Oie Vesten Romane und Novellen aller Zeiten und Völker

-10 Pfennig die Nummer» Vierteljährlich Mk. 1.20

Vorzugsausgabe 30 Pfennig die Rümmer, vierteljährlich Mk. 5 .

Adalbert Stifter: Brigitta

Adalbert Stifter, geb. am 23. Oktober 1805 in Oberplan m Bobmen; gest. am 28. Januar 1868 in Linz.

Sobn eines Leinwebers. Er trat 1818 als Zögling in die Stiftsschule der Benediktinerabtei Kremsmünster in Oberösterreich. Kam als 21 jähriger nacb 'Wien, studierte Rechts- und Staatswissenschaft, Mathematik und Naturwissenschaft. Wurde Lehrer dea Fürsten Richard Metternich. Von 18501865 Schulrat in Ober Österreich.

Sein an äußeren Ereignissen nicht reiches Leben wird überstrahlt von der schöpferischen Kraft seines Künstlertums. Er war ein Meister deutscher Prosa. Ein Nachkomme Jean Pauls. Berühmt als poetischer Maler der Landschaft, war er jedoch nicht weniger ein Dar» steiler von Menschen höheren Ranges. Ein Zukunftsweiser. Seine Idyllen, Novellen und Studien verraten uns einen stillen, nachdenklichen Dichter, dessen Größe sich in seiner Einfachheit und in seinem Natursinn bekundet.

Hauptwerke: die NovellensammlungenStudien",Bunte Steine", der Roman:Nachsommer", die dreibändige Erzählung: Witiko". Aus dem Nachlaß kamen ein Jahr nach seinem Tode zur Veröffentlichung:Briefe" undErzählungen".

Die "Welt-Literatur brachte bereits 1916 in Nr. 25 Stifters Novelle:Der Waldsteig" und in Nr. 52/53 denHagestolz", *Wir drucken

heute eine seiner schönsten Erzählungen:

Brigitta

Steppenwanderuug

Es gibt oft Dinge und Beziehungen in dem menschlichen Leben, die uns nicht sogleich klar sind und deren Grund wir nicht in Schnelligkeit hervorzuziehen vermögen. Sie wirken dann mei­stens mit einem gewissen schönen und sanften Reize des Geheimnisvollen auf unsere Seele. In dem Angesichte eines Häßlichen ist für uns oft eine innere Schönheit, die wir nicht auf der Stelle von seinem Werte herzuleiten vermögen, während uns oft die Züge eines andern kalt und leer sind, von denen alle sagen, daß sie die größte Schönheit besitzen. Ebenso fühlen wir uns manch­mal zu einem hingezogen, den wir eigentlich gar nicht kennen, es gefallen uns seine Bewegungen, es gefällt uns ferne Art, wir trauern, wenn er uns verlassen hat, und haben eine gewisse Sehn­sucht, ja eine Liebe zu ihm, wenn wir oft noch in späteren Jahren seiner gedenken: während wir mit einem andern, dessen Wert in vielen Taten vor uns liegt, nicht ins reine kommen können, wenn wir auch jahrelang mit ihm umgegangen sind. Daß zuletzt sittliche Gründe vorhanden sind, die das Herz herausfühlt, ist kein Zweifel, allein wir können sie nicht immer mit der Wage des Bewußtseins und der Rechnung hervorheben und anschauen. Me Seelenkunde hat manches beleuch­tet und erklärt, aber vieles ist ihr dunkel und in großer Entfernung geblieben. Wir glauben da­her, daß es nicht zu viel ist, wenn wir sagen, es sei für uns noch ein heiterer, unermeßlicher Ab­grund, in dem Gott und die Geister wandeln. Die Seele in Augenblicken der Entzückung über­fliegt ihn oft, die Dichtkunst in künstlicher Unbe­

Brigitta.

wußtheit lüstet ihn zuweilen: aber die Wissen­schaft mit ihrem Hammer und Richtscheite steht häufig erst an dem Rande und mag in vielen Fällen noch gar nicht einmal Hand angelegt haben.

