Die Welt-Literatur" 1919 Nr. 11 Otto Stoessl: Der Kinematograph / Geschwister

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Die Toni schien der anmutigen und bei aller Bescheidenheit ihrer Lebensumstände doch wohl- gepflegten und sorglosen Frau weder hübsch noch sonderlich jung, die im stillen sehr erstaunte, als die Bedienerin ihr Alter niit achtzehn Jahren angab. wobei sie auf drollig gefallsame Art den Kropf drehte und wandte als ein Mädchen, das seiner Reize und Macht wohlbewußt ist.

So konnte auch diese kleine, von der Statur mit grober Hand gedrechselte, einfältig und derb, aber immerhin leicht gebildete Gestalt, dieses dürftige Gesicht, mit unruhigen, regellosen, durch Arbeit, Entbehrung und frühe Erfahrung ge­schärften Zügen, mit den törichten kleinen schwarzen Augen, die nicht den Verstand eines erwachsenen Menschen. Wohl aber die List eines geschmeidigen Tieres verrieten, mit einem halb lüsternen, halb kindischen Munde für Männer ihres Umganges als schön, gefährlich, ja betö­rend gelten. Frau Vries lächelte bei dieser Vor­stellung und überlegte die Frage nicht weiter, obgleich die Toni durch manche Wendung des Gesprächs die Aufmerksamkeit ihrer Herrin ge­rade auf ihre weiblichen Reize und Schicksale mit bescheidenem, doch sicherem Selbstbewusstsein zu lenken suchte. Hierüber hatte sie ihre Arbeit zu tun verrichtete sie ordentlich und eifrig und mehr kam nicht in Betracht.

Da sie inständig aufs Verdienen aus war und bei der Ungeschicklichkeit solcher Personen in Geldsachen leicht geprellt werden konnte, kaufte ihr Frau Vries ein Sparkassenbuch und legte ihr den Teil des Lohnes, den die Zugeherin all- nionatlich zu erübrigen erklärte, ein. Die junge Person schien dadurch von einem plötzlichen Eifer des Sparens und einer wahrhaften Geld­wut erfaßt, so daß Frau Vries sie einmal fragte, ob sie etwa eine zweite Bedienung übernehmen wollte sie kam nämlich morgens nicht vor acht, nachmittags erst nach vier und nur immer auf eine Stunde, da konnte sie leicht auch anderwärts eine ähnliche Beschäftigung versehen. Und Frau Vries wußte' zufällig eine, bei einem Kapitän der Donaudampfschiffahrtsgesellschast. einem Ju­gendfreunde ihres Gatten. Zur Zeit der ge­schloffenen Schiffahrt im Winter und wenn sein Dampfer sonst zwischen einer Reise und der nächsten im Hafen lab, hatte er eine kleine Wit­werwohnung in der Nähe inne. die er von einer verläßlichen Person im Stand gehalten wissen wollte. Die Toni stimmte aufs freudigste zu, stellte sich dem Kapitän vor, wurde ausgenom­men und berichtete es der Frau Vries begeistert und dankbar, nicht ohne zu beteuern, wie der Herr Kapitän noch so jung und ein so hübscher Alaun sei, wobei sie sich ängstlich umsah und slüsterte, derTatti" dürfe nicht wissen, daß sie bei einem Junggesellen diene, er sei so viel streng.Alte Mann" nickte sie spöttisch bedau­ernd. Frau Vries machte sich über die Geheim­nisse ihrer Bedienerin keine Gedanken weiter, als höchstens, daß der Ziehvater um die Ehre seiner Pflegetochter besorgt, vielleicht Gefahren für ihre Tugend fürchtete, die indes bei dem fei­neren Geschmacke des Kapitäns wohl unange­fochten blieb, wenn sie sich nur sonst hinreichend bewährte.

Einmal hatte Frau Vries ein paar schwere Sendungen aus der Heimat ihres Gatten zu be­ziehen, und es handelte sich darum, wie man die Kisten voni Nordbahnhofe in die Wohnung schaffen sollte, ob mit Hilfe eines Spediteurs oder durch einen Lastträger. Herrn Vries fiel bei, daß etwa Tonis Ziehvater gern das Ge­schäft übernehmen würde. Die Bedienerin be­jahte hocherfreut, und so rückten die beiden am Nachmittag schwer beladen, hochatmend und er­hitzt an und derTatti" betrat mit seinem breit­spurigen Schritt die stille Wohnung der Ehe­leute. Er nahm seine Kappe vom Kops, streckte dem Herrn Vries seine Rechte hin und schüt­telte dessen Hand lange und kräftig, stand freundlich und als ob es gar nicht anders sein dürfe, als ein deutscher Bauer und Mann dem andern Manne wie ein gleicher gegenüber und begann mit seiner schweren Zunge, doch mit an­ständigen Worten eine ausführliche, geordnete Ansprache, während seine Ziehtochter hin und her trippelte, verlegen kicherte und Gesichter schnitt. Er wisse schon, daß seine Toni hier bei anständigen Leuten diene und wohl aufgehoben

