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^ Jede Woche ein Werk
Die ßesten Romane und Novellen aller Zeiten und Volker
25 Pfennig die Nummer » Vierteljährlich Mk. 3 —
Mittelalterlicher Legendenschah
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Gesta Romanorum
Di« Fülle bunter und phantastischer Geschichten, die wir beut« unsern Lesern bieten, entstammen dem ältesten Märeben- und Legenden bueb dea christlichen Mittelalters, genannt Gesta Romanorum, d. h. Taten der Römer. Ueber den Namen des Sammlers, der diese Geschichten zusamraengetragen hat, ist keine sichere Kunde auf uns gekommen. Die wissenschaftliche Forschung, welche dieses geheimnisvolle Literaturgebiet aufzuschlietfen versucht, hat ehedem angenommen, dal? es sich ursprünglich um zwei Sammlungen gehandelt hat. Um zwei in lateinischer Sprache abge- la#te Handschriften, von denen die eine auf dem Kontinent, die andere in England geschrieben sein soll.
Von den Handschriften finden sich zahlreiche Varianten. Der älteste heute bekannte Codex stammt aus dem Jahre 1342, doch mul? man annehmen, dag di« Gesta Romanorum etwas Liter sind. Sie wurden immer wieder abgeschrieben und erlangten nach Erfindung der f Buchdruckerkunst eine noch weiter reichende Beliebtheit. Vor allem in Deutschland, wo *i« eich in ihrer ursprünglichen Form bis zur Reformation erhalten haben. Dann hat das neue deutsche Zeitalter mit seinem Hag gegen Rom sieh auch von diesen Taten der Römer abgewendet. Aber die von Luthers revolutionärem Geist ausgehende Bewegung hat sieh freilich des hier Vorgefundenen Stoffes nich\
völlig entledigen können, und viel Anekdotisches und Stoffliches ist in die neueren deutschen Volksbücher übergegangen und damit wieder für uns lebendig geworden.
So bilden gerade die Gesta Romanorum einen überaus interessanten Beitrag zur Geschichte der wandernden Dichtungen. In ihrer ersten Fassung schon. Der englische Forscher Dunlop bezeichnet die Gesta Romanorum als die wichtigste Vorratskammer der
König Salomo mit seinen Frauen hei der Tafel
italienischen Novellisten, und stellt fest, dag «s sich hier um Erzählungen des klassischen Altertums handelt, um arabische Märchen und Mönchslegenden in romantischem Gewände. Amüsant ist der Nachweis, wie in den ersten Geschichten oder Kapiteln die Helden der An tikc, feudale Einrichtungen und orientalische Bilder durcheinandergeworfed sind. Andere interessante Belege werden beigebracht für den Versuch, die Geschichte früherer Perioden und die antiken Dichtungen auf allegorische Weise zu erklären. So soll etwa der von seinen eige* nen Hunden zerrissene Aktäon ein Symbol der Verfolgung Christi sein.
In seltsamem Gegensatz zu der sittlichen Unbefangenheit vieler Anekdoten steht die jedem Kapitel angehängte Moral, in der man offenbar eine spätere mönchische Zutat zu erblicken hat. Dieser Anschauung tritt auch unser Ueber* «etzer Grässe bei (1842). Es scheint ihm ausgemacht, man habe unter dem Namen der Geschichte der Römer, eines Volkes, das auch im Mittelalter noch Interesse genug erregte, um es wünschenswert zu machen, «eine Taten kennen zu lernen, mystische und den katholischen Glauben unterstützen sollende Erzählungen unter die Geistlichen und gebildeten Laien einführen und verbreiten wollen.
Man mul? zugestehen, dal? dieses Brevier bei aller angehängten Frömmigkeit und Moralisatio oder moralisierenden Nutzanwendung ein recht unterhaltsames Büchlein war. Jedenfalls keine Lektüre für Mucker, eine Spezies mit der das lateinische Mittelalter noch nicht belastet gewesen ist. Sinnenfreude und Gläubigkeit konnten in diesem herrlichen Zeitalter gar artig nebeneinander wohnen. Damit man auch im Bilde sehe, wie schön es damals um die Naivität des Volkes bestellt war, haben wir unsere Ausgabe der Gesta mit einem Bildchen geschmückt, das ihr stofflich nicht angehört, aber den frohen Geist der Epoche widerspiegelt. Richard Elchinger.
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