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<£. M. Wieland: Oie Entzauberung / Oaphnidion

Christoph Martin "Wieland. Geboren 1733 zu Oberbolzheim bei Biberach; gest. 1813 in ^Veimar.

^Vielands Name bringt den Duft einer sehr graziösen Rokokokultur zurück, deren Blüte in Deutschland durch ^Vieland als fruchtbaren Geist und Dichter mitherbeigeführt wurde, und die er mit seinem ahnungsvollen Wissen betreut und gefördert hat. Bis zur jüngsten Generation, die in sein patriarchalisches Greisenalter hineinragte. Bis zu dem verwegenen Neuerer Heinrich von Kleist, den der gealterte Goethe abwies, weil der Ungebärdige unheimlich talentvoll auf ihn wirkte, wahrend ^Vieland neidlos das Genie erkannte und jubelnd in die Arme schloß.

Von klein auf zur Frömmigkeit angehalten durch einen Vater, der 1736 als Prediger nach Oberbolzheim versetzt wurde, verbrachte Wieland die Studienjahre 17471749 in der pietistisch geleiteten Schule zu Kloster Bergen bei Magdeburg. In Tübingen studierte er dann bis 1752 vor allem die schönen ^Vissenschaften, daneben die Rechte, und konnte, getragen von dem Rufe eines außerordentlich begabten Musenjüngers, bereits im gleichen Jahre einer Einladung des angesehenen Schweizer Dichters Johr.nn Jacob Bodmer nach Zürich folgen. Als Nachfolger und Ersatz für Klopstock gewissermaßen, der jenem hochstrebenden Kreise entfremdet worden.

In diese schwärmerische Jugendperiode des Dichters ^Wieland gehören die zum Teil in überschwenglich religiösem Stil verfaßten »Zwölf moralischen Briefe in Versen«, das Lehrgedicht »Die Natur der Dinge< die Jesus-Oden, die »Empfindungen eines Christen« (1757) sowie das Trauerspiel »Lady Johanna Gray oder der Triumph der Religion« (1758). Gegen die von außen herangetragenen Ideale dieser heute ungenießbaren Poesie hat sich schon Lessing ausgesprochen.

Auf dem Umweg über Voltaire, Rousseau, Diderot und andere mehr, genas Wieland von dieser Übertriebenheit und gelangte allmählich zu sich selber. Auch in der Poesie. Denn er war von Hause eine ungemein sinnliche Natur, zu der die "Welt mit tausend lebendigen Stimmen redete, wie er sich nur erst freigemacht von der geistigen Bevormundung der Lehrjahre. Sein Roman »Der Sieg der Natur über die Schwärmerei oder die Abenteuer des Don Sylvio da Rosalba« (1764) enthält schon im Titel den ganzen Programm- und Ten­denzwechsel, und in den folgenden Jahren vollenden die komischen Erzählungen, darunter »Idris«, »Nadine« und die Philosophie der Grazien: »Musarion«, das Bild des eigentlichen Wieland, als unseres graziösesten Rokokodichters, der von Laune sprüht, und ironisch, ja leichtfertig sein kann!

Der Prinzenerzieher interessiert uns hier weniger, wenn man auch immer wieder darauf geführt wird, wie es der kleine weimarische Fürstenhof verstanden, erlesene Geister zu erkennen und an sich zu fesseln, und wie begabt es etwa von der Herzogin Anna Amalie gewesen ist, für die Erziehung ihres Sohnes, des Herzogs Karl August, einen Mann wie ^Vieland ausfindig zu machen.

Nach allerlei Hauslehrererfahrungen beim Amtmann von Grebel, in dessen Hause "Wieland nach dem Aufenthalt bei Bodmer Aufnahme gefunden, wandte sich der Dichter 1759 nach Bern und wurde von dort 1760 als Kanzleidirektor nach Biberach berufen.

