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Martin Schleich:

Die letzte Hexe

Martin Schleich, gehören am 12. Februar 1827 in München und dort gestorben den 13. Oktober 1881.

Martin Scbleicb ist einer der wenigen, die von klein auf geschmückt mit der Schellenkappe des Schalksnarren durch die^Velt spaziert sind. Aus einer baronisierten Familie stammend, die den Adel später als entbehrlich ablegte, erging es dem früh Verwaisten, eines Forst­meisters Sohn, nicht zum besten. Bei kargen Mitteln nicht auf Rosen gebettet, entdeckte schon der Jüngling das befreiende Lachen. Und er wurde auf dem Gymnasium ein auf­merksamer, fleißiger Schüler, obgleich er sehr begabt war. In flottem Tempo ging es auf die Universität, wo man mancherlei Collegia mitanborte, Jura und Philosophie, ohne sich ernsthaft für solche ehrenwerte aber trockene Dinge dauernd zu entscheiden. Schleich war eine produktive Natur. Nachdem sich der Herr Studiosus in der damals berühmten GesellschaftMuseum als witziger Redner versucht, und unter dem Pseudonym M, E. Bertram imMünchner Tagblatt mancherlei satirische Glossen und Theaterkritiken veröffentlicht hatte, vollzog er den Uebergang zum Schrifttum. In der schnell weiter aus- gebauten ZeitschriftPunsch schuf sich Schleich sein eigenes V/itzblatt, das er ganz allein schrieb, und zu dessen Karikaturen er auch die Entwürfe skizzierte. Die erste Nummer des Punsch erschien am 30. Januar 1848 und brachte es bis zum Jahre 1871 auf vierundzwanzig Bände. Von Schleichs Humor und^Vesen hat der alte Hyacinth Holland folgende freundschaftliche Schilderung entworfen.: Schleich schlug mit der Pritsche seines Voitzes nach allen Dimensionen, nach oben und unten, rechts und links. Er schrieb nicht allein mit dem Kopf und Verstand, auch das Herz hatte sein Recht dabei. Zorn, AVut, Laune und Uebermut führten ihm die leidenschaftlich gallige Feder. Meist aber war es

doch nur der harmlose, echt süddeutsche Mutterwitz, der mit gemütlicher Derbheit etwas ungeschlacht herauspolterte. Sein Kern war immer grunddeutsch, bisweilen zog er auch ein weiß-blaues Fähnlein auf.

Im Jahre 1852 ließ Schleich eine TragödieNero drucken. Begründetere Aussicht auf Erfolg hatte ein altbürgerliches CharakterbildBürger und Junker, das 1855 zum erstenmal in München zur Aufführung gelangte. Für die Faschings-Dienstags-Vor­stellung des folgenden Jahres schrieb Schleich ein neues LustspielDas Heiratsversprechen, 1857 fand dann, wieder am Fastnachts-Dienstag, die Uraufführung des Volksschauspiels Die letzte Hexe statt. Jahrzehntelang blieb es Tradition des Münchner Hoftheaters zu Schleichs Gedächtnis diese harmlos lustige Posse im Spielplan zu halten. Für uns reprä­sentiertDie letzte Hexe jenes naiv unbekümmerte Theater der abklingenden Bieder­meierperiode. Ihr gehört auch Schleichs originelle Erscheinung an, trotz allen scheinbaren Protesten, die der kleine sarkastische Herr gegen die sogenannten Ideale ohne Unterlaß hervorbrachte. ^Vicbtiger als seine politische Betätigung in mancherlei Parteien bleiben heute Schleichs lyrische Arbeiten. Vor allem sind seine ausgezeichneten Nachdichtungen Jakob Baldes zu erwähnen. 1862 erschienen die gesammeltenVolksstücke in 2 Bänden. Ein hübsches Haus in der Stadt und ein Landsitz in Starnberg konnte Schleich schließlich sein Eigen nennen. Die philosophische Fakultät in München beschenkte ihn mit dem Doktorhut und es fehlte ihm auch sonst nicht an Ermunterungen und Beifall der Zeit­genossen. Nach kurzer Krankheit starb Schleich am 13. Oktober 1881, nachdem er sich nicht lange vorher eine Grabstätte gekauft, und folgende Inschrift bestimmt hatte:Hic Dr. Martinus Schleich jacet, tacet, placet. R. E.

