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Gottfried Keller:

Der Schmie- seines Glückes

Gottfried Keller, geboren am 19. Juli löiy zu Zürich, und dort gestorben am 15. Juli 1890.

Als eines aufrechten Drechslermeisters Sohn wird Gottfried Keller im Kanton Zürich vor hundert Jahren geboren. Sein Vater stirbt fünf Jahre nach der Geburt des Knaben, der nunmehr allein der mütterlichen Obhut anvertraut ist. Mit einer Hingabe, deren nur vortreffliche Menschen fähig sind, wendet die Fürsorglichkeit der Witwe die knappen Mittel an die Erstehung des Sohnes. Der junge Gottfried kommt zunächst in die Armenschule, dann besucht er von 183133 das Landknabeninstitut. Wie der Kanton eine Industrieschule er­richtet, weist ihm die Mutter neue W^ege sur Bildung; aber der Fünfzehnjährige hat Pech und muß, durch eine Ver­knüpfung mißlicher Umstände gezwungen, im Sommer 1834 aus diesem Institut ausscheiden. Fast möchte man sagen: Wer weiß wofür es gut war. Denn nun gewinnt der Jüngling eine ganz neue Art von Frei­heit, in der sich künstlerische Bestrebungen und Mo­tive melden. Er will Landschaftsmaler werden und er­lernt bei Peter Steiger die Anfangsgründe der Technik.

Ueber bescheidene Methoden des Kopierens ist bei diesem Handwerker indeß nicht hinauszugelangen. Ein zweiter Lehrmeister aber, Rudolf Meyer von Regensdorf führt ihn 1837 zum Studium der Natur und enthüllt dem jungen Maler äuge Geheimnisse der Kunst. V/ie Rudolf Meyer in geistige Um­nachtung fällt, verliert Gottfried seinen Mentor. 1839 sucht er eine neu» geistige Atmosphäre auf: Mit kargen Mitteln geht er nach München. Aber auch hier empfängt er keine künstlerisch entscheidenden Eindrücke. Nach drei Jahren kehrt Keller in die Schweiz zurück, mit großen Entwürfen beschäftigt. Inmitten dieser male­rischen Impressionen findet er plötzlich ein neues, erringt sein Ausdrucksmittel; Das V/ort. Kellers erste Verse erscheinen in einer von A. L. Folien, einem neuen literarischen Gönner veranstalteten Auswahl 1845 imDeutschen Taschenbuch". Mit staatlicher Unterstützung geht, von der Heimat anerkannt, der junge Dichter im Revolutionsjahr 1848 an die Heidel­berger Universität, um die in Zürich begonnenen philosophischen Studien fortzusetzen. Beendet werden sie in Berlin, wo Keller von 1850 an sich aufhalt. 1855 nimmt er, gereift an allen Gaben des Geistes dauernd Aufenthalt im Kantönli Zürich, vergraben in Literarischen Projekten. 1861 wird der Dichter zum Mitglied des großen Rates ernannt.

und diesem Benefixium, welches nichts einbringt als Ehre, wird auch ein Offizium hin­zugefügt, welches Kellers bürgerliche Existenz einigermassen sichern soll: Der Kanton Zürich überträgt ihm das Amt eines ersten Staatsschreibers. Ohne sehr große innere Nötigung verwaltet Gottfried Keller, Meister Gottfried, wie die Welt der Kenner bald ihn nennt, diesen Posten fünfzehn Jahre. Von 1876. bis 1890 darf der V/eise dann aller Bürden ledig seiner göttlichen Muse allein leben. Herrlicher als eine fremde F/der es vermöchte, hat Gottfried Keller Heraufkunft und Wachstum seines Lebens in dem Dokument geschildert, welches die frühe Basis seines Ruhmes unter Deutschen geworden ist: in dem vier­bändigen RomanwerkDer grüne Heinrich". Dieses klas­sische Buch, vergleichbar höchstens GoethesDichtung und Wahrheit", brauchte dreißig Jahre, um es zur dritten Auflage zu bringen: ein Faktum, ewig be­schämend für die deutschen Leser und für die neu­zeitliche Auflagenprotzerei fingerfertiger Sensations­schreiber. 1856 gab Keller die herrlichen Erzählungen, Die Leute von Seldwyla" in Druck; vierzehn Jahre später dieSieben Legenden". Das Jahr 1876 bringt die wundervolle ErzählungRomeo und Julia auf dem Dorfe"; 1878 dieZüricher Novellen" ; 1881Das Sinn­gedicht". Mit dem Roman ,,Martin Salander" wird 1886 des Meisters letztes großes Epos der Welt geschenkt. Die Gesammelten W^erke" erschienen 1890 als eine zebnbändige Aus­wahl im Todesjahr des Dichters. Das schnittige Keller-Porträt von £. Würtenberger, mit dem wir unsere heutige Ausgabe schmücken dürfen, ver­danken wir der Liebenswürdigkeit des Verlages der höchst lesenswerten ZeitschriftDer Lesezirkel", Hottingen Zürich. Was Gottfried Kellers Werk charakterisch und einzig macht, ist die göttliche Überlegenheit des großen Epikers, der die Welt betrachtet aus seinem stillen Poeten-V/inkel und sie noch einmal dann erschafft nach seinem eigenen Bilde. Ins allgemeine steigernd, was er erfahren unter Menschen, erhebt er Sinn und Sein seiner Figuren zu klassischer Geltung. Ist nüchtern wie ein Goldschmied der köstliches Geschmeide in verhangener Werkstatt ineinanderfügt; und doch wiederum trunken wie Dionysos von edlem AVein und allen funkelnden Schönheiten der Erde.Trinket Augen, was die ^Vimper hält, vom dem goldnen Überfluß der Weltl", dieses Lyrikerwort ist Gottfried Kellers dyonisische Forderung an die Menschheit. Richard Eicbinger.

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