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„Oie Weli.Literaiur" 1919 3Jr. 32 Ludwig Tieck: Oie männliche Mutter / Das Schicksal
Wer in dieses achtzehnte Jahr fiel dre merkwürdige Predigt, in welcher sich Biederfeld und Amalie zum ersten Male sahen. Wer kann die magische Kraft beschreiben oder begreifen. me so oft in einem einzigen Blick eines schonen Auges liegt'? Amalie konnte dem Zuge gar nicht widerstehen, der jedesmal in der Kirche ihren Kopf dahin drehte, wo Biederfeld stand, und Bieüerfeld hatte ledesmal eine solche Stellung gewählt, dgtz er in der ganzen Kirche nichts weiter als seine geliebte Amalie leben konnte.
Man traf sich von ohngefähr in Konzerten und in der Komödie, maii sprach Miteinander und hatte sich hunderterlei unbedeutende Sachen zu erzählen. Biederfeld hätte gern um die Hand des Mädchens angehaltcn, allein sein Vermögen war zu klein, mn diesen verwegenen Schritt zu wagen, und da er wußte, daß die Frau von Bergen zwar so viel besaß, um mit ihrer Tochter anständig leben zu können, aber nichts weniger als reich lvar, so verwünschte er in manchen Stunden den Zufall. seine Arnrut und die drückenden Verhältnisse unserer Welt. Hundert- mal nahm er sich vor, Amalien zu vergessen und sie nicht weiter aufzusuchen, und das Schicksal spielte ihm immer dem Streich, daß er sie noch an demselben Tage irgendwo sah, und wenn er nur einen einzigen streifenden Blick ihres glänzenden Auges auffing, so hob ein Seufzer seine Brust, und alle seine Vorsätze kamen ihm so abgeschmackt vor, daß er sich selbst hätte verachten müssen, wenn „ er noch weiter daran gedacht hätte, sie auszuführen.
Amalien ging es fast ebenso. Sie konnte,, es selbst nicht begreifen, warum es ihr unmöglich sei. ihrer guten Mutter von Biederfeld und seiner Schönheit zu erzählen. Sie hatte schon oft feinen Namen auf der Zunge, aber wenn ihr dann der gütige, aber doch ernste Blick ihrer Aiutter begegnete, so schlug üe beschämt die Augen nieder und fing irgendein gleich- flültiges Gespräch an, das ihr doch wichtiger als chre Liebe dünkte.
Es kam aber bald eine Zeit, wo sie aus einer anderen Ursache schwieg. Jetzt kamen ihr ihre Empfindungen nicht mehr kindisch und abgeschmackt vor so daß sie üe aus Scham verbarg, sondern sie fühlte sich nun über, ihre Mutter erhaben, sie machte aus ihrer Liebe ein Geheimnis, weil sie sich einbildete, kein anderes Wesen könne die hohen und lautern Empfindungen ihres Herzen begreifen, jedes fremde Ohr dünkte ihr nnheilig, um ihm den Namen Äiederfeld und ihre Wünsche anzuvertrauen. Sie ward fetzt irachdenkend und liebte die Einsamkeit; sie las Gedichte mit Entzücken, und faß stundenlang in Träumereien verloren, so daß sie nichts sah und hörte, was um sie her vorginn, und wie aus dem Schlafe anffuhr, wenn die Mutter üe zuweilen rief. Diese aber bemerkte noch immer nichts, sondern meinte, das lustige, flüchtige Mädchen komme nun nach und nach zu Verstände.
So gewiß ist cs daß alle Menschen, die wir im genieinen Leben klug und verständig nennen. nur bis auf eine gewisse Linie mit ihrer Klugheit reichen und sich jedesmal verrechnen, wenn sie sich weiterwagen. Me Frau von Bergen hatte nie geliebt; sie verstand also alle Symptome der Liebe an ihrer Tochter unrecht. Ihre Erziehung bis dabin war sehr gilt und konseauent gewesen, sie batte für alle Fälle stets die besten und wirkendsten Mittel in Bereitschaft. Aber hier verließ üe ihr guter Genius völlig, so daß sie ihre Tochter ganz frei und ungehindert dm Weg geben ließ, den sie sich selber ohne alle airdere Beihilfe gebahnt hakte.
