„die Weit-Uteratur" 1917 Nr. 5 Cöpffer: Clifa und widmer
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und traurig, und wenn sie gewissePapiere las, die ein andres Schubfach enthielt, so wußte ich gewiß, daß Tränen über ihre Wangen strömen würden. — Tante, sagte ich zu ihr, laß diese Papiere, du wirst weinen.
— Ja, mein Kind, versetzte sie dann, ich bin zu Ende. Damit legte sie die Papiere wieder in die Lade, aber noch lange Zeit nachher strömten ihre Tränen; mich machte dieser Anblick beklommen, ich spielte weiter, jedoch ohne Geräusch, wiewohl unfähig, zu begreifen, warum meine Tante noch weinte. Ergreifende Erinnerungen! Gute Alte, deren Güte mich erzog und die ich nachher zärtlich liebte! Ferne Träume, deren Reiz die Zeit verschönt, die die Vergangenheit umgoldet, welch ein Schatz seid ihr für das Herz, welch ein Balsam für das Alter!
Es sind etwa zweiunddreißig Jahre, daß sie tot ist. Ich muß sie wohl ihren letzten Augenblicken nahe gesehen haben, denn seit mehreren Monaten verließ sie das Bett nicht mehr, als ich sie zum letzten Male besuchte. Sie war nicht trauriger als zuvor, wenn sie nicht von den Schmerzen ihrer Krankheit gefoltert wurde.
Von ihrem altertümlichen, mit grünen Vorhängen umzogenen Bette wachte sie über meine Tage, munterte mich zum Schwatzen auf und lächelte über meine Heiterkeit. Und seit sie nicht mehr aufstand, fiel mir die süße Last anheim, mich selbst aus dem Schranke oder der Tischlade zu versorgen.
Sie lachte über die Bedächtigkeit meiner Wahl, die immer auf die größten Stücke, auf die längsten Bonbonstafcln fiel.
— Du wählst besser als ich, sagte sie und ich höre sic noch heute so sprechen. Hin und wieder las sic in einem dicken Buche mit rotem Schnitt. Ein unbestimmter Trieb hielt mich ab, sie in solchen Augenblicken zu unterbrechen; ich trat leise im Zimmer auf, wagte nicht die Katze zu necken, welche in der Fensterbank saß und spann, und setzte mich auch wohl gern selbst in diese Gegend, um das Gezwitscher der Kanarienvögel zu hören, und in Ermangelung eigenen Umhcrspringens, das mir freilich besser behagt hätte, mich an dem Hüpfen und Gespiele der Vögel zu ergötzen. Sobald ich das dicke Buch zuschlagen hörte, wußte ich den Augenblick meiner Freiheit gekommen.
Dieses dicke Buch war die Bibel, wie ich später erfuhr. Wie andächtig sie immer während des Lesens war, und wie heiter, wenn sie geendet! Es ist mir von diesen Eindrücken her eine unbeschreibliche Ehrfurcht für das Buch selbst geblieben und für die beruhigenden Tröstungen, welche die Religion denen spendet, die sie in der Einfalt ihres Herzens üben. Sie ist dahingeschieden, meine arme Tante, aber ich weiß gewiß, im Vertrauen auf die göttlichen Verheißungen, in der Hoffnung auf eine bessere Welt, wohin sie ihre Werke, ihre Tugenden, ihren Kummer und das lüße Vertrauen mitnahm, welches schöne Seelen in ihren Gott setzen, der alles ausgleicht und versöhnt, der die Fehler verlöscht und den guten Willen in die Rechnung setzt. Nein! Dies Grab macht mich nicht traurig; es ist die Schwelle, über welche
ich treten muß, um meine Tante wiederzufindcn; wenn man meine Gebeine hierher tragen wird, ist meine Seele schon zu ihr emporgc- flogen, fern von der rauhen Berührung des Schmerzes und des Todes.
Zuweilen bleibe ich aus meinen Spaziergängen stehen, um die Inschriften zu lesen, welche sich rings auf den Grabhügeln finden. Manche enthalten über die, welche darunter ruhen, nichts als das Alter und den Namen. Sonderbar, dies eben spricht mich an. Der Name — ich wüßte nicht warum? wenn nicht meine Einbildung ganz unwillkürlich mehr oder minder liebenswürdige Züge hinzutäte und aus diesen Zügen die Eigenschaften des Herzens, die Lebensumstände, Leid und Freude, Glück und Elend zu entziffern strebte. Diese Unbestimmtheit allein fesselt meine Teilnahme weit mehr, als wüßte
ich alles bis auf den Namen herab. Noch reicher weiß das Alter zu zeugen. Das Alter auf einem Grabe hat eine beredte Sprache; es sagt, ob der Abgeschiedene mitten im Drange der Lust entrissen, in dem Tau mel der Jugend überfallen, aus den Armen einer Mutter, einer Geliebten entführt wurde; oder ob er bereits zu den äußersten Marken eines langen Lebens gekommen und mit erkaltetem Herzen, im Ermattungsschlummer in den Schlaf der Gräber überging und vom Leben wie von einer fürder unnützen Bürde schied.
Ein Marmorstein zog mich gleich bei dem ersten Besuche des Friedhofes an, und das Sonderbare dabei ist, daß er mich fesselte, ohne daß ich den Sinn seiner Inschrift verstand, denn sie ist in deutscherSprache. Ich hatte indes in meiner Kindheit einigeWorte dieser Sprache gelernt und vermochte so wenigstens die erste Zeile zu entziffern. Es war ein Gedanke von hoher Einfachheit, der durch den Ort- wo ich ihn las, und durch die Gemütsstimmung, worin ich mich befand, einen schwermütigen Eindruck auf mich machte, wie sonst nicht leicht etwas. Der Vers lautete: „Das Leben gleicht der Frühlingsblume . . ."
Das Leben gleicht der Frühlingsblume! Wahr! ja eine traurige Wahrheit! sagte ich zu mir und setzte mit diesen Worten die verschiedenen Sinnbilder in Zusammenhang, welche an den Seiten des Steins angebracbt waren. Ich malte mir unter dem Bilde dieser Blume ein liebenswürdiges Mädchen, die in ihrer herrlichsten Pracht hinwelkte, auf den Boden sank und ihre kalte Hülle dieser Stätte zollte. Ein Name, den ich in den nachfolgenden Versen las, bestätigte mir diese Vermmungen. Es war ein Mädchenname: Elisa. Sogleich kettete ich meine Phantasie an diesen Namen, ich verlieh ihm Leben, ich weinte mit den Hinterbliebenen um das liebenswürdige Wesen, ich dachte mich an vielem kalten Steine von trauernden Freunden umgeben, mein Herz schwoll in den süßesten Regungen zarten Mitgefühls. Allein es war schon spät, die Sonne neigte sich zum Untergange und vergoldete nur noch die äußersten Spitzen der Grabmäler; die Zypressen warfen weithin lange Schatten. Mit dem Anbruch des
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