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„Die Weli'Ltteraiur" -19-19' Nr. 3S E. von Wlldenbruch: Oie Sana,de
Theaterstück mit sozialem Hintergrund: „Die Haubenlerche'*. Mit der im gleichen Jahre wie das Volkssück „Der Junge von Hennersdorf" veröffentlichten Tragödie „Heinrich und Heinrichs Geschlecht" (1896) gewann der Dichter nochmals den Schillerpreis. Von späteren dramatischen Dichtungen seien genannt: „Die Tockter des Erasmus" (1900), „Die Lieder des Euripides" (1905), das seit kurzem erst von einem unbegreiflichen Zensurverbot befreite, immerhin patriotische, wenn auch nicht absolut V^iihelminische Trauerspiel „Der Generalfeldoberst" (1869). Und endlich das populär gewordene, bürgerlich-romantische Ritter- u. Repertoirestück „Die Rabensteinerin" (1907). Autobiographisches enthalten u. a. die nachgelassenen „Blättter vom Lebensbaum" (1910). Wildenbruchs gesammelte Werke begannen i912 in einer auf 20 Bände berechneten Ausgabe zu erscheinen. Heraus
gegeben von Berthold Litzmann, Wildenbruchs tatigem^Freund und Biographen, der in einem breitangelegten zweibändigen V^erke ein grundlegendes Lebensbild vom Schaffen des Dichters geboten hat.
Die Gegenwart wird der dichterischen Persönlichkeit ^Vildenbruchs wieder mehr gerecht werden. Als der Vielumstrittene noch mitten im Kampf des Tages und des Marktes stand, hatten jene Unrecht, die aus ihm einen deutschen Shakespeare machen wollten, aber ebenso die anderen, die Wildenbrucha pathetische Jambenposaune verspotteten. Wildenbruchs ^Verk ist gewiß nicht dort am größten, wo es am lautesten wirkte. Aber dieser hoch- begabte Theatraliker und nachdenkliche Epiker legitimiert sich allenthalben durch zwei seltene Gaben, durch Temperament und sein Theaterblut. Richard Eichinger.
Stiebe. — Welch ein süßes Wort du gefunden hast, schöne, deutsche, müsterliche Sprache, um den seligsten Zustand zu malen, der der Welt bereitet ist. Friede. — Hingagossen wie ein schlummer-trunkenes Weib, dem Ruhe die Glieder gelöst hat. so liegt die weite Erde unter dom Himmel Sa, gebadet in dem Meere goldener Wellen, die der heiße Sommermittag ihr herniederschickt. Ueber den Aehrenspitzen der schwankenden Felder zitiert und flimmert die Lust, aus den Schornsteinen des Dorfes steigt lautlos der häusliche Rauch, nur der Heimchen feines Gezirp ertönt aus den Wiesen, nur ein leiser Schauer durchrieselt das Laub der träumenden Bäume, sonst Ruhe überall und tiefe Stille. Aber diese Ruhe lähmt nicht, dieses Schweigen bedrückt nicht, denn es ist das Schweigen der in sich gekehrten, gesättigten Wonne, und wer mit aufmerksamer Seele hinauslauschen wollte in die geheimnisvolle Stunde, der würde den kiesen Atemzug der schlafenden Mutter Erde vernehmen, der würde hören, wie sie im Traume lispelnd das eine süße Wort wiederholt: „Friede — Friede." —
Da plötzlich — welche Veränderung: in die blühende duftende Stille ist ein Laut hinein ertönt, kurz und rauh wie ein abgerissener Donnerschlag — Krieg I Und nun ist es, als führe die Erde jählings empor, als schüttelte sie den Schlummer ab und blickte entsetzten Auges umher: ihr Antlitz verwandelt sickp und wer sie vorher gesehen, erkennt sie nicht wieder.
In der Hecke, welche dort mit grüner Wand die Felder umschließt, wo nur die Käfer schwirrten und die Bienen summten, ist ein neues schreckliches Leben erwacht: Rauchwolken zischen daraus hervor, in kurzen Stößen, dicht über der Erde hin — das sind Schüsse: in den Zweigen der Hecke Prasselt es — das sind Kugeln, die von drüben hineinschlagen.
