„Oke Welt.Oteratur" 1916 7lr. 50 L 71. To'stolr Herr t tt> Knecht

Ist,

nicht betrunken war, war der: er war ein arger Trinker; aber nach der Fastnacht, wo er die Jacke vom Leibe und seine Lcderstiefel vertrunken hatte, hatte er das Trinken verschworen und nun schon seit mehr als einem Monat nicht mehr getrunken; auch jetzt hatte er nicht ge­trunken, trotz der starken Verführung, da über­all an diesen beiden ersten Festtagen eine tüch­tige Menge Branntwein konsumiert wurde.

Nikita war ein Bauer aus einem Nachbardorfe und jetzt fünfzig Jahre alt; er war, wie man von ihm sagte, kein rechter Hauswirt und hatte den größten Teil seines Lebens nicht in seinem Hause, sondern bei andern Leuten als Knecht verbracht. Ueberall schätzte man ihn wegen seines Fleißes, seiner Geschicklichkeit und Arbeitskraft, ganz besonders aber wegen seines guten, freund­lichen Wesens; aber nirgends blieb er lange im Dienst, weil er etwa zweimal im Jahre, mit­unter auch häufiger, ins Trinken hineingeriet und dann nicht nur alles vertrank, was er auf dem Leibe hatte, sondern auch händelsüchtig und gewalttätig würde. Auch Wasili Andrejitsch hatte ihn schon ein paarmal fortgejagt, ihn aber immer wieder genommen, da Nikitas Ehrlichkeit, seine Liebe zu den Tieren und vor allem seine Anspruchslosigkeit bei ihm stark ins Gewicht stell- Wasili Andrejitsch zahlte ihm nicht achtzig Rill^ o' uas der angemessene Lohn für einen sol- cheit^^XHt gewesen wäre, sondern vierzig Rubel,V n^ diese verabfolgte er ihm ohne ge­naue Ao^nung, in kleinen Posten, und gro­ßenteils nicht in barem Gelde, sondern in Ge­stalt von hoch berechneten Waren aus seinem Laden.

Nikitas Frau, Marfa, die früher einmal ein hübsches, flinkes Weib gewesen war, wirtschaftete zu Hause mit einem nahezu erwachsenen Sohne und zwei Töchtern und forderte ihren Mann gar nicht dazu auf, zu Hause zu wohnen, erstens weil sie schon seit zwanzig Jahren mit einem aus einem fremden Dorfe stammenden Böttcher zusammenlebte, der bei ihnen im Hause wohnte, und zweitens, weil sie zwar mit ihrem Manne ganz nach ihrem Belieben umsprang, wenn er nüchtern war, aber eine Heidenangst vor ihm hatte, sobald er zu trinken anfing. Einmal, als Nikita sich zu Hause betrunken hatte, hatte er, wahrscheinlich um sich an seiner Frau für die Knechtung zu rächen, die er in nüchternem Zu­stande erlitt, ihre Truhe erbrochen, ihre besten Kleider hervorgeholt, das Beil genommen und alle ihre Röcke und Umhänge auf dem Hauklotz in kleine Stückchen zerhackt. Der gesamte Lohn, welchen Nikita verdiente, wurde seiner Frau ausgehändigt, und Nikita erhob dagegen keinen Widerspruch. So war Marfa auch diesmal zwei Tage vor dem Feste zu Wasili Andrejitsch ge­kommen, hatte sich von ihm Weizenmehl, Tee, Zucker und ein Achtel Branntwein, zusammen für ungefähr drei Rubel, sowie noch fünf Rubel in bar geben lasten und sich dafür wie für eine besondere Gabe bedankt, während doch Nikita, selbst bei niedrigster Berechnung, von Wasili Andrejitsch zwanzig Rubel zu fordern hatte.