Die Bekanntschaft mit dem gebildeten Grafen Friedrich von Stadion auf Schloß AVarthausen, einem Kunstfreund und Kenner, gestaltete sich nutzbringend und anregend für ^Vielands weitere Entwicklung. 1765 verheiratete er sich mit einer Augsburgerin, Anna Dorothea von Hillenbrand. 1769 wurde er als Professor der Philosophie und schönen Wissenschaften nach Erfurt berufen und drei Jahre später nach Weimar in gleicher Eigenschaft.

Als ^Vieland in Weimar eintraf, zählte Goethe vierundzwanzig Jahre, war durch die Veröffentlichung des »Prometheus« und anderer Hymnen bekannt geworden und schickte sich eben an, als Verfasser des »Götz von Berlichingen« aus einem Frankfurter Literaten zum genialischen Dichter und Stürmer Deutschlands aufzurücken, soweit es deutsch zu empfinden vermochte. Schiller war noch ein Schwaben- büble von vierzehn Jahren, und wenn man sich diese Situation vor Augen hält und in Erwägung zieht, daß Wieland von Goethe zwar um ein Menschenalter überlebt ward, aber doch sieben Jahre älter wurde als Schiller, so muß man ein Leben des Geistes und im Geiste reich und glücklich nennen, welches, durch zahllose Beziehungen auch persönlich allem Großen und Schönen nahegerückt war, was AVielands Jahrhundert hervorbrachte.

Von den Werken der späteren Zeit, in denen die Läuterung des Sinnengenusses den Dichter zur Harmonie des Geistes führt, bleiben zu nennen: der bedeutende Roman »Agathon« (1766), »Die Abderiten« (1774) mit dem lachenden Philosophen Demokritos im Mittelpunkt, die vierzehn Gesänge des »Oberon« (1780) und der Roman in Briefen »Aristipp« (1802). Als erster Übersetzer Shakespeares und mehr noch als Vermittler der Antike (Horaz, Lucian) hat ^Vieland bleibende Werte in deutscher Sprache geschaffen.

Die beiden Stücke, die wir bringen, sind dem heute fast verschollenen »Dekameron von Rosenhain« entnommen und geben eine zarte Vorstellung von ^Vielands Rokokowelt und Wesen.

Oie Entzauberung

Nosalie v. Eschenbach, ein liebenswürdiges junges Mädchen, welches seine Eltern schon in der Kindheit verloren hatte, war unter den Augen einer bejahrten und begüterten Vaters­schwester, zu deren Erbin sie bestimmt war, mit allen Vorteilen und Nachteilen einer ländlichen Erziehung, fern von der Hauptstadt. auf einer alten Ritterburg in einer wildanmutigen, ro­mantischen Gegend erzogen worden. Von ihren frühesten Jahren an war Lesen ihr angenehm­

ster Zeitvertreib; das gute Kind hatte aber nichts zu lesen als Ritterbücher und Feenmär­chen, wovon die alte Tante selbst eine große Liebhaberin war, und deren sie eine ziemliche Menge besaß, welche nebst einigen Andachts­büchern und einer mit silbernen Buckeln be­schlagenen großen Kupferbibel die ganze Bib­liothek des Schlosses ausmachte. Im Lesen und Schreiben hatte das Fräulein von dem Pfarrer des Orts, in der Musik von dem Kantor eines benachbarten Städtchens, in weiblichen Arbei­ten von einer ziemlich geschickten Lausjungfer und im Tanzen von eurem gewesenen Kammer-

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diener ihres Vaters, einem alten Hausratsstück des Schlosses, Unterricht bekommen. Von der Ausbildung, so sie auf diese Weise erhielt, war eben kein hoher Grad von Vollkommenheit zu erwarten; aber die Natur hatte das Beste bei ihr getan, und da Fähigkeit und innerer Trieb sie in allem weit über ihre Lehrmeister hinaus- sührte, so fand sich's, daß sie, den Mängeln ihrer Erziehung zum Trotz, mit einer sehr ein­nehmenden Gesichtsbildung, einem nymphen­mäßigen Wuchs, einer festen, blühenden Ge­sundheit und einer sanften, gutlaunigen und ge­fälligen Gemütsart, in ihrem sechzehnte» Jahr

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