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„Die Weltliteratur" 1917 Nr. 3o krcinrlch LschoKKe: Vie Walpurgiznacht
der menschlichen Seele. Ern kleiner ältlicher Mann, in scharlachrotem Ueberrock, wanderte, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer ans und ab. Ich nahm ein Glas Danzigcrwasser und die Zeitungen.
Niemand machte meine Andacht so rege, als der scharlachrote Spaziergänger. Ich vergaß selbst die Zeitungen und den spanischen Krieg. Er hatte, wie in der Kleidung etwas Geschmackloses. in Gestalt, in Bewegungen, in Gesichtszügen etwas Auffallendes und Widerliches. Er war von weniger, als mittlerer Größe; aber starkknochig, breitschulterig; mochte fünfzig bis sechzig Jahre haben, und ging mit dem Kopfe gebückt, wie ein Grers. Ein Pechschwarzes, glänzendes Haar hing ihm glatt und spießig um den Kopf. Das schwarzgelbe Gesicht mit der Habichtsnase und den vorragenden Backenknochen hatte etwas Abstoßendes. Denn während alle Züge kalt und eisern waren, schimmerte sein großes Auge so lebhaft, wie das Auge eines begeisterten Jünglings, ohne daß man darin Begeisterung und Seele las. Der, dachte ich ist geborner Scharfrichter, oder Großinquisitor, oder Räuberhauptmann, oder Zigeunerkönig. Des Spaßes willen könnte der Mann Städte in Flammen auflodern und Kinder an Speeren zappeln sehen. Ich möchte nicht mit ihm in einem Walde allein reisen. Er hat gewiß in seinem Leben noch nicht lächeln können.
Allein ich irrte mich. Er konnte lächeln. Er hörte den jungen Herren am Fenster zu und lächelte. Aber, Gott sei bei uns, das war ein An! Es überlief mich eiskalt. Die schaden-
E ; Hölle schien aus allen Zügen zu spotten.
n der im roten Rocke nicht der Teufel ist, dachte ich, so ist's sein Bruder. Ich sah ihm unwillkürlich nach den Füßen, den bekannten Pferdehuf zu beobachten, und richtig, er hatte einen Menschenfuß, wie unsereiner, und sein linker war ein Klumpfuß im Schnürstiefel. Doch hinkte er damit nicht, und trat überhaupt so schleichend auf, wie über Eierschalen, die er nicht zerdrücken wollte. Er hätte sich für bares Geld sehen lassen können, um alle Voltaires abergläubisch zu machen.
Den spanischen Krieg vergaß ich durchaus. Ich hielt zwar die Zeitung vor mich hin, schielte jedoch darüber hinaus, die merkwürdige Gestalt länger zu beobachten.
Indem der Rotrock am Schachtisch vorbei- ging, sagte einer der Spieler zu seinem düster und verlegen dasitzenden Gegner mit triumphierender Miene: „Sie sind ohne Rettung verloren." Der Rotrock blieb einen Augenblick stehen, warf einen Blick auf das Spiel, und sagte zum Sieger: „Sie sind geblendet und beim dritten Zug unausbleiblich matt." Der Sieger lächelte vornehm; der Bedrängte schüttelte zweifelnd den Kopf und zog — beim dritten Zug war der vermeinte Sieger in der Tat schachmatt.
Während die Kämpfer ihr Spiel wieder aufstellten, sagte einer von den jungen Männern am Fenster zum Rotrock heftig: „Sie lächeln, Herr, unser Streit scheint Sie zu interessieren? Aber Ihr Lächeln sagt mir, daß Sie entgegengesetzter Meinung sind über die Natur der Welt und der Gottheit. Haben Sie Schelling gelesen?" „Jawohl!" sagte der Rotrock.
„Und was will Ihr Lächeln sagen?"
„Ihr Schelling ist ein scharfsinniger Dichter, der die Gaukeleien seiner Einbildungskraft für Wahrheit hält, weit ihn niemand widerlegen kann, als mit andern Phantasiegespinsten, die nur noch mit größerm Scharfsinn verteidigt werden müßten. Es geht den Philosophen heut', wie immer. Blinde disputieren über Farbentheorien. und Taube über die Kunst des reinen Satzes in der Musik. Mexander hätte gern Schiffbrücken zum Monde geschlagen, um ihn zu erobern, und die Philosophen, unzufrieden im Kreise der Vernunft, wollen gern überver- nünstig werden."
So sagte der Rotrock. Da gab's Lärmen. Er aber hielt nicht Stand, nahm den runden Hut und schlich davon.
Ich sah ihn seitdem nie wieder, aber vergaß die auffallende Gestalt mit der Höllenphysiognomie nicht, und fürchtete mich, sie im Traume zu erblicken,
Ären stemd es unverhofft v»r mir im gbasux.