Es gab freilich auch manche Stunden, worin Amalie sich das unvernünftige ihrer Leidenschaft vorwarf, und wenn nur jemand gewesen wäre, dein sie sieh ganz hätte vertraiien können, so wäre auch ihre Heilung vielleicht nicht unmöglich gewesen. Liber vom ersten Augenblick hatte ihre Liebe den Reiz des Geheimnisvollen bekommen: das bewog sie, alles, ivas vorfiel, jeden Blick und jede unvermutete Zusammenkunft jedes gesprockune Wort und jede kleine Aufmerksamkeit als ein heiliges Geheimnis zu betrachten, dessen Verrat ihr Unglück machen würde. — Er war so schön und liebte sie so innig, wie hätte sie so graufani fern können, ihn nicht mit aller Zärtlichkeit wieder zu lieben?
Er drückte ihr eines Tages ein Billett in die Hand, so daß es niemand bemerkte. Sie besann sich am Abend lange, ob sie es lesen sollte. ia sie hatte schön angefaiigen, sich auszuziehen, um sich schlafen, zu legen, als sie es dennoch er
brach und unter bangem Herzklopfen folgende Worte las:
„Die Liebenswürdigste ihres Geschlechts verdient auch die höchste Liebe; für Sie war mein Herz geschaffen, weil es der Liebe am meisten fähig ist. Vom ersten Augenblicke, in welchem ich Sie sah, war es Ihr Eigentum. Die Bande, die mich fesseln, sind zu süß, als daß ich jemals streben könnte, sie zu zerreißen: aber wäre es Ihnen wohl möglich, für die heftigste Liebe unenrpsind- lich zu bleiben, wenn das höchste, das einzige Glück meines Lebens darin besteht, Ihnen n>icht gleichgültig zu sein?"
Amalie las das Billett, und las es immer wieder von neuem; sic wußte es schon auswendig, als sie noch immer nicht den Inhalt ganz begriffen hatte. Sie überlegte dann lange, wie sie sich nehmen solle; sie ergriff die Jeder, um in ein Paar Zeilen zu antworten, und kam in zehn Briefen, ohne- daß sie es bemerkte, in so weitläufige, rührende Tiraden hinein, in denen sie von Unglück und Liebe, von Sehnsucht und Unmöglichkeit, Tränen und Verzweiflung durcheinander sprach, daß sie vor sich selber erschrak und es nur nach einer großen Selbstüberwindung dahin brachte, daß sie ihrem Liebhaber in wenigen und zweideutigen Worten Bescheid gab. Sie legte sich hierauf zu Bette, konnte aber die ganze Nacht nicht schlafen.
Die Erklärung von beiden Seiten ivar nun förmlich geschehen, und mit der Annahme des ersten Briefes war zugleich eine große und ununterbrochene Korrespondenz eröffnet. Der Liebhaber fand fast an ;edem Tag Gelegenheit, seinem Mädchen einen Brief zuzustecken oder zustecken zu lassen. Geheime Zusammenkünfte wurden veranstaltet, und alles ging den Weg. den solche Intrigen gewöhnlich nehmen; das Geheimnis wird zur Gewohnheit, und mit jedem Tag werden neue Billekte geschrieben oder neue Zusammenkünfte veranstaltet.
