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Jeden Gamstag einWerk
Die besten Romane und Novellen aller Zeiten und Völker
10 Pfennig die Nummer» Vierteljährlich Mk.it.20
Vorzugsausgabe 30 Pfennig die Nummer, vierteljährlich Mk. 3.—
AN UNSERE LESER!
Z u den starken positiven Erlebnissen der ernsten Zeiten, in die wir eingeschlossen sind, gehört in Deutschland die neu erwachte Freude am Buch. Im Feuerschein des ^Veltenbrandes haben wir eine neue Kunst zu lesen gelernt. Wir lesen intensiver und eindringender, und unser Verhältnis zum gedruckten V^ort hat sich durchaus verändert. ^Vas Tändelei gewesen in müßigen Stunden, wurde Ernst, und wenn Walpole gesagt hat: auf einem Kanapee liegen und einen spannenden Roman lesen, sei ein Vorgeschmack der Seligkeit, so wissen wir es heute noch besser.
Vfir sind nicht allzusehr mehr auf die Bequemlichkeit des Lesers bedacht. Das unbesiegbare Volk der Deutschen, das mit einer Million Exemplaren von Goethes Faust im Tornister ins Feld marschierte, diese Idealisten einer Zukunft und des Aufstiegs haben des Kanapees entraten gelernt, wenn sie lesen wollen und Kontakt suchen und seligmachende Berührung mit den Dingen des Geistes.
Jn der zerklüfteten Landschaft der Schützengraben sitzt unsere gewappnete Heldenjugend und hält, von Gefahren umdräut und von jeder Not des Leibes und der Seele, lebendige Zwiesprache, die gedrucktes Wort vermittelt. Da fällt der Flitter ab von der Rede, und bestehen kann allein, was von Herz zu Herz sich kündet. Und den anderen, denen versagt ist, mit der Waffe zu kämpfen, und die wir entsagungsvoll in den Städten wohnen müssen und auf dem Lande, auch uns beschleicht zu Zeiten die Sehnsucht nach einer Lektüre, die entspannt und beglückt. Die Sehnsucht nach einer Welt, die besser ist und harmonischer. Da wird uns der Dichter zum Bringer der Lust, der uns wieder aufrichtet, und uns stärker macht, indem er uns teilnehmen läßt an der beglückenden Harmonie, die jedes geschlossene Kunstwerk wiedertönt.
AVildenbruchs Wort erfüllt sich, der Bücher Menschen genannt hat, Menschen mit Seelen, die in des Nebenmenschen Seele Fluch oder Segen tragen von ihrer eignen Art. In solchem lebendigen Sinne haben wir es uns zum Gesetz gemacht, in einer Zeit, die der Bücher wie keine andere bedarf, einen neuen ^Veg zum Leser zu finden. Der bedeutende Erfolg hat uns Recht gegeben, und es ist neben dem Chor der Heimat besonders die jubelnde Zustimmung aus den Schützengraben, die das Fortschreiten in den eingeschlagenen Bahnen so ersprießlich macht.
„Die Welt-Literatur"' wird auch in Zukunft den durch die Gegenwart gesteigerten Ansprüchen an geistige Nahrung Raum geben, und in ihrem positiven Kampf gegen Schund und Mißwachs im gedruckten Wort mit neuen, immer schöneren Gaben nicht erlahmen.
Einander unsichtbar, sind wir eine schöne und stattliche Gemeinde stiller Leser geworden. Und es will uns bedünken, wir sollen die Grenzen dieser geistigen Gemeinschaft ständig erweitern, und jeder an seiner Stelle für „Die ^Veit-Literatur“ neue Freunde werben zu den alten.
Das Jahr ist dahin, und am geheimnisvollen Zifferblatt der Zeit tritt eine neue Zahl in Erscheinung. Möge sie uns allen Glück heißen und Erfüllung des Friedens! Mit diesem Wunsch aus tiefstem Herzen dargebracht geleitet „Die ^Velt-Literatur“ ihre Leser aus dem alten Jahr ins neue.
Adalbert Stifter: Der Hagestolz
Fortsetzung und Schluß * * 1. Teil Ln Rümmer 52
„Es kann sein, daß er es tut," antwortete der Diener, „ich weiß das nicht, abe*' setzt wartet er mit dem Abendessen auf Euch."
„Wie kann er warten," sagte Viktor, ,,da er gemeint hat, ich solle meinen Spitz ertränken, da er gesagt hat, daß er nicht öffnen wolle, wenn ich es nicht tue, und da er mich hierauf fortgehen sah und mich nicht zurückgerufen hat.'
„Das weiß ich alles nicht," erwiderte Christoph, „aber Eure Ankunft ist in der Klause bekannt und es war auf dem Tische für Euch gedeckt. Der Herr hat mir ausgetragen, Euch zu rufen, weil Ihr die Eßstunde n'cht wißt, sonst hat er nichts gesagt. Weil ich es aber gesehen habe, wie Ihr von dem Eisengitter forgelau- sen seid, so dachte ich gleich, als er mir den Auftrag gab. Euch zum Essen zu rufen, ich müsse an diesen Ort gehen, ich würde Euch hier finden.
Anfangs, da ich Euch nicht sah, meinte ich gar, Ihr seid gleich wieder über das Wasser davongefahren, aber es war ja nicht möglich, der Mann, der Euch gebracht hat, muß ja schon um die Orlasvitze zurück gewesen sein, als Ihr hierher zurückkamt."
Als Viktor hierauf nicht erwiderte, stand der Mann noch ein Weilchen, dann sagte er wieder: „Der Herr wird bereits zu essen begonnen haben; denn er hat seine festgesetzten Stunden und geht davon nicht ab."
„Das ist mir eine gleichgültige Sache," antwortete Viktor, „er mag essen und sich sättigen, von seinem Mahle verlange ich nichts; denn ich und mein Spitz haben unsere Brote, die ich mir aufgehoben habe, schon verzehrt."
„Nun so muß ich also gehen und ihm das melden/' sprach der Diener weiter — „aber das müßt Ihr bedenken, daß Ihr, wie Ihr vor
her selbst sagtet, gekommen seid, weil es der Oheim begehrt hat, daß er also mit Euch zu sprechen wünscht und daß Ihr das selber unmöglich macht, wenn Ihr in dem Gebiete seines Hauses unter freiem Himmel sitzen bleibt.''
„Ich wollte zu ihm gehen," erwiderte Viktor, „ich wollte mit ihm sprechen und ihn ehrerbietig grüßen, die Mutter hat mir auch gesagt, daß es gut sei und der Vormund hat es auch befohlen — aber ehe ich dem Tiere, das mich mit Lebensgefahr aufgesucht und begleitet hat, etwas zuleide tun laffe, will ich selber eher Verwundung und Tod ertragen.''
„Es wird dem Tiere nichts geschehen," sagte Christoph, „der Herr hat Euch nur einen guten Rat gegeben; wenn Ihr ihn nicht befolgt, so kümmert es ihn nicht. Er denkt gewiß nicht mehr darauf; denn sonst hätte er mich ja nicht geschickt. Euch zum Effen zu holen."
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