Die Versuchung
m Verzeihung, wenn ich störe!" sagte er: e ich die Ehre, Herrn Robert ... zu spre-
„Der bin ich in der Tat!" erwiderte ich.
„Womit beweisen Sie das?"
Sonderbare Frage dachte ich, ohne Zweifel ein Polizeispion. Es lag ein halbzerrissener Brief auf meinem Tisch. Ich zeigte ihm die an mich gerichtete Zuschrift auf dem Umschlag.
„Ganz gut," sagte er, „allein Sie tragen einen Namen, der so allgemein ist, daß man dergleichen in allen Winkeln Deutschlands, Ungarns und Polens findet. Geben Sie mir nähere Umstände an. Ich möchte mit Ihnen Geschäfte machen. Man hat mich an Sie adressiert."
„Mein Herr," sagte ich, „verzeihen Sie, ich kann jetzt nicht an Geschäfte denken; bin auf dem Sprung zur Abreise und habe noch tausend Dinge zu besorgen. Auch irren Sie sich wohl in meiner Person, denn ich bin weder Staatsmann, noch Kaufmann."
Er maß mich mit großen Augen und sagte: ^So?" Er schwieg eine Weile und schien im Begriff umzukehren, dann aber fing er an: „Sie haben doch Handelsgeschäfte in Prag getrieben? Ist nicht Ihr Herr Bruder auf dem Punkt, Bankerott zu machen?"
Ich muß feuerrot geworden sein denn davon wußte, glaubte ich. außer meinem Bruder, keine Seele, als ich. Auch lächelte der Versucher wieder sein schadenfrohes Lächeln.
„Mein Herr, Sie irren sich noch einmal!" sagte ich. „Zwar habe ich einen Bruder, und mehr als einen, aber keinen, der Bankerott zu fürchten hätte."
^,So?" murmelte der Versucher, und seine Züge wurden wieder hart und eisern.
„Mein Herr," — sagte ich etwas empfindlich, denn es war mir gar nicht lieb, daß jemand in Prag lebte, der von meines Bruders Umständen unterrichtet war, und ich fürchtete, der Schlaukopf wolle in mein Spiel sehen, wie dem Schachspieler im Kaffechause. — „Sie sind gewiß an den Unrechten Mann gewiesen. Ich muß um Verzeihung bitten, daß ich Sie ersuche, sich kurz zu fassen. Ich habe keinen Augenblick zu versäumen."
„Gedulden Sie sich nur eine Minute," erwiderte er, „es liegt mir daran, mit Ihnen zu reden. Sie scheinen unruhig und verlegen. Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren? Sie sind fremd hier. Ich zwar gehöre auch nicht nach Prag und sehe die Stadt seit zwölf Jahren wieder zum erstenmal. Allein ich weiß zu allen Dingen guten Rat. Vertrauen Sie sich mir. Sie haben das Gesicht eines Biedermanns. Brauchen Sie Geld?"
Da lächelte, oder vielmehr grinsete er wieder, als wollte er mir meine Seele abkaufen. Sein Tun ward mir immer verdächtiger: ich schielte von ungefähr nach seinem Klumpfuß, und wirklich wandelte mich abergläubische Furcht an. In keinem Falle wollte ich mich mit dem verdächtigen Herrn einlaffen, und sagte: „Ich hätte kein Geld nötig. Da Sie mir es aber so großmütig antragen, mein Herr, darf ich Sie um Ihren Namen bitten?"
„An meinen: Namen kann Ihnen nicht viel liegen," erwiderte er, „der tut nichts zur Sache. Ich bin ein Mannteuffel. Gibt mir der Name bei..Ihnen mehr Vertrauen?"
„Ein Mannteuffel?" sagte ich und wußte in seltsamer Verlegenheit nicht, was ich sagen wollte, und ob das ganze Ding Ernst oder Spaß sei.
Indem ward an die Türe gepocht. Der Wirt trat herein und brachte mir einen Brief, der von der Post gekommen war. Ich nahm ihn.
„Lesen Sie nur den Brief erst," fing der Rotrock an, „nachher können wir schon weiter sprechen. Der Brief ist ohne Zweifel von Ihrer liebenswürdigen Fanny."
Ich ward verlegener, als je.
„Wissen Sie nun endlich," fuhr der Fremde fort und grinsete: „wissen Sie nun endlich, wer ich bin und was ich von Ihnen will?"