sei, denn er habe genau auf sie acht, so ein Mä­del sei leichtsinnig und werfe sich wie ein Fetzen auf die Männer. aber das leide er nicht, er müsse sie halten, sie habe ihn schon genug gekostet und sei zu dumm, zu wissen, ivas sie Ihm schulde. Wenn er ihr auf etwas käme, würde er sie sicher­lich erschlagen. Der Herr Vries denke sich wohl, wie es einem zumute sei, der bei seinen Jahren und bei Frau und drei Kindern eine so Junge halten müsse. Und darum freue er sich, sie bei guten Leuten zu sehen, dafür sage er auch schö­nen Dank. Damit empfahl er sich dann ebenso auf gleich zu gleich, wie er sich eingeführt hatte, drückte den Herrschaften die Hand, machte eine auf seine Art höfliche und stolze Verbeugung, nahm den Lohn für die geleistete Trägerarbeit und stampfte aus dem Zimmer, nachdem er der Toni noch einen strengen Blick zugeworfen hatte.

Die lachte.

So wurde allmählich das eigentümliche Ver­hältnis der beiden deutlich, und Toni erzählte, ohne gefragt zu werden, ihre Schicksale.

Noch fast ein Kind mit dreizehn Jahren ivar sie aus ihrem Dorf als Magd zum Müller Wal­zer, ihrem gegenwärtigen Ziehvater, gekommen. Seme Mühle lag in einer fruchtbaren Gegend Mährens unter deutschen und slawischen Bau­ern, war aber mit etlichen Satzposten von Ge­schwistern, Darlehen von Verwandten und Freunden nahezu bis zum vollen Werte belastet und konnte nur durch den angestrengtesten Fleiß des Besitzers und seiner Frau erhalten werden. Beide standen bereits in den Vierzigern, der Mann in der späten Reife, die den Bauern erst zu einem freieren Schalten seiner inneren Kräfte befähigt, die Frau aber durch Geburten und schwerste Mühe im Felde, zu Hause, auf der Mühle erschöpft und übermüdet, vor der Zeit alt, zu einem jener schwerblütigen und dürf­tigen Lasttiere erniedrigt, besten weibliche Re­gungen sich beschämt unter das Bewußtsein der Unbegehrtheit verkriechen. Drei Knaben von acht, fünf und vier Jahren wuchsen im Haufe. Zu ihnen, aber auch zur Hilfe in der Mühle und. auf dem Acker wurde diese junge Magd gedungen und stellte sich mit der ihr eigenen Behendigkeit ganz wohl an. Sie schob sich hur­tig umher und ihr Wesen, ihre Blicke und Be­wegungen mochten auf den Müller einen ge­fährlichen Reiz ausüben, dem er um so weniger widerstand als er ihn zum ersten Male spürte, wie so oft die eigentlichen-Erlebnisse des Mannes seinen Jahren spät und darum wie ein entsetz­licher Widerspruch der Natur Nachfolgen. Er ergreift ihre unerwartete Lockung und verfällt ihr desto wehrloser, je eitler er sich als Gebieter glaubt, wo ihm geboten ist.

Der Müller Watzer überraschte die Magd im Halbschlummer. Ahnte sie längst, was ihr, was ihm bevorstand, oder lag in der allgemeinen Zu­gänglichkeit dieses frühreifen Alters auf dem Lande ihr Wille schon aufgeschlossen, noch ehe er zu wollen brauchte, wußte sie. was sie, tote sie war, meinte sie, auch hierin dem Herrn ge­horchen zu müssen wie in allem andern sonst, er stürzte sich auf sie, übermannte sie und sie litt es ohne sonderlichen Widerstand, vielmehr sie schien es erreicht zu haben. Erst bestürzt und beschämt, wurde der Müller bald dieses Erleb­nisses froh, das ihm eine übergangene Jugend mit um so höherer Lust wiedergab und damit ein Vollgefühl seiner selbst. das er vorher nie gehabt. Ebenso gefiel sich das kleine Ding als früh erwachtes, begehrtes, im Besitze besitzendes Wesen, lecker auf den Genuß, mit der natür­lichen,, noch ungetrübten Anlage zu locken, zu verweigern, zu herrschen und mehr im Spiel, als im Ernst sich selbst und den Mann zu ver­spüren. In allen Winkeln der Mühle, in den engen Holzgängen, über dem gurgelnden Was­ser^ an Mehlsäcken, in Hecken, an Wearainen, im freien Feld, bei Tag und bei Nacht, überall und zu allen Stunden schien das Wiegen und Nei­gen, Sichentziehen und Suchen des lüsternen Ge­schöpfes und das schwerfällige Nachgehen des Liebhabers zu leben, das Gefühl ihres wider­strebenden und gewährenden Mundes, ihr eigen­tümlicher Geruch zu wehen, die Spur ihres sich in der Hingabe entwindenden Körpers zu haf­ten und die Erinnerung an das Gemeinsame die Erwartung des gleichen Wiederkehrenden stän­dig zu verstärken. So war jedes Ding im Um­

