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V^ Jede Woche ein Werk

Die besten Nomane und Novellen aller Zeiten und Völker

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Ludwig Tieck:

Die männliche Mutter / Das Schicksal

Johann Ludwig Tieck, gekoren am 31. Mai 1773 za Berlin, und gestorben den . April 1853.

Die achtzig Jahre dieses Dichterlehens umspannen eine Zeit, reich an äußeren wie an inneren Erlebnissen. Im friederizianischen Berlin als Sohn eines Seilermeisters zur Welt gekommen, bezieht der phantastische Knabe 1792 die Universität Halle. Dem Studium der Literatur schließt sich schnell die eigene Produktion an. Er wird ein Hauptautor des durch seine Verstandeskühle berüchtigten berlinischen Aufklärers Nicolai, des einstigen Lessingfreundes, und schreibt in bunter Polge Romane und Novellen, denen sich später Dramen, Satiren und Gedichte anschlossen.

Das Hauptwerk seiner Jugend bildet die literarisch bemerkenswerteGeschichte des ^William Lovell**, ein ^Vüstlingsroman, wie wir heute sagen. Dann gibt er mit denVolksmärchen von Peter Lebreoht" den verheißungsvollen Auftakt zu seinem Romantikerleben.

Die Literaturgeschichten werden Tieck nicht ganz gerecht, seine Gestalt und Art bilden eine so charakteristische Erscheinung in Deutschland, daß man sich mit dem Urteil, es habe Tieck die eigentliche schöpferische Dichterkraft gefehlt, daß wir uns mit dieser Ver­neinung nicht begnügen wollen bei diesem Vielseitigen von Bedeutung.

Ueber die Ziele der romantischen Schule und ihre Dichter sind dicke Bücher geschrieben worden, das berühmteste von Hayn, das man heute noch mit Gewinn lesen kann. Das Wesen der Romantik läßt sich wohl nicht einprägsamer übersetzen als mit dem Worte Sehnsucht. Die Romantiker waren Leute, die Sehnsucht hatten. Anfänglich ohne Richtung, später orientiert nach den Herrlichkeiten des deutschen Mittelalters. Nach der Nieder­werfung der Napoleonischen Zwingherrschaft besann sich die deutsche Seele auf sich selbst, und die Dichter sprachen aus, was sie bewegte. Es war eine reiche Zeit, und sie war

erfüllt von hochgespanntenHoffnungen auf eine neue Entfaltun g aller lebensbejahenden Kr äfte. Der Rhein wurde neu entdeckt und das deutsche Rittertum. Und das war keine ode offizielle Kunst, sie kam aus dem Herzen des Volkes, wenn auch ihre Sänger und Wort­führer literarische Menschen waren. Hätten die Fürsten damals ^Vort gehalten, und die verheißene Freiheit in deutschen Landen wirklich aufgerichtet, so wäre diese Epoche der seelischen Erneuerung nicht zusammengefallen mit jener häßlichen Periode Metternich­scher Polizeiherrschaft, die jeden politisch anders denkenden grimmig verfolgte. Dergestalt, daß die deutsche Biedermeierzeit von 182048 bei zwar bequemen Lebensgewohn­heiten identisch ist mit der Entwicklung des neuen absolutistischen Regimes.

Ludwig Tieck, als dem Dichter der Freundschaft, fehlten auch solche Beziehungen im Leben nicht, und die Namen Novalis, Fichte, Scbelling, Brentano, die beiden Schlegel nnd andere bezeichnen den Kreis seiner lebendigsten Freundschaften. Daß ein Teil der Romantiker Tieck zum Genie proklamierte und ihn gegen Goethe ausspielte, der ganz an die Antike hingegeben war, hat mancherlei Unfrieden gestiftet.

Freundschaftliche Beziehungen waren es auch, die Tieck ermöglichten, seinen ^Wohnsitz nach dem Landgut Ziebingen zu verlegen. Seit 1798 mit der Tochter des Predigers Al- berti verheiratet, unternahm er große Reisen und siedelte sich 1819 in Dresden an. Hauptwerke dieser Periode:Franz Sternbalds ^Wanderungen,Prinz Zerbino, das satirische DramaDer gestiefelte Kater, das Genoveva -Trauerspiel. Glänzende Shake- speare-Uebersetzungen und die Don Quichote~Uebertragung.

Seit 1825 entfaltete Tieck als Dramaturg des Dresdner Hoftheaters eine künstlerische Tätigkeit, die dem Begriff des Dramaturgen eine nicht wieder erreichte Tiefe und Be­deutung gegeben. Großartig soll der Eindruck gewesen sein, den Tieck als Vorleser Shakespearischer Dramen gemacht hat, unmittelbar wirkend so von Geist zu Geist. R. E

Oie männliche Mutier

Gerade in einer der besten Reden, die einer der berühmtesten Prediger von der Kanzel hielt, war es. in welckier der junge Baron von Biederfeld seine Annen auf das junge, sitt­same Fräulein von Bergen warf. Die Kirchen dienen sehr oft zum Gottesdienste der Liebe, und die beiden jungen Leute sahen sich hier oster; er ginn ihr nach, wenn sie die Kirche verlieb und fand jedesmal Gelegenheit, ihr etwas Verbindliches zu sagen, oder ihr in dem Gedränqe den Arm zu bieten, so dah die arme Amalie icdesmal mit einem feuerroten Gesicht aus der Kirche in die freie Lust trat.

Ihrer Mutter, die eine sehr kluge Frau war. entgingen, trotz ihres scharfen Blickes, alle diese Kleinigkeiten, wie es denn sehr oft bei verstän­digen Leuten der Fall ist. Sie erhalten ihren Scharfsinn in einer ununterbrochenen Tätigkeit und übersehen völlig eine ALenge von gering- fügigen Umständen, die nur gar zu oft im Fortlaufe der Zeit ihre klug ausgedachten Pläne zertrümmern. Amaliens Mutter war eine Frau mit einer fast männlichen Gemütsart; sie hatte in ihrer Jugend viel gelesen und gedacht, ja sich selbst mit einigen Fächern der Gelehrsam­keit bekannt gemacht, ^hr Vater hatte sie früh an einen Manu verheiratet, der ihr gleichgül­tig war und den sie nach der Hochzeit nur aus Pflicht und Gewohnheit liebte. Ihr waren

daher alle Empfindungen der Liebe und ihre Leiden und Freuden unbekannt geblieben. Die Liebe ist es eigentlich, die dem edlen Charakter die letzte Vollendung geben must; bei ihr waren bei allen Vortrefslichkciten die rauhen und widrigen Ecken geblieben. Sie hatte ihre Toch­ter nach einem eigenen System erzogen, das sic aus keinem Buche gelernt hatte; sie hatte vorzüglich gestrebt, Amalien zu ihrer Vertrau- ten zu nilachen. Me ihr keinen ihrer Gedanken, nicht die unbedeutendste ihrer Empfindungen, verschwiege; es war ihr auch bis in das acht­zehnte Jahr chrer Tochter gelungen, so dah das Verhältnis zwischen beiden mehr wie zwischen zwei Geschwistern war, als wie man es ge­wöhnlich zwischen Eltern und Kinder findet.

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