Es lag mir auf den Lippen, zu sagen: „Mein Herr, Se sind, glaube ich, der Satan und möchten meine arme Seele zum Frühstück?" doch hielt ich a» mx.,
„Noch mehr," setzte er hinzu: „Sie wollen nach Eger. Gut, mein Weg geht durch das Städtchen. Ich reise morgen ab. Wollen Sie einen Platz in meinem Wagen annehmen?"
Ich dankte und sagte: „Ich habe schon Post bestellt."
Da ward er unruhiger und sagte: „Es ist Ihnen nicht beizukommen. Aber Ihre Fanny, den kleinen Leopold und August mutz ich doch im Vorbeigehen kennen lernen. Erraten Sie noch nicht, wer ich bin und was ich will? In des Teufels Namen, Herr, ich möchte Ihnen gern einen Dienst leisten. Reden Sie doch."
„Gut!" sagte ich endlich: „Wenn Sie ein Hexenmeister sind, mir ist meine Brieftasche fortgekommen. Raten Sie mir, wie ich Sie wieder bekomme?"
„Pah, was ist an einer Brieftasche gelegen? Kann ich Ihnen sonst nicht . . ."
„In der Brieftasche waren aber wichttge Papiere, über vierzehnhundert Taler an Wert. — Raten Sie mir. was habe ich zu tun, wenn sie verloren ist? und was, wenn sie gestohlen ist?"
„Wie sah die Brieftasche aus?"
„Seidenüberzug, hellgrün, mit Sttckerei, mein Namenszug von Blumen darin. Es war eine Arbeit von meiner Frau."
„So ist der Uebcrzug mehr wert, als die vierzehnhundert Taler." Er lächelte mich wieder dabei mit seiner fürchterlichen Freundlichkeit an; dann fuhr er fort: „Da muß Rat geschafft werden. Was geben Sie mir, wenn ich Ihnen den Verlust ersetze?"
Bei diesen Worten sah er mich so scharf und sonderbaran, als wollte er mir die Antwort: „Ich verschenke Ihnen meine Seele!" auf die Zunge legen. Da ich .aber verlegen still schwieg, griff er in die Tasche und zog meine Brieftasche vor.
„Da haben Sie Ihr Kleinod und die vicrzehn- hundert Taler nebst Zubehör!" sagte er.
. Ich war außer mir. „Wie kommen Sie dazu?" rief ich, und blätterte in der Brieftasche und fand daß nichts fehle.
„Gestern Nachmittag um vier Uhr fand ich sie auf der Moldaubrücke und steckte sie ein."
Richttg, um die gleiche Zeit war ich über die Brücke gegangen und hatte die Brieftasche in Händen gehabt und eingesteckt.
„Vernrutlich nebenbei gesteckt!" sagte der Rot- rock. „Nun aber wußte ich nicht, ob mein Fund von einem zu Fuß oder zu Pferd, hinter oder vor mir verloren war. Ich blieb eine Stunde lang auf der Brücke, einen Suchenden abzu- - warten. Als niemand kam, ging ich in mein Wirtshaus. Ich las den Inhalt, die Briefe, um daraus den Verlierer zu erforschen. Eine Adresse zeigte mir Ihren Namen und Ihren Aufenthalt in diesem Gasthofe an. Darum machte ich mich jetzt zu Ihnen auf. Schon gestern Abend war ich hier und fand Sie nicht."
Lieber Gott, wie kann man sich doch mit seiner Physiognomie täuschen! Ich hätte meinem Mannteuffel um den Hals fallen mögen. Ich sagte ihm die verbindlichsten Dinge. Meine Freude war so übermäßig, als vorher mein Verdruß. Er wollte aber nichts von allem hören. Ich gelobte mir, mein Lebtag nicht wieder meinen physiognomischen Urteilen zu trauen.
„Grüßen Sie Ihre schöne Fanny von mir. Reisen Sie glücklich. Wir sehen uns schon einmal wieder!" sagte er und ging davon.
*
Heimkunft
Nun wollte ich aufbrechen, abreisen. Ich zahlte den Wirt. Mein Knecht, mit den: Koffer auf dem Rücken, ging vor mir her, ich die Treppe hinab. Da kam mein Bruder die Treppe herauf derselbe, deswillen ich in Prag war.
Natürlich, aus der Abreise ward nun nichts. Wir gingen in mein Zimmer zurück. Da hörte ich denn mit Vergnügen, die schwankenden Vermögensverhältnisse meines Bruders hätten sich zu ihrem Vorteil geändert. Ein sehr bedeutender Verlust war ihm durch ungeheure Spekulation in Baumwolle und Kaffee sechsfach vergütet. Er war nach Prag geeilt, um seine Angelegenheit selbst zu berichtigen. „Jetzt habe ich mein Schäfchen ins Trockne gebracht," sagte er, „aber Angst habe ich ausgestanden. Nun geh«