kreis des kleinen Anwesens von dieser einen be­herrschenden Vorstellung sprechend gemacht und teilte mit, was es empfangen hatte: indem es tausendfältig das eine schmähliche und glückliche Schicksal widerspiegelte. Das blutunterlaufene Auge der unstillbaren Begierde sah nichts mehr, als dieses eine Bild unerschöpfbarer. einfältiger Paarung. Der Müller kannte seinen Zustand und mochte ihn nicht verbergen, was er trieb, -verriet ihn und die hohe Zeit seines Glückes, der Taumel und Rausch der Befriedigung jetzt, die angstvolle Eifersucht dann, die Pein des Ge­nussech der Stolz des Besitzes, die Angst vor dem Verlust und der Eifer, sich die immer wie­der zu bewährende Mannheit von neuem zu-er» weisen, ließen ihn mit völliger Schamlosigkeit oder mit gerechter Aufrichtigkeit zur Schau tra­gen. was er tat. kein Tier fürchtet das Mit- wiffen der Menschen, und im höchsten Auf­schwung seiner natürlichen Triebe mochte sich der Mann sogar mit Stolz zum Tier erhoben, nicht erniedrigt fühlen. Konnte ihm überdies die Achtung der Menschen, die Familie, irgendwer auf der Welt ersetzen, was seine Mannheit ihm allein und im Uebermaße schenkte?

Ein Leben, das in einen Augenblick Unend­liches zusammenpreßt, achtet das Um und Auf der Dinge und Zeit geringer, als das Gras, das es zerdrückt. Der Einfältige wußte um solche Gedanken nicht, aber er empsand sie ohne Zweifel. Seine Umgebung sah, wie er in sei­nem eigenen mehr, als im Netz dieses Kindes verstrickt war. Seine Verwandten machten ihm Vorstellungen, er beschimpfte sie und spie vor ihnen aus, als seien sie, nicht er schamlos, zu verargen, was sich so von selbst verstand, feine

g rau sah ihn zuerst mit betrübten Blicken an.

r vermied es anfangs, ihr nahe zu kommen. Dann aber begegnete er dem ungesprochenen Vorwurf mit aufgeregter Empörung, mit Droh­ungen und gewalttätiger Prahlerei, als wolle er gerade ihren Zorn und Widerstand heraus­fordern und begehre, den Ueberschnß seiner Kraft gegen alle Welt zu wenden. Da sie nun wirklich zu klagen, ihn zu beschwören, zu bitten begann, antwortete er mit Schlägen, er warf, was ihm zur Hand kam, nach der Lästigen, er beutelte die Kinder, die zutraulich wie sonst sich ihm näherten, die Frau mußte sie wegbringen, um sie vor seiner Wut zu schützen, bis sie still und ängstlich davouschlichen und ihm aus deni Wege gingen, der sie als Ausgeburten eines un- gelebten Lebens Hatzte. Er vernachlässigte die Wirtschaft und Arbeit, die häuslichen Zankereien trieben ihn zum Trunk, alle Gasthöfe und Schnapsbuden sahen den bisher Fleißigen als neuen Stammgast. Hier wollte er vergessen, was als gespenstiger Verdruß wiederkehrte. wenn er sich seinem Hause, den Seinigen näherte, und hier wollte er sich zu seiner einzigen Leidenschaft stärken, die ihn über sich selbst hinaustrug und frei machte. Denn die Leidenschaft ist die ein­zige Freiheit des Elenden.

Die unablässigen häuslichen Auftritte führten endlich einen Zustand der Erschlaffung herbei; die Frau verzichtete auf jeden Kampf, gehorsame Freundlichkeit, wortlose Ergebung sollten ihr den Mann, seinen Kindern den Vater erhalten. Damit hoffte sie, ihn wenigstens aus dem Trunk zu ziehen und für die notwendige Arbeit der Wirtschaft wiederzugewinnen. Wunderlich ge­nug trug sie Scheu, mit dem Mädchen selbst über dessen Schuld zu reden, vielmehr blieb es unangefochten, als ginge es nichts von allem an vielleicht auch weil der Bauer davorstand. Erst lange nach der Einkehr des Unglücks, von ihren Verwandten aufgehetzt, wies sie das Mädchen bei Nacht aus dem Haufe, als einmal der Mann fort war. Heimgekehrt, vermißte er die Magd auf dem Heuboden, wo er sie suchte, brüllend polterte er durch alle Stuben, sie fordernd und rannte davon, ihr nach. Wenn er sie nicht irgendwo finde und wieder herschleppen könne, drohte er dieses Haus mit allem, was darin war. bis auf den nackten Boden niederzubrennen. Die Frau wußte, dies Versprechen würde er halten. Er blieb tagelang aus. seine Suche durch wiederholte Räusche in den Wirtshäusern unter­brechend. Die Toni strolchte gleicherweise auf den Landstraßen umher, da sie nicht in ihr Dorf zurückzukehren wagte. So verstrichen für die Müllerin entsetzliche Tage. Endlich entschloß sie

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