Die letzte Hexe

Bolksstück in drei Aufzügen Personen:

Jörg von Stapfen. Stadtrichter Heiß, sein Beisitzer

Johann Hainstöckl, des tratmt Rats ge­heimer Sekretaruis

T u c&Vnger } ^MMeder des innerem Rats ftr au D ö pst lim. Weinschenkenswitwe §°»rad Student } ihre Söhne

Rosl, ihre Anverwandte

Rann i, alte Magd der ftrau Dövstlin

ft reut M eierlin. Bieribrauevswitwe

Hans, ihr Sohn

Datsherren

Der Rat dien«

Stadttrabanten

Die Handlung spielt in der ersten Hülste des dortigen Jahrhunderts

Erster Auszug Szene 1

N a n n i. Rosl, 's must dir doch ant tun in der Stadt herinnen. Die meiste Zeit tat Zimmer

; dta, ein Glas rrm's andere einfchenken. allemal 'agen:Geseg'ns Gott!", zu jedem Spatz, den o ein alter Kraxler macht, lachen, und sich ge­legentlich in die Backen zwicken tasten dazu gehört schon ein grrter Stadt magen.

Rosl. Ant tul's mir Wohl. Wenn ich beirniir zu Hans in der Schlafkammer zum Gncksensterl 'nausschan, ist's freilich viel schöner als da, wo man nichts sieht, als 'm Ddarkptatz seine Häuser. Obwohl ich 's sagen nrntz, daß rmr die vielen Mnttergottesbilder recht gefallen.

N a n n i. Sonst, n«in ich. hast du wohl nicht viel Heimiweh?

Rosl. Könnt' nit klagen.

Rannt. Man kann ja in der Stadt auch was finden. was einem gefällt.

Rosl- Wart! Du bist eine fteine! Siehst schon darnach aus.

Rannt. Ra, was geht's mich an; ich bin nur froh, wenn dich was halten kann, dahier, denn ich Hab dich recht gerir und müßt' weineir. wenn d' wieder fortgingst. Am Weich beim Spinnen unterhalten wir ums allezeit gar so gut.

Rosl. Muß sagen, d' ftrau Bas tut recht herzlich mit mir, und ich hab's gut in dem HanS. Rur der Xavers ist mir zuwider.

Ranni. In den ist sie wohl vergafft. Den hat sie sich verzogen!

Rosl Denk' dir ratr, was mir gestern pas­siert- Schleicht mir der Bub nach, auf'n Kasten- bodon, nimmt mich da 'rum und verlangt, ich soll ihm ein Birtzl geben.Geh weiter." sag' ich. sonst mach' ich dir ein' Schnuller und schlag dir 'n um's Maul" Laßt mich der Kerl rat aus und zwickt mich vor Zorn; letzt Hab' ich aber aus­geholt. und Hab' ihm eine auf sein' Backen 'nauf- g'salzen, daß mich selber d' Hand 'brennt hat. Da hat er geheult:Mer' Backen! Mei'Backen!" Recht so." sag ich.der soll dir auffchwellen und gleich so hoch werden wie ein' Pasteten!" Wie ich 'n heut früh sieh richtig hat er ein Tüchl nm's G'sicht, und ist ihm der Backen so hoch. Es hätf mich fast flrdjjcn, daß ich laut ge­lacht hätt'. aber er hat mitrij doch wieder er­barmt.

Ranni. Recht hast du getan. Seine Mutter steckt ihm alleweil zu. aber so was gesundes hat sie ihm noch nie zugesteckt, wie die Ohrfeige war. * * *

Szene 2

Konvad. Ranni! He! Niemand da? Ich meinte wahrhaftig, ich hätte sie eben am ften- ster gesehen. Oh, alte Ranni, ich hoffe, daß du noch immer die altealte Ranni" bist; du hast mich von Kindheit an iminer protegiert, hast die strenge Erziehung meiner Eltern so ver-

eil iWain