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Heinrich Zjchokke: Die Walpurgisnacht

Heinrich Zschokke, geboren 22. März 1771 in Magdeburg, gestorben 37. Juni 1848 in Aarau.

Kein Bahnbrecher; aber ein liebenswürdiger Erzähler, der mit anständigen Mitteln arbeitete. Ein vielseitiger Geist. Er schrieb Ritter­romane, Aufklärungsschriften, Räuberschauspiele und Erhauungsbücher. Seine weitverbreitetenStunden der Andacht popularisieren geschickt die Grundsätze und Anschauungen der deutschen Aufklärungszeit.

Unter Schillers Einfluß entstanden seine ersten Arbeiten.Die Räuber haben seinen später dramatisierten RomanAbällino, der große Bandit auf dem Gewissen. Kurze Zeit war er Privatdozent an der Universität Frankfurt a. O. Ging als Fünfundzwanzigjähriger in die Schweiz. Erwarb sich hier als Beamter und Publizist große Verdienste um das Land; die Schweiz anerkannte sein Können und vor allem sein demokratisches Wirken; er stieg in immer höhere Stellungen. 1814 wurde er in den Großen Rat berufen.

Seit 1811 gab er eine Monatsschrift unter dem TitelErheiterungen heraus. Hier veröffentlichte er den größten Teil seiner Erzählungen. Zschokke trat nie anspruchsvoll auf. Er war ein Volksmann, der schlicht und anschaulich darzustellen wußte. Darauf beruht die große Wirkung, die er übte. Ein ehrlicher Demokrat mit pädagogischen Absichten. Ein Volkserzieher.

Seine gesammelten Schriften umfassen 35 Bände. Sie kamen drei Jahre nach seinem Tode, von 1851 bis 1854 heraus. Aus dem großen Schatz seiner Erzählungen brachten wir 1916 in Nr. 12Das blaue 'Wunder undKriegerische Abenteuer eines Friedfertigen. Heute lassen wir seine ,/Walpurgisnacht folgen.

Zu seinen uns noch lebendigen ^Verken gehören:Der Narr des 19. Jahrhunderts das unter Pestalozzis Einfluß entstandene GoldmacherdorfAddrich im MoosHans Dampf in allen GassenTantchen RosmarinDer tote GastDie Prinzessin von ^Volfenbiittel und viele kleinere Erzählungen, von denenDie Vv 7 eit-Literatur später eine Auswahl bringen wird.

Di e Walpurgisnacht

Der Versucher

Ich befand mich fern vom Hause in Geschäf- 1c» zu Prag. Es war im April. Wie angenehme Zerstreuung es auch für mich gab, konnte ich das Heimweh nach unserm Städtchen nicht unterdrücken, wo mein junges Weib schon sieben Wochen auf meine Heimkehr hoffte. Seit un­serm Hochzeitstage waren wir nie so lange ge­trennt gewesen. Freilich Fanny schickte mir regelmäßig alle Wochen Briefchen zu; aber diese Zeilen voller Liebe, Verlangen und Wehmut waren Oel ins Feuer. Ich wünschte Prag und den heiligen Nepomuk vierunddreißig Meilen novdostwärts hinter mir.

Wer nicht ein liebenswürdiges Weibchen von zweiundzwanzig Jahren hat, reizend wie die Liebe, umspielt von zwei blühenden Liebesgöt­tern; wer in solch ein Wesen nach fünfjähriger Ehe nicht fünfhundertmal verliebter ist, als den Tag vor der Hochzeit, dem erzähle ich vergebens von meinem Heimweh.

Genug, ich dankte jauchzend dem Himmel, als die Geschälte endlich abgetan waren. Ich nahm bei den wenigen Bekannten und Freunden Ab­schied und sagte dem Wirt, er solle die Rech­nung geben. Andern Tages wollte ich mit der Post fort.

Am Reisemorgen erschien der Wirt, gehor- k«nst aufzuwarten, mit zahlenreicher Rechnung;

ich hatte des baren Geldes nicht genug zu Til­gung meiner Schuld und zu Ausgaben unter­wegs. Also wollte ich einen guten Wechsel ver­silbern. Ich griff nach der Brieftasche und suchte sie in allen Taschen, allen Winkeln. Sie war fort. Da ward mir nicht wohl: denn ich hatte für mehr denn vierzehnhundert Taler Papier darin, und das ist doch keine Kleinig­keit unterm Himmel.

Es half mir auch nichts, daß ich die Stube umkehrte die Brieftasche blieb verschwunden.

Dacht' ich's doch," sagte ich zu mir selbst: Wird der Mensch einen Augenblick seines Le­hens froh, sitzt der Teufel gleich hinterm Hag und spielt ihm einen Possen. Man sollte sich in der Welt über nichts freuen, so hätte man auch der Höllenangst und des Verdrusses weniger. Ich habe es so oft schon erfahren."

Entweder war die Brieftasche gestohlen oder verloren. Ich hatte sie noch den Tag vorher in Händen gehabt; ich pflegte sie in der Brusttasche meines Üeberrocks hei mir zu tragen. Auch lagen Fannys Briefe darin. Es war mir, als hätte ich sie noch des Abends beim Entkleiden gefühlt. Wie nun meine teuern Papiere wieder bekommen? Denn wer sie hatte, konnte sie jede Stunde nach Belieben in Gold oder Silber verwandeln.

Da fing ich an zu fluchen, was sonst meine Leibsünde nicht ist. Ginge noch, wie in den guten, alten Zeiten, der Teufel herum, wenn auch wie ein brüllender Löwe, ich hätte auf der Stelle mit ihm einen Pakt geschlossen Indem ich

dies dachte, fiel mir eine Gestalt ein, die ich etwa acht Tage vorher beim Billard in einem verschossenen Rotrock gesehen hatte, und die mir damals wie ein menschgeworoener Höl­lenfürst vorgekommen war. Es überlief mich kalter Schauer. Und doch war ich so verzweifelt, daß ich dachte:Meinethalben, und wenn er's wäre, jetzt würde er mir ganz willkommen sein, schaffte er mir nur die Brieftasche wieder."

Indem ward an meine Stubentür gepocht. Holla!" dachte ich:Der Versucher wird doch aus Spaß nicht Ernst niachen?" Ich lief zur Tür; in Gedanken hatte ich den berüchtigten Rotrock, und glaubte in der Tat, der werde es sein.

Und siehe wunderliche Ueberraschung! da ich die Stubentür öffnete, trat mit flüchtigem Kopfnicken der Versucher herein, an den ich ge­dacht hatte.

*

Nähere Schilderung

Ich muß erzählen, wo und wie ich die Be­kanntschaft dieser Erscheinung gemacht hatte, da­mit man mich nicht für einen Phantasten halte.

An einem Abend war ich in ein Kaffeehaus oder Kasino der Neustadt gegangen, wohin mich schon einmal ein Bekannter zum Billard ge­führt hatte. Ich hoffte die neuesten Zeitungen zu finden. An einem Tischchen spielten zwei Herren nachdenkend ihre Partie Schach. Einige junge Männer saßen am Fenster in lebhaftem Gespräch über TotenersFicenungen und Natur

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