„Ich habe doch mit dir keinen förmlichen Kon­trakt gemacht," pflegte Wasili Andrejitsch zu Nikita zu sagen. „Wenn du etwas brauchst, so laß es dir von mir geben; du wirst es schon ab­arbeiten. Bei mir ist es nicht wie bei anderen Leuten, wo das Gesinde auf seinen Lohn bis zum Termin warten muß und dann peinlich gerechnet wird und Strafabzüge gemacht wer­den. Zwischen uns beiden geht es anständig zu:

du dienst mir, und ich lasse dich nicht im Stiche." Und wenn Wasili Andrejitsch in dieser Weise redete, so war er der aufrichtigen Meinung, daß er Nikitas Wohltäter sei; denn was er sagte, überzeugte ihn selbst, und alle Leute, Nikita allen voran, bestärkten ihn, um sich seine Gunst zu erhalten, durch ihre Zustimmung in dieser Ueberzeugung.

„Das sehe ich ja auch ein, Wasili Andrejitsch, und ich meine, ich diene Ihnen so eifrig, wie wenn Sie mein leiblicher Vater wären. Ich sehe es sehr wohl ein," antwortete Nikita, der sehr wohl einsah, daß Wasili Andrejitsch ihn betrog, sich aber sagte, daß er keinen Versuch machen dürfe, seine Rechnung mit ihm klarzustellen, so­lange er keine andere Stelle habe, dableiben und nehmen müsse, was man ihm gebe.

Jetzt also, wo Nikita von dem Herrn den Be­fehl erhalten hatte, anzuspanncn, begab er sich vergnügt und willig wie immer mit seinem mun­teren, leichten, etwas watschelnden Gange naa) dem Schuppen, nahm dort den schweren, aus Riemen verfertigten, mit einer Troddel ge­schmückten Zaum vom Nagel und ging, mit der Gebißkette klirrend, nach dem verschlossenen Stall, in welchem für sich allein das Pferd stand, das Wasili Andrejitsch anzuspannen befohlen hatte.

„Na, du langweilst dich wohl, Dummerchen?" sagte Nikita als Antwort auf das leise begrü­ßende Gewieher, mit welchem ihn der einzige Be­wohner dieses Stalles, ein mittelgroßer, wohlge­bauter Hengst, mit etwas hängendem Hinterteil, dunkelbraun mit gelblichen Flecken am Maul, an den Füßen und in den Weichen, empfing. „Na na! Nicht zu eilig, ich will dir erst zu sau­fen geben, Dummerchen!" redete er zu dem Pferde, ganz so, wie man mit solchen Wesen redet, die die Worte verstehen, und nachdem er mit dem Schoße seines Pelzes den wohlge­nährten, fetten, in der Mitte ausgekehlten, mit Staub bedeckten Rücken des Hengstes abgewischt hatte, legte er ihm den Zaum um den hübschen, jugendlichen Kopf, wobei er ihm die Ohren und den Haarschopf freimachte, warf das Halfter her­unter und führte das Tier zum Tränken. Als der Braungelbe vorsichtig aus dem stark voll Mist liegenden Stalle herausgeschritten war, begann er zu spielen und schlug aus, indem er sich stellte, als wolle er mit dem Hinterfuße dem Knechte, der trabend mit ihm zum Ziehbrunnen lief, einen Schlag versetzen.

„Ei, wie übermütig, du Schelm!" sagte Nikita zu ihm; er wußte recht wohl, daß der Braun­gelbe vorsichtig genug war, mit dem Hinterfuße nur so zu schlagen, daß er ihm den kurzen Schaf­pelz berührte, aber ihn nicht wirklich an den Körper traf. An diesem Kunststück des Hengstes hatte Nikita immer eine ganz besondere Freude.

Als das Pferd sich an dem kalten Wasser satt getrunken hatte, stand es ein Weilchen still, holte tief Atem und bewegte dabei die nassen, kräftigen Lippen, von deren Haarborsten durchsichtige Tropfen in den Trog zurückfielen; dann pru­stete es.

„Wenn du nicht mehr magst, brauchst du nicht; wir werden uns das merken; aber daß du nicht nachher mehr verlangst," sagte Nikita, der in vollständigem Ernst und mit aller Gründlichkeit dem Braungelben sein Verfahren auseinander­setzte. Dann lief er wieder zum Schuppen, indem er am Zügel das muntere, junge Pferd mit sich zog, das mit den Hinterbeinen ausschlug und so kräftig schnaubte, daß der ganze Hof davon er­scholl.