Ueber den Spitzen der Aehrenfelder taucht es aus, dunkel, finster, unheimlich, Menschengosich- ter, Rosseshäupter, Haufen von Fußvolk und Reitergeschwader. Langsam schieben sie sich voran, wie von unsichtbarer Macht gestoßen, kein Wort ertönt, nnr das dumpfe Klirren ihrer Waffen begleitet ihre Schritte. Unter ihren Füßen beugen sich die Aehren, unter ihren Husen verwandelt sich die grünende Wiese in farblosen Staub — sie achten nicht darauf; für sie gibt es keinen Schmuck und keine Zier der Natur, in ihrer Seele lobt nur eins, vor ihren Augen ist nur eins: das Dorf drüben, das Ziel, dem der Angriff gilt.
Und dieses Dorf selbst, das vorhin so friedlich seinen Ranch zum Himmel steigen ließ, wie schauerlich verwandelt erscheint es setzt: die Bäume, die den Abhang beschatteten, sind abgehauen und ragen nur noch in häßlichen Stümlpsen aus der Erde, die Häuser scheinen enger aneinandergerückt, und das Ganze sieht aus wie ein zum Sprunge zusammengerolltes Ungeheuer, das sich im nächsten Augenblicke mit tausend brüllenden Schlünden aus die Männer herabstürzen wird, die dort unten heranziehen.
Ein gewalttätiger Bildner ist der Krieg, und nicht mit der Oberfläche begnügt er sich, tiefer greift er hinein, bis in das Mark und das Leben, bis in die Seelen der Völker, die er nach den Eingebungen seiner wilden Phantasie gestaltet.
Wer die Gabe besäße, die Millionen von Gesichtern eines solchen, gegen einen gemeinsamen Feind ringenden Volkes in einem einzigen Gesichte verkörpert vor sich zu sehen, der würde
Die Danaide
eine schauerliche Wahrnehmung machen; er würde sehen, wie dieses Angesicht sich vor seinen Augen zu verzerren beginnt, wie in demselben ein Zug hervortritt, von dem er sich schaudernd abwenden würde, indem er sagte: „Das ist kein menschliches Gesicht mehr." — Ja doch, aber freilich kein solches, wie wir es heute kennen, nachdem Jahrtausende in langsamer aber stetiger Arbeit an dem Antlitz, der Menschheit gebildet und geformt haben; es ist ein Gesicht ans düsterer, lange verschollener Zeit, als unter den furchtbaren Geschöpfen, welche >damals die Erde bevölkerten, das furchtbarste und wildeste dasjenige war, das ausgerichtet aus den Füßen ging und das sich „der Mensch" nannte.
Einen solchen Zug erblickte man im Jahre 1813 in dem Antlitz des deutschen, insbesondere des preußischen Volkes, als die märkischen Bau- ern bei Nacht sich zusammentaten, die Quartiere der Franzosen überfielen und diese abschlachteten, wie gefangene Raubtiere, als bei Hagelsberg die Preußischen Landwehren zu schießen sich weigerten und mit den Kolben die französischen Bataillone erschlugen, weil der Hatz sich nicht damit begnügt, den Feind aus der Ferne zu erschießen, sondern fühlen will, wie er ihn unter seinen Fäusten zermalmt.
Und einen solchen Zug .gewahrte man 1870 im Angesichte des französischen Volkes, als die Heereskörper Frankreichs unter dem stürmenden Siegesgange der deutschen Heere verschwunden waren, als das Wort „Io prussien" zum Inbegriff alles Entsetzlichen, Verabscheuenswerten geworden war und als die Franktireurs anszogen, um auf die „Menschenjagd" zu gehen, —
So standen die Dinge im Januar 1871, als der Führer der französischen Novdarmee, General Faidherbe, znm Rückzug blasen und den Deutschen das Feld räumen mußte.
Immer von neuem und immer vergeblich hatte er versucht, den eisernen Riegel zurückzuschieben. bet sich in Gestalt von zwei preußischen Armeekorps zwischen ihn und Paris legte; end- lich hatte er sich noch einmal zum letzten verzweifelten Versuche aufgerafft, und dabei rannte er sich den Kopf ein. Denn obschon er kein schlechter Mann war, so stand doch aus der anderen Seite einer, der noch besser war als er. das war bet kriegsgewaltige General von Goe- ben, der bei St. Quentin in sieben blutigen Stunden Faidherbe samt seiner Armee zerschmetterte und ihn samt seiner Armee zurück bis nach Eambrai jagte.
Das ganze Land zivischen den beiden Strömen Seine und Somme, welche dort den Norden Frankreichs durchziehen, war nun reingefegt von französischen Heeren und gehörte den Deutschen. Aber es war kein ruhiger Besitz, denn im diesem Laude lagen Städte, Flecken und Dörfer und in diesen wohnten Menschen, die nicht mit Faidherbe hinwcggeigangen waren, und in den Herzen dieser Menschen lebte, wuchs und gedieh finsterer Groll und Verderben sinnender Haß.