Einige aufmerksame Beobachter, deren Geschäft es ist. alle Anekdoten und Familienvor- fälle zu wissen, und die iiber aller Liebschaften ein förmliches Register halten, wollten nach einem halben Jahre bemerken, daß sich Biederfeld und Amalie weit seltener an öffentlichen Oertern sähen, weit weniger miteinander sprächen und sich oft beide zu vergessen schienen. Sie schlossen auf einen Zank, am eine Külte, die getvöhnlicherweise irgend einmal bei solchen Begebenheiten eintritt und oft durch die kleinsten Zufälligkeiten veranlaßt wird. Ob sie sich irrten oder nicht, wird der Leser aus dem Verfolge dieser Erzählung erfahren, aber Amalie gab ihnen wenigstens zu ihren Schlüssen alle Gelegenheit, denn sie war außerdem zerstreut und traurig, man benrerkte. daß sie oft für sich seufzte; ein geheimer Kummer schien an ihrem Herzen zu nagen.
Ihrer Mutter selbst war seit einiger Zeit diese Veränderung im Wesen Amaliens mifaefallen; sie hatte aber nur wenig daraus geschlossen, weil sie überzeugt war. ihre Tochter würde sich ihr schon entdecken, wenn sie irgend etwas ans dem Herzen hätte. Amalie aber entdeckte ihr nichts, sondern bat bloß um die Erlaubnis, irgendein musikalisches Instrument lernen zu dürfen; sie wählte vor allen übrigen die Laute, und sagte, sie hätte von eurem Frauenzimmer sprechen hören, das sie vorzüglich gut spiele; man schickte nach dieser, und Amalie nahm täglich eine Stunde.
Bei den ersten Stunden war die Mutter selbst zugegen und freute sich über die schnellen Fortschritte. die ihre Tochter machte. Amalie begriff in kurzer Zeit die Anfangsgründe der Kunst, und ihre Lehrmeisterin war anßerordent- lich mit ihr zufrieden. Die Mutter, die oft Besuche m geben hatte, oder durch ein anderes Geschäft abgehalten wurde, ließ ihre Tochter nachher in ihren Lehrstunden allein, und schon nach einigen Wochen konnte ihr Wialie am Wend kleine Arien auf ihrer Laute Vorspielen.
Plötzlich blieb die Lehrmeistevin aus; sie schien verschwunden., denn niemand konnte von ihr Nachricht geben. Die Mutter war betrübt, daß die Lehrstunden unterbrochen wurden, und Amalie noch mehr, die gerade im Begriff gewesen war. auf der Laute eine Künstlerin zu werden. Amaliens Betrübnis kehrte wieder, und die Mutter erkundigte sich von selbst bei ihr. was chr fehle, erhielt aber keine befriedigende Antwort
Um diese Zeit ward eine Vermählung bei Hofe gefeiert, und die öffentlichen Lustbarkeiten, die Pracht der Residenz zog den Adel der Pro
vinzen nach der Hauptstadt. Unter den Fremden. die täglich ankamen, befand sich auch der Graf Holfeld, einer der reichsten Edekleute und aus einer der angesehensten Familien. Er war ein Mann, der durch seine angenehme Bildung und durch einen edlen Anstand sich jedermann empfahl; er war dreißig Jahre alt und hatte sich auf Reisen gebildet. Er besaß nicht jenes abgeschniackte. galante Wesen vieler junger Herren, aber seine Unterhaltung war dafür auch um vieles angenehmer iinü verständiger, wenn nämlich der, mit dem er sprach, Verstand genug hatte, um seinen Witz zu verstehen.
Der Graf sah Amalien von ohngefähr im Theater, und vom ersten Augenblick interessierte er sich für sie; er machte die Bekanntschaft der Adutter und war häufig und am Ende fast täglich in ihrem Hause; er versäumte nichts, um seine Aufmerksamkeit für Amalien zu beweisen, er war ihr Begleiter zu allen Konzerten und Bällen, und die ganze Stadt sprach schon von ihm als dem künftigen Gatten des Fräuleins von Bergen, als Amalien dieser Gedanke nach gar nicht eingefallen war.