Zu diesen Bemerkungen bin ich durch eine Begebenheit veranlaßt worden, die ich einmal in sehr jungen Jahren auf dem Gute eines alten Majors erlebte, da ich noch eine sehr große Wanderlust hatte, die mich bald hier bald dort ein Stück in die Welt hineintrieb, weil ich noch weiß Gott was zu erleben und zu erforschen ver­hasste.

Ich hatte den Major auf einer Reife kennen gelernt, schon damals lud er mich wiederholt ein, ihn einmal in seiner Heimat zu besuchen. Allein ich hielt dies für eine bloße Redeformel und Artigkeit, wie Reisende wohl oft zu wechseln pflegen, und hätte der Sache wahrscheinlich keine weitere Folge gegeben, wenn nicht im zweiten Jahre unserer Trennung ein Brief von ihm ge­kommen wäre, in welchem er sich angelegentlich um mein Befinden erkundigte und zuletzt wieder die alte Bitte hinzusügte, doch einmal zu ihm zu kommen und einen Sommer, ein Jahr oder fünf oder zehn Jahre bei ihm zuzubringen, wie es mir gefällig wäre; denn er sei jetzt endlich ge­sonnen auf einem einzigen winzigen Punkte die­ser Erdkugel Neben zu bleiben und kein anderes Stäubchen mehr auf seinen Fuß gelangen zu las­sen, als das der Heimat, in welcher er nunmehr ein Ziel gefunden habe, das er sonst vergeblich auf der ganzen Welt gesucht hatte.

Da es nun eben Frühling war, da ich neugierig war, sein Ziel kennen zu lernen, da ich eben nicht wußte, wo ich Hinreisen sollte, beschloß ich, seiner Bitte nachzugeben und seiner Einladung zu folgen.

Er hatte sein Gut im östlichen Ungarn zwei Tage schlug ich mich mit Plänen herum, wie ich die Reise am geschicktesten machen sollte, am drit­ten Tage saß ich im Postwagen und rollte nach Osten, während ich mich, da ich das Land nie ge­sehen hatte, bereits mtt Bildern von Heiden und Wäldern trug und am achten wandelte ich be­reits auf einer Pu,ßta, so prachtvoll und öde, als sie nur rmmer Ungarn aufzuweisen haben mag.

Anfangs war meine ganze Seele von der Größe des Bildes gefaßt: wie die endlose Luft um mich schmeichelte, wie die Steppe duftete und ein Glanz der Einsamkeit überall und allüberall hinaus webte: aber wie das morgen wieder so wurde, übermorgen wieder immer gar nichts als der feine Ring, in dem sich Himmel und Erde küßten, gewöhnte sich der Geist daran, das Äuge begann zu erliegen und von dem Nichts so über­sättigt zu werden, als hätte es Massen von Stoff aus sich geladen es kehrte in sich zurück, und wie die Sonnenstrahlen spielten, die Gräser glänzten, zogen verschiedene einsame Gedanken durch die Seele, alte Erinnerungen kamen wim­melnd über die Heide, und darunter war auch das Bild des Mannes, zu dem ich eben auf der Wanderung war ich griff es gerne auf, und in der Oede hatte ich Zeit genug, alle Züge, die ich von chm erfahren hatte, in meinem Gedächtnisse zusammenzusuchen und ihnen neue Frische zu geben.

In Unteritalien, beinahe in einer ebenso feier­lichen Oede, wie die war, durch die ich heute wan­delte, hatte ich ihn zum erstenmal gesehen. Er war damals in allen Gesellschaften gefeiert, und obwohl schon fast fünfzig Jahre alt. doch noch das Ziel von manchen schönen Augen; denn nie hat man einen Mann gesehen, dessen Bau und Antlitz schöner genannt werden konnte, noch

.-ix k

- -1 :

By.