Jedesmal, wenn sich von Osten herüber die brüllende Stimme der Kanonen erhob, waren sie aus ihren Häusern geeilt, hatten die Köpfe zusammengestreckt und gesagt: „Das sind die Unfrigen; heut werden sie's den verdammten Prufsiens zeigen." — Und jedesmal, wenn die Winternacht herabsank und den kurzen, aber schrecklichen Tagen ein GrM bereitete, waren sie gesenkten Hauptes in ihre Wohnungen zurückgekehrt, „es war wieder nichts daraus geworden"
unid die Hoffnung, die am Morgen auf»estanden war, hatte den kurzen Wintertag nicht überlebt.
Nun zumal, als der vernichtende Schlag von St. Quentin gefallen war und ihnen vertündete, daß es keine Hoffnung mehr gab. da staüd in ihren Herzen die Verzweiflung auf und Atord hieß jetzt die Losung.
Von nun an war es für die Dentschen, als würden sie von Hornissen umschwärmt und ein dumpfes Summen stündlich naher Gefahr erfüllte die Lust. Wenn man über Feld ging, so hörte man plötzlich aus dem Walde drüben einen vereinzelten Schuß, und während man noch dem rollenden Echo lauschte und überlegte, wem es gegolten haben möchte, vernahm man über dem eigenen Kopf ein singendes Pfeifen und eine, Kugel schlug in den winterlich harten Boden ein. Dann gab es ein Suchen in dm Büschen, ein Jagen übers Feld ; manchmal fand und erjagte man, und dann war eine stechende Hornisse weniger — aber an ihrer Stelle kamen andere und ausrotten ließ sich das giftige Gezücht nicht.
Wo es seine Nester hatte, darüber konnte kein Zweifel herrschen, denn jedes der finsteren steinernen Häuser, aus denen dort die Dörfer bestehen, bildete ein solches. Und unter diesen Dörfern war eines, das in besonderem Verrüfe stand und im Atunde bet deutschen Soldaten als schlimmstes, mörderischstes Nest bezichtigt tour de. Das war ein großes Dorf in einem entlegenen Winkel der Pikardie.
Ob es seinen bösen Ruf in Wahrheit verdiente, war noch nicht festgestellt worden. man beschloß aber, der Sache Ms den Grund zu gehen und den Herd des Unheils, toenn es wirklich ein solcher war, zu ersticken. Ein Bataillon Infanterie wurde in das Dorf gelegt und demselben die äußerste Vorsicht zur Pflicht gemacht. Das hätte man den Soldaten aber nacht besonders zu empfehlen brauchen, denn da sie aus dem Munde ihrer Kameradin wuß-' tm, daß sie ans einen Boden kamen, wo Skorpione wohnten, so machten sie die Augen ans und sahen genau zu, wohin sie traten. Die Hauser, dre ihnen zum Quartier ang wiesen wurden, durchsuchten sie vom Böden bis zum Keller, aber sie fanden nichts von versteckten Waffen, überhaupt nichts Verdächtiges, wohl aber in den Kellern vielen und guten Wein. Zwar der Wein konnte vergiftet sein, und nicht ohne Bedenken entschloß man sich daher, von chm zu kosten; aber diese Befürchtung erwies sich als unbegründet, es war ein unverfälschtes Getränk und muübeie von einem Tage zum andern besser.
Einschläfern ließ man sich trotzdem nicht, und Vertrauen gewann man zr: dem „Mordloche" nicht, denn es waren imurerhin Erscheinungen vorhanden, die zu denken gaben.
In dem ganzen großen Dorfe fand iratm, als man ernruckte, fast nur Frauen und Me Männer vor, und da die Frauen sich mit feindseliger Scheu in ihrig Wohnungen hielten, alte Männer aber nicht aeeignet sind, Leben und Bewegung zu verbreiten, so herrschte in dem weitläufigen Häusergebiete eine öde, schweigende Ruhe. Wo w>aren die jungen Männer des Qrtcs geblieben? Das fragte man sich. Es war freilich jemand vorhanden, der daraus Antwort geben konnte und gab; das war ein alter pensionierter französischer Forsthüter, der in dem Kaffeehaufe, wo die deutschen Offiziere verkehrten, täglich seinen Absinth nahm, ein jovialer