Von den andern Knechten war niemand da; Nikita erblickte nur einen nicht zum Hause ge­hörigen Menschen, den Mann der Köchin, der für die Feiertage zu ihr auf Besuch gekommen war. >

„Geh doch mal hin, lieber Mann," sagte l Nikita zu ihm, „und frage den Herrn, welchen Schlitten ich anspannen soll, den großen, breiten oder den kleinen."

Der Mann der Köchin ging ins Haus und kehrte bald mit der Nachricht zurück, der Herr / habe befohlen, den kleinen Schlitten anzuspan­nen. Nikita hatte unterdessen dem Pferde schon das Kumt angelegt, das mit kleinen Nägeln be­schlagene Rückenpolster festgebunden und ging nun, in der einen Hand das leichte, mit Oel- farbe gestrichene Krummholz tragend, mit der andern das Pferd führend, zu den beiden i Schlitten, die unter dem Schuppen standen „Wenn er den kleinen will, mir ist es recht/ sagte er, führte das kluge Pferd in die Gabel-- deichsel, das die ganze Zeit über tat, als ob es ihn beißen wolle, und begann mit Hilfe des Mannes der Köchin anzuspannen.

Als schon alles beinah fertig war und nur. noch übrig blieb, die Leinen an den Zügeln zu, befestigen, schickte Nikita den Mann der Köchin in den Schuppen hinein, um Stroh, und nach^, dem Speicher, um einen leeren groben Sack zu; holen. i

„So! Alles richtig! Na na, tu nur nicht ft' ,1 üppig!" sagte Nikita und stopfte das frisch aus-"' gedroschene Habcrstroh, das der Mann der, Köchin gebracht hatte, in den Schlitten hinein. „Und nun gib mir da die Packleinwand her, so als Ueberzug, und obendrauf kommt der Sack. -» Siehst du wohl: so, und so; nun wird es sich gut darauf sitzen," sagte er und führte dabei das aus, was er sagte, und stopfte den Sack über dem Stroh aus allen Seiten um den Sitz herum fest.

„So, nun danke ich dir auch, lieber Freund," sagte Nikita zu dem Manne der Köchin. „Zn zweien fleckt es doch mit aller Arbeit besser."

Und nachdem er die ledernen, am verbundenen Ende mit einem Ringe versehenen Lenkriemen in Ordnung gebracht hatte, setzte sich Nikita auf den Schlittenrand und lenkte das nach Bewegung verlangende brave Pferd über den mit gefrore­nem Miste bedeckten Hof zum Tore.

„Onkel Nikita, Onkclchen, ach Onkelchcn!" rief j ihm ein siebenjähriger Knabe nach, der geräusch- 1 voll die Türe aufklinkte und eilig aus dem Haus­flur auf den Hof hinausgelaufen kam; er trug ein schwarzes Pelzröckchen, neue weiße Filz­stiefel und eine warme Mütze. „Setz mich hin­ein!" bat er mit seinem hohen Stimmchen und knöpfte sich im Gehen sein Pelzröckchen zu.

„Na, dann komm flink her, mein Täubchen," sagte Nikita, hielt an, setzte das freudestrahlende Söhnchen seines Herrn in den Schlitten und fuhr auf die Straße hinaus.

Es war zwischen zwei und drei Uhr nachmit­tags, kalt (zehn Grad), trübe und windig. Auf dem Hofe kam einem die Luft ruhig vor; aber auf der Straße blies ein scharfer Wind: von dem Dache des danebenstehendcn Schuppens stiebte der Schnee herunter, und an der Ecke beim Badehause wirbelte er nur so. Kaum war Nikita herausgefahren und hatte das Pferd zur Haus­tür herumgcwendet, als auch schon Wasili Andrejitsch, eine Zigarette im Munde, den mit Tuch überzogenen Schafpelz tief unten mit einem breiten Gurte fest zusammengeschnallt, aus dem __ Flur auf die Stufen hcraustrat, wo der festN^ tretene Schnee unter seinen Filzstiefeln IcsSj knirschte. Dort blieb er stehen und bog zu beid?"