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Jeremias Gotthelf

Elfi, -ie seltsame Magd / Wie Christen eine Frau gewinnt

Jeremias Gottheit, geh. 4. Ott. 1797 in Murten (Kanton Freiburg); gest. 22. Oktober 1854 zu Lützelflüh (Kantonj^ßern).

Den trefflichen Schweizer Albert Bitzius, der unter dem biederen Pseudonym Jeremias Gotthelf seine erbaulichen Geschichten schrieb* geschieht ein bisschen Unrecht« wenn man den Pädagogen in ihm vom Dichter trennen will. Als Sohn eines reformierten Pfarrers erwies sich der ererbte Pastorale Einschlag stark genug, um die äussere Kurve von Gotthelfs Leben zu bestimmen.

Er studierte in Bern und Göttingen Theologie, machte die Reise seines Lebens durch Norddeutschland (später ist er aus dem schönen Emmental nicht mehr hinausgekommen) und wurde 1832 Pfarrherr zu Lützelflüh, wo er zweiundzwanzig Jahre gewirkt hat. Gewirkt zuerst im engeren Kreise der Gemeinde, aber dann mächtig hinausgreifend über Land und Heimat mit seinem Wort.

Gotthelfs Wert war werktätig und immer der notwendige Ausdruck eines Erlebnisses, wenn dieses Erlebnis auch oft gar klein und aus der Ferne unwichtig aussehen mochte. Was seine Bauern drückte, bedrückte den Nachbar jenseits der Berge noch lange nicht Und die Nöte seiner Landsleute waren vor allem Bauernangelegenhe ten, um die sich die Leute in den Städten nicht viel kümmern mochten«

Denn hinter der breit hingestrichenen Moral der Gotthelfschen Schriften, die zunächst die Sendung hatten, erzieherisch auf das Volk zu wirken; hinter diesem Bauernpathos eines geistl chen Volksredners wurde das Dichterische nicht sogleich wahrgenommen. Mit einer prachtvollen Unbekümmertheit nannte Gotthelf die Dinge, die er treffen wollte, schon im Titel beim Namen. Und der Leser ist sofort im Bilde, wenn wir die Hauptwerke nennen:Bauernspiegel oderLebensgeschichte des Jeremias Gotthelf, von ihm selbst berichtet'*

(1837),Leiden und Freuden eines Schulmeisters (1838),Wie Uli, der Knecht, glücklich ward (1846),Uli der Pachter,Geld und Geist,Der Schuldenbauer.

Die Erzählungen, die wir heute bringen:Elsi, die seltsame Magd undWie Christen eine Frau gewinnt zeigen Gotthelf als den unübertrefflichen Kenner seiner Bauern. Man gewinnt auf jeder Seite das Gefühl, dieser Mann möchte zunächst einmal helfen. Und die Magd und Christen sind zunächst nur Exemplare einer ganzen Gattung, die ihre Lektion erhält.So rollt ihr sein oderso sollt ihr nicht handeln, das ist immer zuvörderst Herrn Gotthelfs Herzensangelegenheit, und wenn er gekonnt hatte, der wackere Bitzius wäre wohl noch weiter, als seine Pfarrei es ihm gestattete, in Häuser und Hütten getreten mit sanfter Ermahnung und mancherlei wohl­meinenden Püffen.

Immer wieder findet er ein Thema, zu dem er reden muss, und er tut es mit der unbeirrbaren Sachlichkeit und dem kräftigen Realismus des Mannes, der etwas zu sagen hat und ^er auch die Groteske nicht verschmäht, wie etwa in der ErzählungWie fünf Mädchen im Branntwein jämmerlich umkommen.

Und wie Gotthelf ins Schwabenalter gekommen, war wie von ungefähr aus diesem kraftvollen Volksmann ein mächtiger Erzähler ge­worden. Erwachsen aus der blutvollen Lebendigkeit eines tätigen Daseins, das mit allen Wurzeln im Wollen und Empfinden des Volkes ruhte, und woher denn auch dem Dichter immer von neuem die Kraft zuströmte zu Einfällen und Gestalten.

®Ifi, die seltsame Magd

Reich an schönen Tälern ist die Schweiz; wer zählte sie wohl ans? In keinem Lehrbuch stehen sie alle verzeichnet. Wenn auch nicht eines der schönsten, doch eines der reichsten ist das Tal, in welchem Heimiswhl liegt und welches oberhalb Burgdorf ans rechte Ufer der Ber­ner-Emme sich mündet. Großartig sind die Berge nicht, welche es einsassen, in absonder­lichen Gestalten bieten sie dem Auge sich nicht dar, es sind mächtige Emmentaler Hügel, die unten heitergrün und oben schwarzgrün sind, unten mit Wiesen und Aeckern eingefaßt, oben mit hohen Tannen beivachsen. Weit ist im Tale die Fernsicht nicht, da es ein Quertal ist, welches in nordwestlicher Richtung ans Haupttal stößt; die Alpen sieht man daher nur von den beiden Bergrücken, welche das Tal umfassen von den­

selben aber auch in heller Pracht und gewaltigem Bogen am südlichen Himmel. Herrlich ist das Wasser, das allenthalben aus Felsen bricht, ein­zig sind die reichbewässerten Wiesen und trefflich der Boden zu jeglichem Anbau; reich ist das Tal, schön und zierlich die Häuser, welche das Tal schmücken. Wer an den berühmten Emmen­taler Häusern sich ergötzen will, der findet sie zahlreich und ausgezerchnot in genanntem Tale.

Auf einem der schönsten Höfe lebte im Jahre 1796 als Magd Elfi Schindler (dies soll aber nicht der rechte Name gewesen sein); sie war ein seltsam Mädchen, und niemand wußte, wer sie war und woher sie kam. Fm Frühjahr hatte es einmal noch spät an die Türe geklopft, und als der Bauer zum Fenster hinausguckte, sah er ein großes Mädchen draußen stehen mit einem Bündel unter dem Arme, welches für Uebernacht fragte, nach altherkömmlicher Sitte,

nach welcher jeder geldlose Wanderer oder wer sonst gern das Wirtshaus meidet um Herberge fragt in den Bauernhäusern und nicht nur um­sonst ein Nachtlager erhält, bald im warmen Stall, bald im warmen Bette, sondern auch abends und morgens sein Essen und manchmal noch einen Zehrpsennig auf den Weg. Es gibt Häuser im Bernbwt, welche die Gastfreundschaft räglich üben, den Morgenländern znm Trotz, und deren Haus selten eine Nacht ohne Uebernächt- ler ist. Der Bauer hieß dis Mädchen herein­kommen, und da sie oben am Essen waren, gleich zueche hocke (sich heransetzen). Auf der Bäuerin Geheiß mußte das Weibervolk auf dem Vorstuhl (die lange freistehende Bank vor einem Bauern­tisch) sich zusammenziehen, und zu unterst auf demselben setzte sich die Uebernächtlerin.

Man fort, aber einige AugenMcke hörte man des Redens nicht viel, alle nrußten auf das