Die Mutter sah die Zuneigung des Grafen mit Wohlgefallen; sie hatte bis jetzt ihrer Tochter in Ansehung ihrer Hand völlige Frecheit gelassen und schon mehrere Partien zurückge- wiesen. weil die Liebhaber nicht gewußt hatten, sich Amaliens Liebe zu erwerben. Sie war überzeugt, ihre Tochter würde die Verdienste des Grafen erkennen und nichts gegen seinen Antrag einzuwenden haben. — Amalie schien auch dem Grafen entgegenzukommen; ihre Heiterkeit kehrte etwas zuruck, und sie war sehr gern in seiner Gesellschaft.
Die Mutter irrte nicht, wenn sie einen Hei- ratsantrag des.Grafen erwartete, denn kaum waren vierzehn Tage verflossen, als der Graf ihr seine Vermöge:csumstände auseinandersetzte und um die Hand ihrer Tochter bat. Sie ant- wvr.'iete, daß dies ganz allein von, Amalien abhinge. Der Graf verließ sie. und die Mutter ließ die Tochter rufen, um sie selbst um ihre Neigung zu fragen.
Das Zimmer ward verschlossen, und die Mutter fing an: Liebe Tockiter. du hast gesehen, daß es nie meine Absicht gewesen ist. dich zu irgend einer Heirat zu zwingen, wenn die Partie mich noch so vorteilhaft war; ich habe alles immer auf dernen Ausspruch ankommen lasten. Der Graf hat um dich angehalten; sage mir auf- richtig, kannst du ihn lieben?
Ich erkenne, antwortete Amalie, die Vorzüge des Grafen, ich schätze ihn so, wie ich bis jetzt noch keinen Mann geschätzt habe, ich würde an seiner Seite eine glückliche Gattin sein, aber liebste Mutter, ich kann ihn nicht heiraten!
Du achtest ihn. du würdest mit ihm glücklich sein und kannst ihn doch nicht heiraten? Wie verstehst du das?
Amaliens Augen fiossen von Tränen über; sie stand ans und sank zu den Füßen ihrer Mutter nieder, sie schluchzte und konnte nicht sprachen. Ein gewalttger Schmerz schien ihr Inneres zu erschüttern, einzelne Ausrufungen entfuhren ihr unwillkürlich.
Was ist dir. meine Tochter? rief die Mutter aus. Was ist dir. mein Kind? — Dein Herz wird zerrissen: schütte dein Leiden aus in den Busen deiner Mutter.
Llcki! rief Amalie, Ihre Tochter ist sehr unglücklich. Darf ich Ihnen mein Unglück vertrauen? Wird sich Ihre zärtliche Liebe nickst in Haß und Wscheu verwandeln? — Ach nein, denn meine innere Qual, meine Verzweiflung hat mich schon hinlänglich bestraft.
Nun. so rede, meine Tochter! O ich unglückliche Mutter! Sollte ich mich in dir geirrt haben? — Sollte alle meine Zärtlichkeit, meine liebevolle Sorge unnütz gewesen sein? —
. Ich will Sie nicht hintergehen, sagte Amalie mit einem schmerzlichen Ton; ich habe Sie lange genug hintergangen, aber jetzt will ich aufrichtig, sein. , — Ia, Mutter. Sie sehn zu Ihren Füßen ein unglückliches, ein verführtes Mädchen, das desto unglücklicher ist. da der geliebte Verführer sie nach dem Verlust ihrer Unschuld verlassen hat.
Die Mutter erschrak. Welcher Schmerz, von ihrem einzigen, geliebten Kinde dies Bekenntnis zu hören; sie betrachtete sie lauge stumm, dann hob sie sie sanft von der Erde auf und schloß sie in ihre Arme.
Du bist doch mein Kind, meine geliebte Tochter, rief sie aus. — Laß uns jetzt daran denken, wie wir dem Unglück erletchterii, statt darüber zu klagen. Trockne deine Tränen und vertraue dich nur ganz; dieser Fehltritt wird dir
