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Clara Viebig:

Vor Tau und Tag / Die Rosenkranzjungfer

Clara Viebig, geh. 17. Juli 1860 in Irrer.

In Clara Viebig besitzen wir eines unserer stärksten deutschen Erzählertalente. Ihre Muse ist keine stilisierte Überpappe von verschmach­tender Schlankheit, sondern ein pausbackiges Naturkind mit roten Wangen und einem ausgesprochenen Hang zur Lebensfreude.

Das macht: Clara Viebig ist eine typische Rheinländerin. Und sie kam aus ihrem Eifelland in die Literatur hinein mit erfreulicher Frische und voll kecker Unverbrauchtheit. Verhältnismässig spat geschah das. Ihr erstes Buch war der NovellenbandKinder der Eifel" und erschien im Jahre 1897. Da war zu verspüren, dass es sich hier um eine hochbegabte und sehr gelehrige Schülerin des grossen Zola handle, dessen realistische Art, die Dinge und Menschen zu sehen, für Clara Viehigs ganzes Schaffen vorbildlich geblieben zu sein scheint, wenn auch das tiefe Weltbild und die ungeheure Spannweite seiner Gestaltungskraft im Letzten unerreichbar waren.

Clara Viebig ging vom Milieu aus, von der ihr bekannten Umwelt des Eifellandes, und in diese Landschaft, die Neuland war für die Literatur, stellte sie ihre Gestalten und erzählte von ihren kleinen Leiden und Freuden. Mit bodenständiger Kraft, aber vorläufig noch ungereiftem Können.

Eine Steigerung des Vortrags und beherrschtere Technik zeigte drei Jahre spater ein originelles BuchDas W^eiberdorf". Die beiden Motore, von denen die Dichterin das eltgetriebe bewegt sieht, sind Hunger und Liebe. ImWeiberdorf" zeigt sie es an einem beson­deren und grotesken Fall.

Der Berliner Dienstmädchenroman »Das tägliche Brot« bekundete wiederum ihr soziales Interesse an den Kleinen und Gedrückten. Ihre Gestalten wollen nicht hoch hinaus und sind keine geistigen Abenteurer. In ihrer Enge fühlen sie sich wohl, und wenn sie das tägliche Brot haben und ein bischen Liebe, gelangen sie schnell an die Grenzen ihrer ^Vünsche.

Die klare Komposition ist auch ein Vorzug dar größeren Romanwerke, von denen zu erwähnen sind:Rheinlandstöchter",Die W'acht am Rhein",Das schlafende Heer",Absolvo te",Das Kreuz im Venn" undDie vor den Toren". Breite, groß angelegte Sitten­gemälde, die mit einer öft erstaunlichen Kraft das Zuständliche schildern, und die gute Schule des abklingenden Naturalismus bewähren. Von den Novellensammlungen, die alle starke Stücke enthalten, seien hervorgehoben:Naturgewalten",Vor Tau und Tag" undDie Rosenkranzjungfer". W^ir bringen daraus:Vor Tau und Tag" undDie Rosenkranzjungfer".

Clara Viebig hat ihr Lieblingsthema auch dramatisch zu gestalten versucht, doch hat der CyklusDer Kampf um den Mann" und das SchauspielBarbara Holzer" trotz vieler Begabung nicht dauernd auf der Bühne Fuß fassen können. Auch an der KomödiePharisäer" ist das Theater der Gegenwart achtlos vorbei gegangen, das für so viel Überflüssiges Raum hat.

Fast scheint es überhaupt, als ob die Fühlung mit den Problemen der Gegenwart und der jüngst vergangenen Jahrzehnte, wie sie sich in dem Gesamtwerk Clara Viehigs kundgibt, nicht dem breiten Erfolg, wohl aber der künstlerischen Würdigung ein wenig Eintrag getan. Und doch besitzt die Dichterin die ganze Einfühlung einer echten Frau, und darum steht sie der Natur um so viel näher, wenn sie von den Dingen und Problemen der Liebe handelnd, so oft das Leben triumphieren läßt über den Mann, der die Welt durch Denken be­wältigen möchte.

Vor Tau und Tag

Seit acht Tagen wohnten sie sich in der engen Dorfstraße gegenüber.

Man nahm nicht viel Notiz voneinander. Dok­tor Dorn tag am Morgen im Fenster und sah ihr nach, wenn sie rasch die Gasse hinunterschritt. Er fand, daß sie eine schlanke Gestalt batte und einen festen Nacken Las war alles. Sie anzu- reüen, hatte er keine Lust; was sollte er mit Frauenzimmern? Die kurze Ferienzeit wollte er genießen und nicht den Galanten spielen wo­zu? Man muß im Leben immer fragen:Wo­zu?" War sie nicht amüsant, so langweilte er sich mit ihr, war sie zu amüsant, verliebte er sich am Ende gar in sie hier in dieser Einsamkeit nicht unmöglich und wozu beides?

Doktor Dorn vfiff leise und betrachtete sinnend den goldenen Verlobungsring an seinem Fin­ger; nein, er liebte die Braut nicht, die ihm nun einmal das Geschick in die Arme getrieben hatte! Aber trotzdem, das junge, gesunde Mädchen würde eine gute Mutter seiner Kinder abgeben sie würden deren eine Menge in die Welt setzen, ruhige, gesunde Kinder, nicht aus der Lei­denschaft geborene; normale Menschen, aus ver­ständiger Ueberlegung gezüchtet. Nebenbei war Fräulein Anna Bröker in besten Vermögensver­hältnissen, und er brauchte Geld. Er wußte, was es heißt, rechnen müssen, er war damit aufge­zogen; Philosophie ist keim Brotstudium, das Privatdozententum keine fette Pfründe.Du mußt ein vermögendes Mädchen heiraten," hatten seine Eltern gesagt; jetzt waren die lange tot, aber ihr Wort war geblieben.

Er würde nun reich heiraten selbstverständ­lich nur noch ein bißchen warten, ein bißchen warten! Ihm graute mitunter vor dem hübschen Puppengesicht seiner Braut; das würde er dann sein ganzes Leben lang neben sich sehen, tags­über an seinem Tisch, selbst des Nachts im Schlaf an seiner Seite. Man gewöhnt sich freilich an so etwas. Und doch war ihm ordentlich leicht, die acht Tage allein hier in dem verlornen Bergnest.

Eine verrückte Idee, sich hier festzusetzen! Aber daß andere Leute ebenso verrückt waren, das zeigte drüben die schlanke Braune; jedenfalls hatte sie kein Geld, sonst wäre sie in einen Kur­ort gegangen, Frauen lieben die Einsamkeit nicht. Und doch schritt sie so fest und sicher auf ihren Füßen über das holprige Pflaster, als sagte jeder Tritt:Ich bin allein auf mich an­gewiesen, ich brauche auch niemand!"