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Die besten Romane und Novellen aller Zeiten und Völker

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Adalbert Stifter: Oer Hagestolz

Adalbert Stifter, geb. am 23. Oktober 1805 in Oberplan in Böhmen; gest. am 28. Januar 1868 in Linz.

Sobn eine« Leinwebers. Er trat 1818 als Zögling in die Stiftsschule der Benediktinerabtei Kremsmünster in Oberösterreich. Ging 1826 nach V/ien, studierte Rechts- und Staatswissenschaft« Mathematik und Naturwissenschaft. Wurde Lehrer des Fürsten Richard Metternich. Von 1850 —1865 Schulrat in Oberösterreich.

Sein an äußeren Ereignissen nicht reiches Leben wird überstrahlt von der schöpferischen Kraft seines Künstlertums. Er war ein Meister deutscher Poesie. Ein Nachkomme Jean Pauls. Berühmt als poetischer Maler der Landschaft, war er jedoch nicht weniger ein Dar­steller von Menschen höheren Ranges. Ein Zukunftsweiser. Seine Idyllen, Novellen und Studien verraten uns einen stillen, nachdenklichen Dichter, dessen Größe sich in seiner Einfachheit und in seinem Natursinn bekundet.

Hauptwerke: „Studien“ — „Bunte Steine“ — der Roman: „Nachsommer“ — die dreibändige Erzählung: „Witiko“. Aus dem Nachlaß kamen 1869 zur Veröffentlichung: „Briefe“ und ,«Erzählungen“.

„Die Welt-Literatur“ brachte bereits in Nr. 25 eine für Stifters Kunst besonders bezeichnende Novelle: „Der Waldsteig“. Heute folgt die erste Hälfte der für eine Nummer der „Welt-Literatur“ zu umfangreichen Erzählung „Der Hagestolz“. Wir bringen den zweiten

Teil dieser Erzählung in der, nächste AVoche erscheinenden, überzähligen Nummer 53.

Oer Hagestolz

Gegenbild

Auf einem schönen grünen Platze, der bergan steigt, wo Bäume stehen und Nachtigallen schla­gen, gingen mehrere Jünglinge in dem Brausen und Schäumen ihres jungen kaum erst begin­nenden Lebens. Eine glänzende Landschaft war rings um sie geworfen. Wolkenschatten flogen und unten in der Ebene blickten die Türme und Häuserlasten einer großen Stadt.

Einer von ihnen rief die Worte: „Es ist nun für alle Ewigkeit ganz gewiß, daß ich nie hei­raten werde."

Es war ein schlanker Jüngling mit sanften schmachtenden Augen, der dieses gesagt hatte. Die andern achteten nicht sonderlich darauf, mehrere lachten, knickten Zweige,, bewarfen sich und schritten weiter.

„Ha, wer wird denn heiraten," sagte einer, „die lächerlichen Bande eines Weibes tragen und wie der Vogel auf den Stangen eines Käfigs sitzen?"

„Ja, du Narr, aber tanzen, verliebt sein, sich schämen, rot werden, gelt?" rief ein Dritter, und es erschallte wieder Gelächter .

„Dich nähme ohnehin keine."

„Dich auch nicht." „Was liegt daran?"

Die nächsten Worte waren nicht mehr ver­ständlich. Es kam noch durch die Stämme der Bäume ein lustiges Rufen zurück und dann nichts mehr; denn die Jünglinge gingen bereits

auf der schiefen Fläche, die sich von dem Platze wcgzieht, empor und setzten die Gebüsche der Fläche in Bewegung. Rüstig schritten sie in der funkelnden Sonne hinan, ringsum sind grü­nende Zweige, und auf ihren Wangen und in ihren Augen leuchtet die ganze unerschütterliche Zuversicht in die Welt. Um sie herum liegt der Frühling, der ebenso unerfahren und zuver­sichtlich ist, wie sie.

Der Jüngling, aus dessen Munde der Ent­schluß der Nichtvermählung hervorgegangen war, hatte in der Sache nichts mehr gesprochen und sie war vergessen.

Ein neues Geplauder und ein fröhliches Sprechen tanzte von den beweglichen Zungen. Sie redeten zuerst von allem und oft alle zu­gleich. Dann reden sie von dem Höchsten und dann von dem Tiefsten und haben Leides schnell erschöpft. Dann kommt der Staat. Es wird in ihm die unendlichste Freiheit vorgeschlagen, die größte Gerechtigkeit und unbeschränkteste Duld­samkeit. Wer gegen dieses ist, wird nieder­geworfen und besiegt. Der Landesfeind muß zerschmettert werden und von dem Haupte der Helden leuchtet dann der Ruhm. Während sie so, wie sie meinten, von dem Großen redeten, geschieht um sie her, wie sie ebenfalls meinten, nur das Kleine; es grünen weithrn die Büsche, es keimt die brütende Erde und beginnt mit ihren ersten Frühlingstierchen, wie mit Juwelen zu spielen.

Hierauf singen sie ein Lied, dann jagen sie sich, stoßen sich gegenseitig in den Hohlweg oder ins Gebüsch, schneiden Ruten und Stäbe und kom­

men dabei immer höher auf den Berg und über die Wohnungen der Menschen.

Wir müssen hier bemerken: welch ein rätsel­haftes unbeschreibliches, geheimnisreiches, locken­des Ding ist die Zukunft, wenn wir noch nicht in ihr sind — wie schnell und unbegriffen rauscht sie als Gegenwart davon — und wie klar, ver­braucht und wesenlos liegt sie dann als Ver­gangenheit da! Alle diese Jünglinge stürmen schon in sie hinein, als könnten sie dieselbe nicht erwarten. Der eine prahlt mit Dingen und Ge­nüssen, die über seine Jahre gehen, der andere tut langweilig, als hätte er schon alles erschöpft, und der dritte redet Worte, die er bei seinem Vater Männer und Greise hatte reden gehört. Dann haschen sie nach einem vorüberflatternden Schmetterling und finden auf dem Wege einen bunten Stein.

Immer höher streben sie hinauf. Oben an dem Waldesrande schauen sie auf die Stadt zurück. Sie sehen allerlei Häuser und Gebäude und wet­ten, ob sie es sind oder nicht. Dann dringen sie in die Schatten der Buchen hinein.

Der Wald geht fast mit ebenem Boden dahin. Jenseits desselben aber steigen glänzende Wie­sen niit einzelnen Fruchtbäumen besetzt in ein Tal hinab, das still und heimlich um die Berges- wölbungcn läuft und von diesen Bergen zwei spiegelhelle dahinschießende Bäche empfängt. Die Wasser rieseln lustig über die geglätteten Kiesel, an dichten Obstwäldern, Gartenplanken und Häusern vorbei und von dort wieder in die Weinberge hinaus. Alles dieses ist so stille, daß man in mancher klaren Nachmittagsluft weithin den Hahn krähen hört, oder den einzelnen