldes. Wasili Andrejitsch hätte vielleicht noch länger um den Preis gefeilscht, da der Wald in seinem Bezirke lag und zwischen ihm und den andern ländlichen Händlern des Kreises schon seit langer Zeit eine Abmachung bestand, nach welcher ein Händler in dem Bezirke eines andern den Preis nicht in die Höhe treiben durfte; aber Wasili Andrejitsch hatte er- yuguue, oepuno um . huj ■■ imp Häusern. Sobald sie an dem letzten Hause, der Schmiede, vorbei waren, merkten sie sofort, daß
fahren, daß Holzhändler aus der Gouvernementsstadt vorhätten, nach Gorjatschkino zu fahren und um den Wald zu handeln, und so hatte er denn beschlossen, sofort selbst hinzufahren und die Sache mit dem Gutsbesitzer zum Abschluß zu bringen. Sowie ihn daher der Feiertag loskommen ließ, nahm er aus dem Kasten siebenhundert Rubel, die ihm gehörten, tat noch zweitausenddreihundert Rubel Kirchengelder, die er in Verwahrung hatte, dazu, so daß dreitausend Rubel herauskamen, zählte die ganze Summe sorgsam durch, steckte sie in seine Brieftasche und traf Anstalten zur Abfahrt.
Der Knecht Nikita, der einzige von Wasili Andrejitschs Leuten, der an diesem Tage nicht betrunken war, ging hinaus, um anzuspannen. Der Grund, weswegen Nikita an diesem Tage
Andrejitsch an chn loswerden wollte, sieben Ru» bel der richtige Preis war, Wasili. Andrejitsch

